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Frugalisten: Viel sparen, früh in Rente gehen | BR24

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Für eine bestimmte Gruppe Menschen ist Luxus tabu. Sie wollen sich reich sparen. Um dann mit Anfang 40 oder 50 schon in Rente zu gehen. Eine tolle Vision - für viele ein Traum. Für sogenannte "Frugalisten" aber ist es ein realistisches Ziel.

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Frugalisten: Viel sparen, früh in Rente gehen

Viel sparen, geschickt anlegen und dann weit vor der Rente nicht mehr arbeiten müssen: Das ist das Lebensmodell der Frugalisten. Der Lifestyle wird auch in Bayern beliebter - stößt aber auch auf Kritik.

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Er lebt immer noch wie ein Student - sparsam, aber glücklich: Christian, 43 Jahre alt, aus München. Seit seinem 25. Geburtstag hat er seinen Lebenswandel kaum verändert, obwohl er inzwischen Familienvater und Geschäftsführer eines Verlags ist. "Warum sollte man glücklicher werden, weil man zusätzlich Geld ausgibt?", fragt er.

Frugalisten-Trend kommt aus den USA

Der Münchner ist Anhänger eines weltweiten Lifestyle-Trends: FIRE. Eine Abkürzung für "financially independent, retire early", also finanziell unabhängig und früh in Rente. Die Idee kommt aus den USA. Dort lebt das Vorbild der Community: Mr. Money Mustache. Der Programmierer mit dem markanten Schnauzer ging schon mit 30 Jahren in den Ruhestand - dank kluger Investments und eines frugalen, also sparsamen, Lebensstils.

FIRE-Fans nennen sich deshalb auch Frugalisten. Der Prototyp des Frugalisten ist männlich, gebildet, mit gutem Einkommen und Lust am Austausch. Auf Facebook und in Foren diskutiert er leidenschaftlich gern mit anderen über Sparquoten, Entnahmestrategien und Finanzmathematik. Und rechnet sich dadurch aus, wie früh er in Rente gehen kann. Wobei Rente ein unbeliebtes Wort ist. FIRE-Anhänger sprechen von finanzieller Freiheit oder Unabhängigkeit.

Mit drei Spartricks in die finanzielle Freiheit

Um das in sieben Jahren endgültig zu schaffen, spart der Münchner Christian in drei Bereichen konsequent: Transport, Urlaub, Wohnung.

Erstens: Christian fährt alles mit dem Rad. Zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Sport. Zehn Jahre lang hat er gar kein Auto gehabt, inzwischen einen alten Audi, den er kaum nutzt.

Zweitens: Ferne Länder, Pauschalurlaub oder teure Hotels kommen nicht in Frage. Der Münchner hat Hobbies, die wenig bis nichts kosten: Wandern, in der Isar schwimmen, joggen oder Skitouren mit seinen Freunden.

Drittens: Der größte Kostenfaktor in Städten ist heutzutage die Miete. Christian hat deshalb versucht, auch diesen Bereich zu "hacken", wie er sagt. Vor zwei Jahren wird er auf eine Wohnung aufmerksam, die in München liegt, aber nicht renoviert ist. Ein Jahr lang ist sie auf dem Markt, fällt und fällt im Preis. Christian nimmt einen Kredit auf und schlägt zu. Renoviert sie anschließend und lebt jetzt für umgerechnet zehn Euro pro Quadratmeter.

Zeit als neue Währung der Frugalisten

"Mein Traum ist, dass ich möglichst mit meiner Freundin und meiner Tochter so viel Zeit verbringe, dass ich sie beim Aufwachsen in jeder Lebenssituation begleiten kann. Und mir dann niemand Vorschriften machen kann, die ich erfüllen muss, weil ich das Geld brauche." Christian, Frugalist aus München

Wovon Christian noch träumt, ist bei Ankur ein paar Kilometer weiter schon Realität. Der 37-jährige Münchner ist seit zwei Jahren finanziell frei und jetzt im "Lebensrausch". Denn endlich hat er Zeit für seine Familie. Ein Rentner ist er deshalb noch lange nicht:

"Ich darf entscheiden, wie ich arbeite, wann ich arbeite, mit wem ich arbeite. Von daher kann ich schon sagen: ich bin ein flexiblerer Mensch in meinem Leben." Ankur, finanziell frei

Das war vor einigen Jahren noch ganz anders. 2003 kommt er aus Indien nach Deutschland, studiert Elektrotechnik und arbeitet danach für einen Stromversorger, teilweise bis zu 16 Stunden am Tag. Ankur verdient sehr gut, ist angesehen, wird befördert - und leidet dabei. Die Folge: Übergewicht, hoher Blutdruck, Stress. Und das Gefühl, dass irgendetwas fehlt.

Sparen allein reicht nicht

Ein Freund erzählt ihm von FIRE. Die Idee lässt ihn nicht mehr los. 2009 kauft er sein erstes Eigenheim, rückblickend der perfekte Zeitpunkt. Er investiert weiter, kauft weitere Wohnungen und Aktien. Heute lebt er von Mieteinnahmen und Dividenden und arbeitet laut eigener Aussage immer noch viel – jetzt aber eben selbstbestimmt.

Auch Christian investiert in Immobilien und sogenannte ETF-Fonds. Diese sogenannten Indexfonds sind in der FIRE-Community besonders beliebt. Sie werden an der Börse gehandelt und bilden Indizes von Aktien, Immobilien oder Rohstoffen ab. Im Vergleich zu aktiv gemanagten Fonds sind sie günstiger und haben langfristig oft hohe Renditen.

Ifo-Institut sieht Frugalisten kritisch

Das Ifo-Institut in München lobt zwar die Anlagestrategie der beiden Münchner, hält das Modell aber nicht für massentauglich:

"Wenn das jeder in Deutschland machen würde, dann hätten wir eine sehr gewaltige Wirtschaftskrise. Dann würden sich die Zahlen der Arbeitnehmer halbieren und auch die ganzen Aktienrenditen nicht mehr so steigen. Das funktioniert, wenn einige wenige Personen das machen, aber für die gesamte Bevölkerung Rente mit 40 oder 50 - das ist utopisch." Carla Krolage, Ifo-Institut

Um die These zu belegen, rechnet Carla Krolage vor: Ein 21-Jähriger, der immer zum deutschen Durchschnitts-Bruttolohn (3.771 Euro pro Monat) arbeitet, könnte zwar mit 40 Jahren in den Ruhestand gehen. Er müsste dann aber von rund 1.000 Euro netto im Monat leben. Das liegt zwar über dem Hartz IV-Regelsatz, aber unterhalb der Armutsrisikoschwelle in Deutschland. Eine Familiengründung: kaum finanzierbar. Und das Risiko, mit 70 oder 80 Jahren mit leeren Händen dazustehen: durchaus gegeben.

Genau nachrechnen, wie viel man sparen muss

Deshalb sollte man sich als Frugalist genau ausrechnen, wann und mit welchen Einkommen man plant, in den Ruhestand zu gehen. In der FIRE-Community kursiert dafür eine magische Regel, die 4-Prozent-Regel . Sie besagt letztlich, dass man bei einer konstanten Rendite von vier bis fünf Prozent jährlich vier Prozent seines Vermögens entnehmen kann, ohne dass das Grundkapital weniger wird. Der Ruhestand ist nach dieser Berechnung also nur noch vom Kontostand und der Entwicklung des Vermögens abhängig, nicht vom Lebensalter.

Auch Christian aus München hat sich mithilfe dieser Regel kalkuliert, von wie viel Geld er und seine kleine Familie nach dem 50. Lebensjahr leben können. In dieser Zeit will er sich dann verstärkt seinem neuen Blog (http://munichfire.com/) widmen, um auch anderen den Weg in die finanzielle Freiheit zu zeigen. Und falls doch alles anders kommt? "Das größte Risiko ist, dass ich weiterarbeiten muss. Das müssen 99 Prozent der Deutschen auch."