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High-Tech-Chef statt Döner-Klischee: Migranten schaffen Jobs | BR24

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Diversitiy in der Geschäftswelt (Symbolbild)

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High-Tech-Chef statt Döner-Klischee: Migranten schaffen Jobs

Namen wie Sohrab Mohammad können bei Bewerbungen nachteilig sein, deshalb machte der Wirtschaftsingenieur lieber sein eigenes Ding. Heute beschäftigt Mohammad 100 Mitarbeiter und liegt im Trend: Immer mehr Migranten gründen Firmen und schaffen Jobs.

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Von
  • Susanne Betz

In der Abfertigungshalle der Firma "Reishunger" in Bremen scherzen Frauen mit Kopftüchern mit ihren blonden Kolleginnen, das Arbeitsklima scheint sehr gut. Der 37-jährige Co-Chef Sohrab Mohammad grüßt reihum.

Bis zu 3.500 Pakete Reis pro Tag

Auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern werden in zwei Schichten die Lieferungen vorbereitet, verpackt und auf den Weg gebracht. Mohammads Eltern stammen aus dem Iran und er ist mit viel Reis bei jeder Mahlzeit aufgewachsen. Deshalb hat Sohrab Mohammad sich vor neun Jahren mit einem Studienfreund unternehmerisch auf Reis spezialisiert. Die Firma führt 18 verschiedene Sorten in ihrem Angebot, von schwarzem über geräucherten bis zu Sushi-Reis. Sohrab Mohammad ist sehr zufrieden: 3.500 Pakete mit drei unterschiedlichen Füllmengen verlassen an den meisten Tagen die Firma. So konnten mit der Zeit im strukturschwachen Bremen immer mehr Menschen einen festen Job bei "Reishunger" finden.

Als Unternehmer keine Ressentiments erlebt

Der 37-Jährige weiß natürlich nicht, ob Kunden, Banker oder Finanzbeamte bei seinem muslimischen Namen insgeheim die Augenbrauen hochziehen – aber direkte Ressentiments, so sagt Mohammad, habe er als Unternehmer nie erlebt. Eine aktuelle, von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene Studie belegt: Immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund machen sich selbständig. Von 2005 bis 2018 ist ihre Zahl um 36 Prozent auf fast 800.000 gestiegen.

Bei Deutschen gehen Firmengründungen zurück

Die Firmen von Menschen mit Migrationshintergrund schaffen inzwischen rund 2,3 Millionen Arbeitsplätze. Dieser positive Trend bei Migrantinnen und Migranten läuft umgekehrt zur Entwicklung in der übrigen Bevölkerung: 2018 gab es da fast 300.000 Selbständige weniger als 2005.

Das Geld für den Imbisswagen bekam sie geliehen

Yosra Alsaid hatte es bei ihrer Unternehmensgründung deutlich schwerer als Sohrab Mohammad, der bei seiner Firmengründung perfekt Deutsch sprach und in Deutschland studiert hatte. Die Mutter von vier Kindern flüchtete erst vor vier Jahren von Syrien nach Deutschland. Ihre Qualifikationen als Englischlehrerin sind bislang nicht anerkannt. Aber die 45-Jährige packte an, paukte Deutsch und erstellte mit Unterstützung eines deutschen Ehepaares einen Businessplan. Heute steht Yosra Alsaid stolz und optimistisch in ihrem Imbisswagen vor dem Bremer Dom und verkauft orientalische Spezialitäten.

Das Klischee von der Dönerbude ist überholt

Yosra Alsaid arbeitet oft sieben Tage die Woche und konnte bereits zwei Hilfskräfte einstellen. Allerdings: keine Bank hat der Flüchtlingsfrau aus Syrien einen Kredit für den Imbisswagen gegeben. Das Geld dafür hat ihr ebenfalls das befreundete deutsche Ehepaar vorgestreckt. Dass Migranten häufig Änderungsschneidereien, kleine Gemüseläden oder Dönerbuden betreiben, stimmt zwar. Aber es ist ein Klischee auf den Rückzug. Während 2005 noch fast 40 Prozent der Unternehmer mit Migrations-Hintergrund ihr Geld im Handel und in der Gastronomie verdienten, waren es 2018 nur noch 25 Prozent.

Immer mehr innovative Unternehmen kommen hinzu

Heute kommen immer mehr innovative und profilierte Unternehmen mit akademischen Background dazu. Der Gastarbeitersohn Ugur Sahin zum Beispiel hat zusammen mit seiner Frau Özlem Türeci – beide sind Mediziner – die Firma Biontech aufgebaut. Möglicherweise wird der in ihrem Labor entwickelte Impfstoff bald zum Immunitätsschutz gegen das Corona-Virus eingesetzt.

Bülent Uzuner: "Diversity ist betriebswirtschaftlich notwendig"

Bülent Uzuner, dessen Vater einst aus der Türkei kam, um in einer Bremer Werft zu arbeiten, gehört ebenfalls zu denjenigen, die die Klischees gesprengt haben. Er ist geschäftsführender Gesellschafter von "Uzuner Consulting" mit 140 Angestellten an vier Standorten. Ganz gezielt stellt der studierte Wirtschaftswissenschaftler Talente mit ethnischen Wurzeln in der Türkei, dem Nahen Osten, Zentralasien oder Nordafrika ein. Bülent Uzuner: "Diversity-Management ist nicht irgendein Softthema, sondern es ist betriebswirtschaftlich notwendig."

© BR / Betz, Susanne

Namen wie Sohrab Mohammad können bei Bewerbungen nachteilig sein, deshalb machte der Wirtschaftsingenieur lieber sein eigenes Ding. Heute beschäftigt Mohammad 100 Mitarbeiter und liegt im Trend: Immer mehr Migranten gründen Firmen und schaffen Jobs.

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