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Gas im Tank: Warum die Politik auf der Bremse steht | BR24

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Klimaneutral Auto fahren, das geht. Aber nicht etwa mit Strom, sondern mit Gas, genauer: Biomethan, das aus Abfällen oder Stroh gewonnen wird. Die Autos dafür gibt es, sie werden nur nicht gefördert. Warum eigentlich?

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Gas im Tank: Warum die Politik auf der Bremse steht

Klimaneutral Auto fahren, das geht. Aber nicht etwa mit Strom, sondern mit Gas, genauer: Biomethan, das aus organischen Abfällen oder Stroh gewonnen wird. Die Autos dafür gibt es. Allerdings werden sie politisch nicht gefördert. Warum eigentlich?

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Wie kann man den Straßenverkehr klimafreundlicher gestalten? Auf diese Frage wissen Politiker fast nur eine Antwort: Indem wir die Elektromobilität ausbauen. Doch daran werden Zweifel laut. Zuletzt durch eine Studie, die der ADAC veröffentlicht hat.

Klimabilanz: Erdgas an der Spitze

Demnach kann das Elektroauto einen Diesel bei der Treibhausgasbilanz unter den gegenwärtigen Bedingungen mit einem 40-prozentigen Anteil schmutzigen Kohlestroms im deutschen Strommix erst nach 219.000 gefahrenen Kilometern einholen. Unerreichbar vorn in dieser Klimabilanz liegt ein Treibstoff, den die Politik meist gar nicht groß in Betracht zieht: Erdgas.

Nur rund 100.000 Autos fahren in Deutschland mit diesem alternativen Antrieb. Das hat auch mit der Förderpolitik der Bundesregierung zu tun. Anders als bei Elektroautos gibt es für Erdgasfahrzeuge keine Kaufprämie oder extra Steuererleichterungen.

Entscheidung für Gasauto statt Elektro

Auch die Autoindustrie wirbt nicht offensiv für den alternativen Antrieb. Obwohl einige Hersteller ihre Modelle mit Erdgasantrieb anbieten. Und ein solches Auto hat sich Familie Schober aus Puchheim bei München vor gut einem Jahr zugelegt.

"Das Tolle ist, dass wir mit Biomethan unterwegs sind, und dass das total umweltfreundlich ist.“ Sabine Schober, fährt mit Biogas

Wenn Sabine Schober von ihrem neuen Auto erzählt, kommt sie schnell ins Schwärmen. Genauso wie ihr Mann Stephan, der vor gut eineinhalb Jahren genau recherchiert hat, welches Auto am besten den ökologischen Anspruch des Ehepaars erfüllen könnte, nachdem der alte Familiendiesel an sein Ende gekommen war.

App hilft bei der Tankstellensuche

Ein Elektroauto kam für Stephan Schober nicht in Frage: "Das Elektroauto hat mit seiner Batterieproduktion so einen hohen CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch, dass das für uns keine Option war."

Am Ende haben sich die Schobers für ein CNG-Auto entschieden. CNG steht für Compressed Natural Gas, auf Deutsch wird es etwas ungenau mit Erdgas übersetzt. So steht es auch an den Tankstellen, die CNG anbieten. Und von denen es eigentlich zu wenige gibt. Ein Manko, dass eine gewisse Planung beim Tanken erfordert, dank entsprechender Apps aber leicht zu bewältigen sei, wie die beiden erzählen.

Klimaneutral dank Biomethan

Bisher haben es die Schobers sogar hinbekommen, fast ausschließlich Biomethan zu tanken. Und nach gut einem Jahr fällt ihre Bilanz rundum positiv aus.

"Wir sind 15.000 Kilometer gefahren in den letzten Monaten, wir haben fast alles mit Biomethan abdecken können, 4, 60 Euro pro 100 Kilometer sind unsere Kosten, und damit fahren wir relativ umweltfreundlich und klimaneutral." Stephan Schober, fährt mit Biogas

Das Biogas stammt übrigens nicht aus Mais oder Raps, sondern aus organischen Abfällen. Die Stadtwerke München zum Beispiel produzieren Biomethan aus Küchen- und Gartenabfällen. Andernorts wird im großen Stil Stroh verwertet.

Treibstoff aus Stroh und organischen Abfällen

Die Verbio-AG, ein darauf spezialisiertes Unternehmen in Sachsen-Anhalt, beliefert damit 90 Prozent aller deutschen Biomethanzapfsäulen.

In großen Kesseln wird das Stroh zu CH4, also Methangas, vergoren. Daneben bleibt nur ein hochwertiges Düngesubstrat übrig, das an die Landwirte zurückgeht. Das Biomethan aber gelangt über das Erdgasnetz an die Tankstelle, ein absolut grüner Treibstoff. Denn bei dessen Verbrennung wird nur soviel CO2 frei, wie zuvor durch das Getreidestroh gebunden wurde.

Verbio-Vorstandschef Claus Sauter, ein Landwirtssohn aus dem schwäbischen Illertissen, ist überzeugt: Mit seinem Kraftstoff könnten Millionen Autofahrer sofort zum Klimaschutz beitragen.

"In Deutschland stehen ungefähr 12 Millionen Tonnen ungenutztes Getreidestroh zur Verfügung. Daraus könnte man genügend Biomethan produzieren, um 7 Millionen Mittelklasse-Pkw zu betreiben." Claus Sauter, Verbio-AG

Politik pusht Elektromobilität

Dennoch setzt Brüssel wie Berlin im Kampf gegen den Klimawandel unverdrossen auf den Ausbau der Elektromobilität. Der Verbrennungsmotor dagegen gilt der Politik als Auslaufmodell.

"Wir wollen substanzielle technologische Fortschritte in diesem Bereich erreichen. Ein zusätzlicher Fokus auf die CNG-Technologie könnte dies verhindern oder verlangsamen." Bundesumweltministerium

In einer Stellungnahme an den Bayerischen Rundfunk begründet das Bundesumweltministerium diese Fokussierung auch damit, dass Biomethan für Erdgasfahrzeuge nur begrenzt zur Verfügung stehe und und dass die Autokäufer "nie wirklich auf Erdgas-Autos angesprungen" seien, obwohl es sie schon seit über 20 Jahren gebe.

Hubert Aiwanger kritisiert Batterie-Euphorie

Einer, der die Fokussierung auf Elektromobilität kritisch sieht, ist Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern.

"Also, in meinen Augen ist die Batterie-Euphorie etwas zu groß. Wir müssen alles tun, um Biomethan-Antriebe oder dergleichen mehr ins Spiel zu bringen und nicht so tun, als wären die Gasautos die großen Dreckschleudern und die Batterie ist der Weltenretter." Hubert Aiwanger, Bayerischer Wirtschaftsminister

Zu den Kritikern der Festlegung auf Elektromobilität zählt neuerdings auch der Bund der Steuerzahler in Bayern, alarmiert von Berichten im Bayerischen Rundfunk über die Clean-Vehicles-Richtlinie, die das EU-Parlament am Ende der letzten Wahlperiode verabschiedet hatte.

Elektrobusse: "Ökonomischer Irrsinn"

Die EU-Richtlinie sieht vor, dass Verkehrsbetriebe ab dem Jahr 2021 ihre Fuhrparks mit Elektrobussen ausstatten müssen. Michael Jäger vom Bund der Steuerzahler spricht angesichts von Milliardenkosten von einer "Steuergeldverschwendung irrsinnigen Ausmaßes".

"Man legt fest, dass eine Technologie, in dem Fall die E-Mobilität, die einzig wahre sei. Busse mit Biogas-Antrieb werden letztendlich verboten im Ergebnis, was zu keinem ökologischen Nutzen führen wird und ökonomischer Irrsinn ist." Michael Jäger, Bund der Steuerzahler

Augsburg bangt um umweltfreundliche Busflotte

Die Clean-Vehicles-Richtlinie der EU könnte gravierende Folgen für die Stadtwerke Augsburg haben. Die haben bereits im Jahr 2011 alle 90 Busse auf den klimafreundlichen Biomethan-Antrieb umgestellt. Seither gelten sie als die umweltfreundlichste Busflotte in Deutschland.

Aus ihrem Auspuff kommt fast kein Stickoxid, auch Ruß und Feinstaub seien kein Thema, versichert Fuhrparkchef Klaus Röder. Und das klimaschädliche CO2 setzen sie nur in den Mengen frei, die vorher vom Stroh in den Pflanzen gebunden wurden, unter dem Strich kommt durch die Augsburger Busse kein zusätzliches Kohlendioxid in die Atmosphäre.

Dieses umweltfreundliche Verkehrsmodell ist jetzt in Gefahr, denn daneben auch noch einige Elektrobusse zu betreiben, wäre unwirtschaftlich. In Augsburg hofft man jetzt, dass die Bundesregierung die EU-Richtlinie so umsetzt, dass Augsburg keine teuren E-Busse anschaffen muss. Aber auch dann würden die Augsburger Biogasbusse in eine ungewisse Zukunft fahren. Denn die Stadtwerke befürchten, dass die Bushersteller den Biomethanantrieb nicht mehr weiterentwickeln, wenn die EU so einseitig auf Elektrobusse setzt.