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Fürth: Zehn Jahre nach der Quelle-Insolvenz | BR24

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Vor zehn Jahren reichte die Quelle GmbH Deutschland den Insolvenzantrag ein. Mehr als 4.000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Mit einer davon sind davon sind wir wieder ins Quelle-Gebäude in Nürnberg zurückgekehrt.

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Fürth: Zehn Jahre nach der Quelle-Insolvenz

Im Juni 2009 reichte die Quelle GmbH Deutschland den Insolvenzantrag ein. 4.000 Menschen verloren dadurch ihren Job. Seitdem ist das Quelle-Areal die zweitgrößte leerstehende Gewerbeimmobilie in Deutschland. Jetzt entsteht "The Q".

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Vor zehn Jahren musste die Quelle GmbH Deutschland den Insolvenzantrag stellen. Er wurde am 9. Juni 2009 eingereicht. Ein halbes Jahr später ging dann ein Unternehmen pleite, das Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat.

Nürnberg nach Quelle-Insolvenz in Schockstarre

Vor und nach dem Insolvenzvertrag gingen die Mitarbeiter des Unternehmens auf die Straße, kämpften um "ihre“ Quelle", die bis zu diesem Tag zu Nürnberg gehörte wie die Burg. Für die Beschäftigten war es lange Zeit nicht fassbar, wie ein solches Nachkriegsunternehmen pleite gehen konnte. Am 16.11.2009 meldete die Firma dann den Konkurs an. Die Namensrechte wurden von der Otto Group gekauft.

Emotionen, Job- und Wohnungssuche

Es war ein Kampf der Mitarbeiter mit dem Betriebsrat bis zur letzten Stunde, der mit viel Hoffnung der Mitarbeiter verbunden war. Bis zuletzt glaubten viele nicht an den Untergang, steckten ihre Hoffnung in Interessenten und mögliche Investoren. Bis Arcandor mitteilen ließ, die Verkaufsbemühungen für Quelle Deutschland seien erfolglos verlaufen. Trotz "intensiven Verhandlungen" sei keine Alternative zur Abwicklung gefunden worden, so der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg im Jahr 2009 gegenüber dem Gläubigerausschuss. Mehr als 4.000 Mitarbeiter in der Region Nürnberg-Fürth verloren ihren Job. Ein Jahr danach waren immer noch 1.300 Menschen der Quelle auf Arbeitssuche. Viele suchten plötzlich kleinere Wohnungen. Der Markt mit 2- und 3-Zimmer-Angeboten war leergefegt.

Schicksale: Zehn Jahre danach

Jürgen Wenning hatte Glück. Er war 35 Jahre angestellt beim Quelle-Institut für Warenprüfung und damit verantwortlich für die Qualität der Haushaltskühlgeräte.

"2001 oder 2002 war fast jeder dritte Gefrierschrank ein Quelle-Gerät in Deutschland und jedes vierte Kühlgerät und -kombi war auch Quelle." Jürgen Wenning, ehemaliger Quelle-Mitarbeiter

Nach der Kündigung fand er schnell wieder eine Arbeit beim TÜV Rheinland. Dort war er bis 2013 Sachverständiger, anschließend wechselte er in die Entwicklungsabteilung eines Hausgeräteherstellers. 2017 ging er in den Ruhestand. Mit gemischten Gefühlen blickt er noch heute auf die Entwicklung "seiner Quelle".

"Am 30.10.2009 wurde ich 61, den Geburtstag habe ich mit den Kollegen gefeiert. Ich hatte schon meine Kündigung vom 16.10. bis zum 31.01. und da haben wir uns noch gesagt, 'dann lassen wir es so weiter laufen und versuchen zu einem guten Ende zu kommen. Am Samstag, den 31.10.2009 lag ein Brief in der Post, in dem Brief stand dann, dass ich zum 31.10.2009 freigestellt bin. Das war es dann."

Doch es gibt auch andere Fälle. Fälle wie Marga Hetzner. Über 30 Jahre war sie in der Poststelle von Quelle beschäftigt. Fast 100 Bewerbungen schrieb sie und bekam, wenn überhaupt, nur Absagen. Sie ließ sich aber nicht unterkriegen. Initiierte eine Fotoausstellung über die "Quelle-Menschen" im Museum für Industriekultur in Nürnberg. Nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit machte sie sich selbstständig mit einer Organisations-Agentur, dann wechselte sie in die Politik und arbeitet nun halbtags für einen Bundestagsabgeordneten.

Nach Ära Schickedanz wechselnde Namen

Bis 1983 hatte Grete Schickedanz alles fest im Griff. Sie leitete das Versandhaus Quelle, dann legte sie ihre Führungs- und Aufsichtsratsämter nieder. Bis 1988 übernahm Hans Dedi die Leitung des Konzerns, der Ehemann von Louise Schickedanz, einer Tochter aus erster Ehe von Gustav Schickedanz. Dedi galt als der ewige Thronfolger. Viel zu spät reagierte der Quelle-Versandhandel auf das veränderte Einkaufsverhalten der Kunden im Internet. Es begann die Umfirmierung:

1999 wurde die Versandhaus Gustav und Grete Schickedanz Holding KG in die Aktiengesellschaft Quelle Schickedanz AG & Co. umgewandelt und fusionierte später mit dem Warenhauskonzern Karstadt AG zur KarstadtQuelle AG, ab 2007 Arcandor AG. Nach Angaben des Arcandor-Konzerns wurde zum 1. Januar 2006 aus der Quelle AG die Quelle GmbH. Quelle war dabei das größte Unternehmen der Arcandor-Versandhandelsgruppe Primondo, die seit März 2007 alle Versandhandelsaktivitäten des Konzerns bündelte. Bis zum 9. Juni 2009.

Innerhalb von zwei Jahren 10.000 Menschen arbeitslos

Die Fürther Straße in Nürnberg hat einmal Industriegeschichte geschrieben. In Höhe der 200er-Hausnummern liegt auf der einen Seite das riesige Areal der ehemaligen AEG. 1982 musste sie Insolvenz anmelden. Damals waren fast 5.000 Menschen dort beschäftigt. Es kommt im Zuge des Vergleichs zu ersten Entlassungen in Nürnberg. Die Firma Electrolux übernimmt die AEG Hausgeräte GmbH und macht sie 2007 dicht, weil die Produktion nach Polen verlagert wird. Die riesigen Werkshallen stehen leer, die Lichter sind fast überall aus. Zwei Jahre später kommt die Insolvenz auf der anderen Straßenseite. Die Quelle macht dicht. Wieder ein Unternehmen, dass nicht nur Arbeitsplätze in der Stadt schaffte, nicht nur Wirtschaftsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, sondern ganz eng mit Nürnberg verbunden war. Der Quelle-Turm war ein Orientierungspunkt, war ein Wahrzeichen der Stadt.

Nicht nur die "Quellianer" waren betroffen

Quelle unterhielt insgesamt 18 Landesgesellschaften. Zum Kerngeschäft gehörten zudem Profectis, Foto Quelle und die SB–Gross Handels–GmbH. Quelle war einer der größten Kunden der Deutschen Post, denn sie verfügte über kein eigenes Lieferunternehmen für Pakete. Große Artikel, die nicht per Post verschickt werden konnten, wurden über Speditionen zum Kunden gebracht. Die Pleite eines solchen Unternehmens hatte auch Auswirkungen auf Zulieferer, Hersteller und die Versandfirmen.

250.000 Quadratmeter Wohnen und Arbeiten

Nach der Pleite stand plötzlich ein riesiger Komplex leer. Es gab einzelne Händler, die sich in einem kleinen Teil einmieteten. Auch die Ausstellung "Körperwelten" war zu Gast, doch immer handelte es sich nur um eine Zwischennutzung.

Seit 2017 ist das Gebäude komplett "entmietet". Es kam zur Zwangsversteigerung. Für 16,8 Millionen stieg der portugiesische Shopping-Mal-Betreiber Sonae Sierra ein, doch die Stadt konnte sich nicht über die Nutzung mit dem Käufer einigen. 2018 verkauften die Portugiesen das Gebäude an den Düsseldorfer Immobilienentwickler Gerchgroup.

Alte Quelle mit neuem Namen: "The Q"

Der Projektentwickler will nun das Gebäude überwiegend zur Wohn- und Gewerbenutzung umbauen. Und: Die alte Quelle bekommt einen neuen Namen: "The Q". Insgesamt 700 Millionen Euro sollen investiert werden. Vor einigen Wochen wurde der Bauvorantrag eingereicht. Nach ersten Plänen sollen dann Wohnungen auf 190.000 Quadratmetern angeboten werden. Hinzu kommt ein geförderter Wohnungsneubau auf bis zu 15.000 Quadratmetern. Damit entsteht eine kleine neue Stadt in der Stadt. Das ehemalige Heizhaus des Areals soll von der Entwicklung ausgenommen werden und in der Verwendung des Quelle-Künstlerkollektivs bleiben.