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Flüssigerdgas aus den USA – Das Geschäft mit dem Klimawandel | BR24

© BR / Bettina Meier

Die US-Regierung will Flüssigerdgas zum Exportschlager machen, preist es als saubere Brückentechnologie an. Was fehlt ist Kundschaft. Deutschland soll flüssiges Fracking-Gas kaufen. Eine Reise zum Golf von Mexiko zeigt, wo das Gas herkommt.

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Flüssigerdgas aus den USA – Das Geschäft mit dem Klimawandel

Die US-Regierung will Flüssigerdgas zum Exportschlager machen, preist es als saubere Brückentechnologie an. Was fehlt, ist Kundschaft. Deutschland soll flüssiges Fracking-Gas kaufen. Eine Reise zum Golf von Mexiko zeigt, wo das Gas herkommt.

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Der Buffalo Bayou Fluss ist Lebensader und Fluch für die Einwohner der texanischen Millionenmetropole Houston. Bis zum Golf von Mexiko auf etwa 80 Kilometern reihen sich Raffinerien, Gasspeichertanks, Chemiefabriken und Güterbahnhöfe aneinander. Es ist eine der am schnellsten wachsenden Regionen für Öl- und Gasgeschäfte der Welt.

Ein fauler Geruch liegt in der Luft - die Sorgen um die eigene Gesundheit sind groß

Die schnell wachsende Industrie schafft Jobs, sagt Anwohnerin Gloria. Sie lebt seit 33 Jahren hier. Andererseits mache sich jeder, der am Fluss lebt, Sorgen um seine Gesundheit.

"Wenn ich um zwei oder drei Uhr morgens aus dem Haus komme, riecht es fürchterlich nach Chemie. Immer dieser faule Geruch in der Luft. Die Sirenen gehen an. Ich habe es satt, mit meiner Gesundheit zu spielen." Gloria, Anwohnerin

Glorias Haus steht zwischen zwei großen Chemiespeichertanks. Die Anwohner sorgen sich. Neue Flüssigerdgasterminals, sogenannte LNG-Terminals sollen gebaut werden - an den Flüssen und entlang der Golfküste. Das aus Fracking stammende Erdgas soll dort abgekühlt, verflüssigt und als Liquified Natural Gas, kurz LNG, exportiert werden. Auch nach Europa und nach Deutschland. Die USA wollen zum größten Erdgasexporteur der Welt werden und Russland die Stirn bieten.

Wer am Buffalo Bayou Fluss wohnt, riskiert sein Leben

Juan Parras leitet die Umweltorganisation Texas Environmental Advocacy Services. Er dokumentiert Unfälle und Umweltschäden rund um den Fluss. Wer hier in Houstons armen Stadtvierteln am Buffalo Bayou wohnt, riskiert sein Leben und das seiner Kinder, sagt Juan Parras. Wer in einem Zwei-Meilen-Radius um den Fluss wohnt, hat eine 52-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder an Leukämie erkranken, sagt Parras. Das Aktivistenpaar macht sich Sorgen, weil der Fluss ausgebaggert werden soll, damit größere Schiffe kommen um Flüssigerdgas - sogenanntes LNG - zu transportieren.

"Der LNG-Boom wird dazu führen, dass mehr Erdgas-Pipelines hier ankommen, die undicht sein können. Der Kanal wird ausgebaggert und es werden Schiffe kommen, die viermal größer sind als die Tanker, die jetzt hier sind. Sogenannte Megaschiffe." Juan Parras, Umweltaktivist Texas Environmental Justice Advocacy Services

Nur wenige, die hier rund um den Fluss leben, können sich eine Krankenversicherung leisten. Juan Parras sagt, dies hier sei die Gegend mit der niedrigsten Versichertenrate in den USA. Die Aktivisten helfen mit kostenloser Beratung, mit Adressen von Ärzten, die ehrenamtlich arbeiten. Immer wieder melden sich Betroffene, die von Atemnot, spontan auftretendem Asthma und Krebserkrankungen berichten.

Ein stählernes Ungetüm erhebt sich über der Sumpflandschaft der Golfküste

An der Küste laufen die Vorbereitungen. Eine Autostunde entfernt baut die Firma Freeport LNG ein solches Flüssigerdgasterminal. Das stählerne Ungetüm erhebt sich über der Sumpflandschaft der Golfküste. Eine 17 Milliarden-Dollar-Investition, sagt John Tobola. Er ist leitender Manager des Terminals. Obwohl der Bau Milliarden kostet, entstehen nur ein paar hundert langfristige Jobs. Der Umsatz aber soll enorm sein.

"Von hier aus gehen künftig 15-20 Millionen Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr in die Welt. Wenn es fertig ist, sind wir der drittgrößte LNG-Lieferant der Welt. Das Frackinggas, das wir in den USA haben, ist mehr als wir in den nächsten hundert Jahren verbrauchen können. Wir sollten unsere Ressourcen nutzen, um unsere Wirtschaft anzuheizen." John Tobola, Senior Vice President Freeport LNG

Was die Wirtschaft anheizt, muss aber zunächst abgekühlt werden, damit es übers Meer transportiert werden kann. Auf -164 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur wird das Gas flüssig, wird zu LNG, erklärt Produktionsleiter Robert Pates. Dabei werden auch Giftstoffe aus dem Gas gefiltert wie Kohlendioxid oder Schwefeldioxid.

LNG besteht zu 98 Prozent aus Methan, warnen Umweltschützer

Übrig bleibt nahezu reines Methan, ein Treibhausgas, das, wenn es entweicht, 25-mal so schädlich für die Erdatmosphäre ist als Kohlendioxid, sagen Umweltschützer wie Mark Brownstein. Er arbeitet für den Think Tank Environmental Defense Fund in der US-Hauptstadt Washington D.C.

"Die erste Frage, die wir uns stellen sollten ist, wie sieht der Methan-Fußabdruck des Methangases aus? Egal ob es aus den USA, Russland, Algerien oder dem Mittleren Osten kommt. Jedes Molekül davon, das in die Atmosphäre geht, trägt zur Erderwärmung bei, die wir verursachen." Mark Brownstein, Umweltorganisation Environmental Defense Fund EDF

Methan heizt die Erdatmosphäre auf. Methan-Lecks kommen vor, so der Experte, wenn Pipelines undicht sind oder wenn Gas beim Abkühlprozess entweicht. Die Anwohner am Buffalo Bayou Fluss und am Golf von Mexiko leben mit dem Risiko.

© Bettina Meier

Das Freeport LNG Terminal am Golf von Mexiko

© Bettina Meier

Produktionsleiter Robert Pates wacht über das Freeport LNG Terminal. Es soll eines der größten der Welt werden.

© Walter Wieland

Reporterin Bettina Meier auf dem Gelände des Freeport LNG Terminals in Freeport, Texas.

© Walter Wieland

Produktionsleiter Robert Pates von Freeport LNG im Gespräch mit Reporterin Bettina Meier.

© Bettina Meier

Bauarbeiten am Freeport LNG Terminal - hier entsteht eines der größten Flüssigerdgasterminals der Welt

© Bettina Meier

In diesem Turm wird das Erdgas abgekühlt auf -164 Grad Celsius - so wird es zu flüssigem LNG

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Juan und Ana Parras schauen den Sonnenuntergang an am Buffalo Bayou Fluss

© Bettina Meier

Der Buffalo Bayou Fluss auch genannt - Houston Schiffskanal. Eine der am schnellsten wachsenden Regionen für Öl- und Gasgeschäfte der Welt.

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Umweltschützer Juan Parras von T.E.J.A.S. zeigt auf die Industrielandschaft am Buffalo Bayou Fluss.

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Ein Tanker auf dem Buffalo Bayou Fluss. Immer wieder passieren Unfälle. Zuletzt im März dieses Jahres.

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Am Flussufer ist ein angespültes Chemiefass zu sehen.

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Ingenieur Quan Vu macht ein Experiment mit Flüssigerdgas. Das Gas besteht zu 98 Prozent aus Methan.

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Reporterin Bettina Meier im Gespräch mit John Tobola. Er ist leitender Manager bei Freeport LNG.

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Produktionsleiter Robert Pates von Freeport LNG vor dem Flüssigerdgasterminal.

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Der stellvertretende Energie-Minister Dan Brouilette (links) und Staatssekretär Mark Menezes (rechts).

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Juan Parras fährt mit seinem Pick Up Truck herum und dokumentiert Umweltverschmutzung.

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Juan Parras zeigt auf der Karte wo der Buffalo Bayou Fluss durch Houston fließt.

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Umweltaktivisten Juan und Ana Parras im Büro von T.E.J.A.S. in Pasadena.

© Bettina Meier

Anwohnerin Gloria wohnt zwischen Chemiespeichertanks. Sie hat es satt ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sagt sie.