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Gemeinschaftliches Wohnen - mehrere Generationen unter einem Dach. Möglich ist das in Mehrgenerationenhäusern.

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Gemeinsam statt einsam: Mehrgenerationenhäuser und Demenz-WG

Nachbarschaftliches Miteinander und stabile Mieten – genossenschaftlich organisierte Mehrgenerationenhäuser ermöglichen es Jung und Alt zusammen und zugleich individuell zu wohnen. Auch für Menschen mit Demenz gibt es Wohnprojekte in Gemeinschaften.

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Von
  • Susanne Ilse

Manche hätten im Alter gerne eine kleinere Wohnung. Andere suchen nach der Gründung einer Familie eine bezahlbare Bleibe. Eine Lösungsmöglichkeit bietet ein Mehrgenerationenhaus. Mit echtem Mehrwert: Dort helfen die Alten den Jungen - und andersherum.

Prien im Chiemgau. Nicht weit vom Ortszentrum steht ein neues Mehrgenerationenhaus mit 17 Wohnungen. Es gehört einer Genossenschaft namens MARO. Das steht für "Miteinander, aber richtig organisiert". Vor einem halben Jahr ist Familie Knüpfel in das Haus eingezogen. Nach der Geburt des zweiten Sohnes suchten die Knüpfels eine größere Wohnung – und fanden dort auch eine soziale Hausgemeinschaft.

Mehrgenerationenhaus: Ältere und Jüngere unter einem Dach

"Wir profitieren von den Alten und die profitieren wieder von uns", sagt Bewohner Nils Knüpfel. "Die Kinder haben die Möglichkeit, dass man mal vorgelesen bekommt, wenn wir schnell irgendeinen Termin haben. Und ich kann natürlich auch den älteren Leuten mal was montieren oder etwas die Treppen hochtragen, so dass es ein Geben und Nehmen für alle ist."

Alternative Wohnform für Senioren

Wolfgang Puchert ist noch recht rüstig. Der 77-Jährige wohnt mit seiner Frau Inge im ersten Stock auf knapp 80 Quadratmetern. Vorher besaßen die beiden in Prien eine Eigentumswohnung im dritten Stock ohne Aufzug. Im Mehrgenerationenhaus dagegen gibt es einen Lift im Haus – und auch sonst fühlt sich das kinderlose Paar dort wohl.

"Der Vorteil ist eben, was ich selber spüre. Hier ist mehr Leben im Haus. Es rührt sich etwas, was vorher nicht so gewesen ist. Das sehe ich als Vorteil an. Obwohl es manchmal, wie meine Frau schon vorher gesagt hat, ein bisschen nervt. Aber das ist eine Sache, da nehme ich die Ohrenstöpsel halt dazu." Wolfgang Puchert, Bewohner Mehrgenerationenhaus

Genossenschaftsmitglieder statt Wohnungseigentümer

Die Pucherts sind jetzt nicht mehr Eigentümer, sondern wie alle anderen Bewohner Mitglieder einer Genossenschaft. Dafür haben sie einmalig insgesamt 1.500 Euro für die Mitgliedschaft bezahlt und für die Wohnung Pflichtanteile erworben. Bei rund 80 Quadratmetern sind das 40.000 Euro. Dazu kommt die Miete von 11,30 Euro pro Quadratmeter, insgesamt also 904 Euro.

Langfristig stabile Miete durch Genossenschaft

Familie Knüpfel erhält eine staatliche Förderung und zahlt deshalb nur 5,50 Euro pro Quadratmeter, macht insgesamt 440 Euro. Damit können sich der Schreiner und die Pädagogin die größere Wohnung leisten. "Wir haben jetzt mehr Platz und zahlen nicht mehr als vorher", sagt Nils Knüpfel. "So haben wir mehr Zeit für die Kinder, weil wir nicht voll arbeiten gehen müssen und können trotzdem in bester Lage wohnen." Junge und Alte haben eine Wohnung auf Lebenszeit mit einer langfristig stabilen Miete gefunden.

So funktioniert das Zusammenleben im Mehrgenerationen-Haus

Wieder im Mehrgenerationen-Haus in Prien am Chiemsee. Jeder Bewohner sollte hier etwas für die Gemeinschaft tun. Einige kümmern sich regelmäßig um die Grünflächen. Auch Familie Knüpfel macht bei der Garten-Arbeitsgruppe mit. "Die meisten sind einfach sehr sehr hilfsbereit und sehr engagiert und wir haben hier viele AGs, die einfach gut besetzt sind“, berichtet Anna Knüpfel. "Es kommt auch viel zustande hier. Wir haben uns alle relativ gut eingelebt. Insgesamt fühlen wir uns wohl."

Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz

Das erste Projekt der MARO-Genossenschaft in Oberbayern startete 2016 in Weilheim. Dazu gehört eine Wohngemeinschaft für demenz-kranke Menschen als Alternative zur Versorgung im Heim oder zuhause. Vlasta Beck hat damals die WG mit zehn Bewohnern und deren Angehörigen bereits ein halbes Jahr im Vorfeld betreut.

"Diese Menschen können ganz anders in den Alltag eingebunden werden als in einer großen Einrichtung. Und darum ging es letztendlich hauptsächlich, dass der Alltag relativ normal gestaltet wird trotz dementieller Erkrankung." Vlasta Beck, MARO Projektleiterin Demenz-WG

Eine Hauswirtschafterin und fünf Pflegerinnen der Ökumenischen Sozialstation Oberland kümmern sich in drei Schichten um die Bewohner. Alle sind gegen Corona geimpft. Und seit der Pandemie darf pro Bewohner nur eine von zwei Kontaktpersonen für eine Stunde zu Besuch kommen.

Entlastung für Angehörige

Jutta Ruffing hat früher ihre Mutter mit Hilfe nur einer Pflegerin zuhause versorgt – bis die Krankheit zu schlimm wurde. Als die Tochter von der Demenz-WG hörte, brachte sie ihre Mutter gleich dort unter. "Sie ist wirklich bestens betreut und gepflegt", sagt Jutta Ruffing. "Da hat sich auch so ein Vertrauen aufgebaut zu dem Pflegepersonal. Wir haben ja schon Jahre miteinander zu tun. Es wird sofort angerufen, wenn irgendwas ist, und abgeklärt. Sie sind wirklich so liebevoll und so begeistert und motiviert. Das ist wirklich toll." Die Angehörigen wirken ehrenamtlich mit. Ein Gremium, dessen Vorstand Jutta Ruffing ist, kümmert sich um die gesamte Organisation der Wohngemeinschaft.

Kosten der Demenz-WG

Der individuelle Lebensraum für die Demenz-Kranken hat seinen Preis. Einmalig müssen auch sie 1.500 Euro für die Mitgliedschaft in der Genossenschaft bezahlen. Hinzu kommen monatlich Betreuungspauschale, Miete und Haushaltsgeld.

Familiäre Atmosphäre für Bewohner

Hans Höcherl ist im Januar eingezogen. Bis dahin hat sich seine Frau Ruth alleine um ihn gekümmert. Als er dann aber nachts jede Stunde das Bett verlassen wollte, kam die 73-Jährige an ihre Belastungsgrenze. "Ich habe eine kleine Gemeinschaft gesucht. Und mein Mann kommt ja aus einer Großfamilie. Er hat neun Geschwister. Das hier ist so ein Zurückkommen in die Großfamilie. Hier sind zehn Personen insgesamt. Das tut ihm gut", sagt Ruth Höcherl. Täglich geht sie mit ihrem Mann eine Stunde spazieren. Ruth Höcherl ist froh, dass sie mit der Weilheimer Demenz-WG Entlastung gefunden hat – und bei der Pflege ihres Mannes nicht mehr auf sich alleine gestellt ist.

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