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Archiv: Logo des Kurznachrichtendienst Twitter an der New Yorker Börse 2008
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tagesschau.de
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Archiv: Logo des Kurznachrichtendienst Twitter an der New Yorker Börse 2008

Was für ein Börsenstart! Galaktisch, furios, fulminant: So bejubelten die Medien den ersten Handelstag der Twitter-Aktie am 7. November 2013. Schauspieler Patrick Stewart, bekannt als Captain Jean-Luc Picard aus der Serie „Star Trek, The Next Generation“, durfte als berühmter Twitter-Nutzer in New York die Glocke läuten. Gestartet ist die Aktie tatsächlich mit Warp-Faktor 9,99. Der Ausgabepreis betrug 26 Dollar, zeitweise kletterte das Papier um mehr als 90 Prozent. Der Schlusskurs lag bei 44,90 Dollar - ein Plus von 73 Prozent.Schon damals stellten sich viele Marktbeobachter, Anleger, Analysten und Experten die Frage: Ist die Euphorie übertrieben? Schließlich hatte Twitter in den Jahren seit seiner Gründung im Jahr 2006 noch nie Gewinn gemacht. Die entscheidende Frage lautete, ob das Geschäftsmodell, die Finanzierung über Werbung, überhaupt langfristig tragen könne.

Aber wenn die Aktie aufwärts geht, möchte natürlich niemand etwas verpassen, alle wollen ein Stück vom Kuchen haben. Und er wurde immer größer: Ende 2013 erreichten Twitter-Aktien ein Rekordhoch bei 73,31 Dollar. Wer zweifelte, hatte eine gute Möglichkeit versäumt, richtig viel Geld zu verdienen. Doch nach dem Höhepunkt folgte ein Abstieg in Etappen. Er betraf nicht nur den Börsenkurs, der bis auf ein historisches Tief bei 13,73 Dollar absackte.

Demokratiefeindlich oder -freundlich?

Wer von Twitter spricht, muss im Grunde zwei Geschichten erzählen: Die eine Geschichte handelt von einem sozialen Medium, dessen Bedeutung für die Öffentlichkeit immer weiter gewachsen ist. „Twitter zeigt, was gerade in der Welt passiert und worüber sich die Leute unterhalten“, so wirbt der Konzern auf seiner Homepage. Das ist besonders für Journalisten und Politiker interessant. Für diese beiden Berufsgruppen ist Twitter deshalb ein mehr oder weniger unverzichtbares Werkzeug geworden.

Für große Optimisten galt Twitter gemeinsam mit Facebook oder YouTube sogar als eine Art Wundermittel zur Verbreitung der Demokratie in der Welt. Über die sozialen Medien konnten Nutzer beispielsweise während des sogenannten arabischen Frühlings im Jahr 2011 Proteste organisieren, die Zensur umgehen und ein Gegengewicht zur staatlichen Propaganda setzen.

Der Optimismus ist Geschichte. Spätestens die Erfahrungen des Brexit-Referendums und der jüngsten US-Präsidentschaftswahl haben die zerstörerische Kraft der sozialen Medien in den Blickpunkt gerückt. Mittlerweile steht der Kurznachrichtendienst unter Verdacht, selbst ein Propagandainstrument, ein Multiplikator für Fake News und Hassbotschaften und damit letztlich demokratiegefährdend zu sein.

Jack Dorsey und seine „Gesundheitsinitiative“

Der Umschwung der öffentlichen Meinung lässt sich natürlich nur bedingt am Aktienkurs ablesen, der vor allem von den Unternehmensdaten und den damit zusammenhängenden Zukunftshoffnungen der Anleger bestimmt wird. Und das wäre die andere Twitter-Geschichte, die von schwachen Umsatzzahlen, von Verlusten handelt, und deren negative Interpretation durch den „Markt“.

Aber es gibt Berührungspunkte. Denn wenn Fake Accounts und Computerbots automatisch zweifelhafte Inhalte verbreiten und miteinander kommunizieren, stellen sich Anleger erstens die Frage, was eigentlich von den Nutzerzahlen zu halten ist. Und zweitens überlegen sich Unternehmen, ob sie in einem solchen Umfeld werben wollen – und wen sie überhaupt erreichen.

Das Twitter-Management unter Mitbegründer und Vorstandschef Jack Dorsey hat das Problem, mit Hilfe der Öffentlichkeit und der Politik, erkannt. Das Unternehmen verschärfte die Bemühungen, unechte oder verdächtige Nutzerkonten zu sperren oder zu löschen. "Gesundheitsinitiative" heißt das bei Twitter. Die Maßnahmen hätten Vorrang vor kurzfristigen Produktoptimierungen, die mehr Nutzer ködern sollen, ließ Twitter wissen.

Weniger Nutzer, aber dafür echte

Die „Gesundheitsinitiative“ zeigt langsam Wirkung. Im Schlussquartal 2017 schrieb das Unternehmen erstmals in seiner Geschichte schwarze Zahlen, auch wenn ein positiver Steuereffekt mitgeholfen hatte. Die neuesten Quartalszahlen sahen ebenfalls hoffnungsvoll aus. Obwohl die monatlichen Nutzerzahlen um drei Prozent sanken, legte der Umsatz im dritten Quartal um 29 Prozent zu, weil wieder mehr Medienkunden Werbung schalteten. Es war das vierte Quartal in Folge mit einem Nettogewinn.