Ganz schön wählerisch: So ticken junge Arbeitnehmer in Bayern

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Ganz schön wählerisch: So ticken junge Arbeitnehmer in Bayern

Ganz schön wählerisch: So ticken junge Arbeitnehmer in Bayern

Schon jetzt haben Berufseinsteiger den Ruf als "Generation Null-Bock" weg. Es heißt, sie wollen weniger arbeiten als ihre Eltern, aber mehr Geld verdienen. Dabei könnte die junge Generation vor allem dem Mittelstand helfen.

Der Arbeitsmarkt ist ohnehin schon leergefegt, und dann kommt da noch die Generation der ab 1995 Geborenen und stellt unerfüllbare Bedingungen – so ist es aktuell vielerorts in den Chef- und Chefinnen-Büros im Freistaat zu hören. Die Jungen seien schlecht ausgebildet und unmotiviert, sie hätten keine Lust darauf, Verantwortung zu übernehmen und selbst Entscheidungen zu treffen. In den Gehaltsverhandlungen aber hätten sie utopische Vorstellungen.

Lieber den unkomplizierten Weg einschlagen

Dabei ist die Klage bekanntermaßen der Gruß der Kaufleute. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte. Und diese Wahrheit lässt sich am ehesten bei einem Vertreter wie André Brachmann* finden. Der 23-jährige BWL-Student sitzt mit einer Schorle im Büro seines Vaters. Draußen spielt sich der Alltag in der Kemptener Hauptfiliale der ambulanten Reha und Physiotherapie ab. Im unteren Stockwerk befindet sich das moderne Fitnessstudio – eines Tages wird all das mal André gehören.

Ja, er habe schon Lust, irgendwann mal ein Büro wie das hier zu haben, gibt Brachmann zu. Aber mit Physiotherapie oder Fitness hat er eigentlich nichts am Hut. Mit Excel kenne er sich dafür gut aus, sagt er und lacht. Wenn Brachmann aber eigentlich keinen inhaltlichen Bezug zur Gesundheitsbranche hat – wieso übernimmt er dann die Firma des Vaters und geht nicht seinen eigenen Weg?

Fehlende Eigeninitiative der Generation ist historisch neu

"Ich bin mit der Physio aufgewachsen", sagt er achselzuckend. "Und ich mache das jetzt halt." Diese Einstellung sei nicht nur weit verbreitet, sondern auch historisch neu, sagt Rüdiger Maas. Er ist Generationenforscher und Unternehmensberater in Augsburg und hat auch die Firma von André Brachmann schon beraten. Natürlich habe es schon immer Nachfolgegenerationen gegeben, in denen der Vater seinen Beruf an den Sohn weitergibt. Aber dass der jungen Generation die Fantasie gefehlt hat, sich etwas Eigenes auszudenken, das sei absolut neu.

Die Gründe dafür sind verschieden. Sicherlich sei die Pandemie für viele junge Menschen hemmend gewesen – auch für André Brachmann. Er hat fast das gesamte Studium im Homeoffice verbracht und das eigentlich geplante Auslandssemester hat er sich auch gespart. Aber ein anderer Faktor ist viel entscheidender, sagt der Generationenforscher Maas: "Jeden Tag feiern ungefähr 1.800 Menschen ihren 18. Geburtstag. Aber 3.500 Menschen werden 65 Jahre alt. Das ist eine Riesenlücke. Es sind einfach extrem wenige."

Ein Leben im Mittelpunkt: Geburtenschwache Jahrgänge

Übersetzt bedeutet das: Jedes dieser Post-Millenial-Kinder ist rein rechnerisch seit jeher auf dem Spielplatz von zwei Erwachsenen umzingelt, die es nicht nur beschützen – sondern ihm auch jeden Wunsch erfüllen. Diese jungen Menschen fühlten sich stets wahr- und ernstgenommen und sind mit dem Wissen aufgewachsen, dass sie im positivsten Sinne machen können, was sie wollen.

Deshalb haben für sie Geld, Wohlstand oder Macht keinen sonderlich großen Stellenwert mehr. Stattdessen steht die eigene Entfaltung im Mittelpunkt – so haben sie es ja gelernt. Junge Menschen sehen vor allem sich selbst, ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt. Und genau deshalb steht ihnen nicht der Sinn danach, ihre Zeit für eine Firma aufzuopfern. Wichtiger ist es ihnen, die Tage sinnvoll zu verbringen – und was sinnvoll ist, entscheiden sie selbst.

Gesellschaftliche Werte gewinnen wieder an Bedeutung

Aus dieser Ich-Zentriertheit lässt sich aber auch Positives ziehen, berichtet Rüdiger Maas: Die junge Generation ist beispielsweise oft finanziell so unabhängig, dass gesellschaftliche Werte wie Freundschaft, Nächstenliebe und Familie wieder stärker in den Vordergrund treten.

Sie sind oft weitgehend befreit von Homophobie, Rassismus oder Sexismus, belegen die Daten. Sie verurteilen andere nicht vorschnell und vor allem haben sie ein starkes Bedürfnis nach Bindung und Sicherheit. Während der Pandemie waren sie es, die die härtesten Einschränkungen eingefordert haben.

Wunsch nach Bindung ist Chance für Unternehmen

Und genau hier sieht Maas eine große Chance für kleine und mittlere Unternehmen. Denn deren Strukturen sorgen noch am ehesten dafür, dass die Jüngeren sich gesehen fühlen. Sie spielen dort eine zentrale Rolle, statt nur eine Nummer zu sein, wie im Großkonzern. Für dieses Gefühl lassen sie auch hohe Gehälter oder unbefristete Verträge links liegen.

Außerdem ist die Generation ja noch sehr jung. Maas vermutet, dass sich die Unlust auf Verantwortung noch verschieben könnte, sobald sie selbst Kinder bekommen und beispielsweise aus dem Elternhaus ausziehen müssen. Auch André Brachmann, der Physio-Nachfolger aus Kempten im Allgäu, weiß, dass seine Zukunft nicht nur aus Schorlen und einem schönen Büro bestehen wird. "Ich werde schon viel arbeiten müssen", sagt er. "Davor habe ich auch schon ziemlichen Respekt."

*Name von der Redaktion geändert

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