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Münchens Coworking Community - Besuch im Werk1.
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Münchens Coworking Community - Besuch im Werk1.

Ein eigenes Büro rechnet sich für Alexander Gansmeier nicht. Der 30-Jährige arbeitet als selbständiger Konferenzdolmetscher für Englisch und ist viel unterwegs. Deshalb hat er sich für Coworking entschieden. Im Werk1, einem Münchner Coworking Space und Kreativquartier, teilt er sich einen Schreibtisch - wie 130 andere auch.

"Ich mag das total gerne, weil lauter Leute um mich rum sind, die auch alle arbeiten. Es ist nicht ganz so still, wie wenn ich jetzt alleine zuhause sitze in meinem stillen Kämmerlein. Und ich mag das strukturierte Chaos, dass um mich herum was passiert. Aber wenn man Lust hat, kann man sich auch mal einen Kaffee holen und zwei Minuten reden. Dann hat man so ein bisschen Austausch, der Zuhause im Homeoffice gar nicht da ist oder weniger." Alexander Gansmeier, Konferenzdolmetscher

Coworking Space: Ein Netzwerk aus Einzelkämpfern

Alexander hat acht Tage im Monat gebucht - und damit Anspruch auf Stuhl, Tisch, Strom und Internet. Auf einen Drucker. Und auf viel Gemeinschaft. Die Coworker kommen aus unterschiedlichen Bereichen, darunter Wissenschaftler, digitale Nomaden, Entwickler. Alleine arbeiten und doch Teil einer Gemeinschaft sein können - das ermöglicht der Coworking Space.

Das Werk1 unternimmt viel, damit aus Einzelkämpfern ein Netzwerk wird: After-Work-Partys, Vorträge, Events. Oder auch ein gemeinsames Frühstück. Hier werden Kontakte geknüpft, neue Geschäftsideen entwickelt. Erfahrene Coworker nutzen das Forum gerne zur Eigenwerbung. So wie die beiden Multimedia- Expertinnen Sabrina und Hafida. Die beiden haben sich im Werk1 kennengelernt und betreiben nun gemeinsam eine digitale Medienproduktion.

"Das Frühstück war ganz erfolgreich für uns. Wir haben schon die ersten Kontakte knüpfen können. Einen Social Media-Experten kennengelernt, eine CEO-Expertin. Und wir haben auch schon eine Auftragsanfrage." Hafida Zebri, Kreativchefin und Gründerin "Digitalpunk"

Um ein erstes Angebot für die neue Anfrage zu erstellen, ziehen sich Sabrina und Hafida in den Silent Space zurück. Hier herrscht Redeverbot. Klingelt doch einmal das Telefon, können für Gespräche schalldichte Zellen benutztwerden. Sabrina kämpft sich durch die neuen Datenschutzbestimmungen: Fragen über Fragen. Sie hofft Hilfe im Werk1-eigenen Kommunikationsportal zu finden.

Beim Coworking profitieren Mitglieder von vielseitigem Fachwissen

Sabrinas Hilferuf ist erfolgreich. Sie findet den Datenschutzprofi Jörg Hermann. 20 Jahre war er fest angestellt - dann selbstständig und im Homeoffice. Seit fünf Monaten ist er fast täglich im Coworking Space:

"Ich habe zunächst versucht im Homeoffice zu arbeiten, weil ich mir dachte, das ist bestimmt ganz angenehm, und hab dann aber festgestellt, dass da die Ablenkung für mich zuhause einfach viel zu groß ist. Da wird die Küche geputzt, die Fenster geputzt und abgewaschen. Der Nachbar getroffen. Man schiebt gerne alle Aufgaben, die nicht so toll sind in der Arbeit - und davon gibt es immer welche -, die schiebt man vor sich her. Weil man zuhause immer etwas findet, was man besser tun kann als zum Beispiel Verwaltungsjobs oder Steuererklärung zu machen." Jörg Hermann, selbständiger Datenschutzbeauftragter

Sabrinas Datenschutzproblem ist bei einem kurzen Treffen schnell geklärt. Auch Jörg profitiert davon für seine Arbeit. Selbständige arbeiten als Coworker in der Regel effektiver als zuhause. Optionale Angebote für den Einzelbedarf ermöglichen ein professionelles Auftreten. Stehen Schulungen oder ein Kundengespräch an, können stundenweise Räume hinzugebucht werden.

"Kundengespräche im Homeoffice - wirklich ein Problem. Das heißt man trifft sich entweder beim Kunden, aber wenn der Kunde selber eine kleine Firma ist oder nicht aus München kommt, dann hat man sich halt meistens in irgendwelchen Hotellobbys getroffen. Was nicht ideal ist. Insbesondere wenn man über sensible Sachen in Sachen Datenschutz sprechen möchte." Jörg Hermann, selbständiger Datenschutzbeauftragter

Trend der Gegenwart - das Büro, wenn man es braucht

Mit seinen 50 Jahren ist Jörg nicht gerade der typische Coworker. Bevor er sich für diesen Schritt entschied, hatte er große Bedenken, das ist heute nicht mehr der Fall: "Erstens ist es gar nicht so laut wie ich dachte", stellt er fest, und zweitens: "Man bekommt hier nicht nur einen Schreibtisch, sondern gleich ein ganzes Netzwerk geliefert." Auch Dolmetscher Alexander schätzt die Flexibilität, die das Coworking mit sich bringt.

"Ich glaube tatsächlich, dass Coworking so im Trend ist, weil es ein Zeichen der Zeit ist. Man kauft sich ja nix mehr. Man kauft sich auch kein Auto mehr. Man mietet sein Handy mit einem Handyvertrag. Also man besitzt nur noch sehr wenig Sachen und beim Coworking ist das auch so. Ich buche mir das was ich brauche. Ich kann das monatlich wieder kündigen. Ich komme nur hierher, wenn es mir gerade passt und ich glaube tatsächlich das liegt wirklich im Trend." Jörg Hermann, selbständiger Datenschutzbeauftragter

Gemeinsam statt einsam in einem kreativen Arbeitsumfeld - genau das macht Coworking für selbständige Einzelkämpfer so interessant.