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Fitnessstudios, Friseure, Händler: Branchen schlagen Alarm | BR24

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Symbolbild: Geschlossener Laden

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    Fitnessstudios, Friseure, Händler: Branchen schlagen Alarm

    Kurz vor der Entscheidung über eine Verlängerung des Lockdowns wegen der hohen Corona-Infektionszahlen schlagen mehrere Branchen Alarm. Weitere Wochen des Zusperrens brächten Betriebe noch näher an den wirtschaftlichen Abgrund.

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    Von
    • Johannes Reichart

    In einigen Branchen, die besonders unter den wirtschaftlichen Einbußen während des Lockdowns leiden, wächst der Widerstand gegen eine mögliche Verlängerung. Dazu gehören Friseursalons, Einzelhandel und Fitnessstudios.

    "Arbeit, Sofa und Fastfood - Beginn aller Zivilisationskrankheiten“

    Birgit Schwarze schlägt Alarm: Die Präsidentin des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) bezeichnet die wahrscheinliche Verlängerung des Lockdowns als "genau das falsche Signal zur Gesunderhaltung der Bevölkerung".

    Fehlende Sportmöglichkeiten, um den Winterspeck in Schach zu halten, werden in den Augen der obersten deutschen Fitness-Repräsentantin Folgen haben: "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Arbeit, Sofa und Fastfood der Beginn aller Zivilisationskrankheiten sind und in keiner Weise dem physischen und psychischen Wohlergehen der Menschen dient."

    Gleichzeitig bedeuten geschlossene Sportanlagen und Fitnessstudios eine wirtschaftliche Katastrophe für die Branche: Rund 10.000 Fitnessstudios mit insgesamt 200.000 Beschäftigten sind im DSSV organisiert. Sie machten 2020 laut Verband ein Umsatzminus von einer Milliarde Euro. "Seit März 2020 konnten praktisch keine Neukunden geworben werden. Und normalerweise sind nun November bis Februar die Monate, in denen die allermeisten Neukunden geworben werden. Fällt dieser Zeitraum weg, ist die Basis für das Geschäftsjahr 2021 ganz erheblich beeinträchtigt", klagt die Präsidentin des Fitness-Verbands.

    Verband für Fitnessanlagen ist enttäuscht

    Die Gefahr einer Infektion während oder nach einem Workout ist laut Verband äußerst gering. Von den politisch Verantwortlichen ist man im DSSV enttäuscht: Studios wurden umgebaut und umorganisiert, damit Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden können. Trotzdem sind sie seit November dauerhaft geschlossen: "Diese Betriebe werden bestraft, obwohl sie Teil der Lösung des Gesundheitsproblems sein können", so Schwarze.

    Verlängerung des Lockdowns "unverhältnismäßig“

    Ähnlich frustriert sind die Friseure: Geschäftsführerin Doris Ortlieb vom Landesinnungsverband des bayerischen Friseurhandwerks hat für eine Verlängerung des Lockdowns für ihre Branche kein Verständnis: "Das Untersagen von Friseurdienstleistungen ändert nichts am Infektionsgeschehen", so Ortlieb. Eine Verlängerung des Lockdowns für Friseursalons über den 10. Januar hinaus, sei "unverhältnismäßig und mit Blick auf das Infektionsgeschehen wirkungslos".

    Die schon vorhandene wirtschaftliche Schieflage vieler Salons werde sich weiter verschlechtern, warnt die Geschäftsführerin der Landesinnung: "Eine Verlängerung des Lockdowns ist für viele unserer Familienbetriebe existenzgefährdend." Bei den Hilfsprogrammen des Bundes seien die meisten Friseure "durch sämtliche Raster gefallen und haben am Ende keinerlei Unterstützung bekommen", klagt Ortlieb. Daher hat sich der Landesinnungsverband schriftlich an bayerischen Bundestagsabgeordneten gewandt – ohne Erfolg.

    "Friseursalons keine Infektionstreiber"

    Die Zahl an Ansteckungen von Friseuren lag 2020 laut Friseur-Verband bundesweit im einstelligen Bereich – bei rund 80.000 Betrieben. "Friseursalons waren und sind keine Infektionstreiber". Die Branche habe hohe Standards gesetzt, und sieht sich nun im Stich gelassen. Auch der gewerbliche Haarschnitt zuhause ist laut 11. Bayerischer Infektionsschutzverordnung verboten.

    Woran sich aber laut Verband nicht alle hielten: "Es ist völlig inakzeptabel, dass in der aktuellen Situation Schwarzarbeit von der Politik toleriert wird", heißt es von der Landesinnung. Die Friseure wünschen sich eine langfristige Strategie: "Wir können uns in der Pandemie nicht von Lockdown zu Lockdown hangeln, sondern müssen lernen, mit dem Virus zu leben", so ihr Fazit.

    Einzelhandel: "Jetzt zählt jeder Tag"

    Auch im Einzelhandel könnte eine Pleitewelle drohen. Geschäftsführer Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern appelliert an die Staatsregierung vor der Entscheidung über die Verlängerung des Lockdowns mit drastischen Worten: "Jetzt zählt im wahrsten Sinne des Wortes jeder Tag!"

    Im Dezember sei mit dem harten Lockdown dem bayerischen Einzelhandel täglich ein Umsatz von etwa 150 Millionen Euro entgangen. "Das können die Unternehmen nicht mehr ohne Hilfe kompensieren. Viele Betriebe sind finanziell ausgehungert und stehen vor der Insolvenz", sagt Ohlmann.

    Handel fordert gleiche Hilfe wie Gastronomie

    Der Handelsverband sieht seine Unternehmen im Vergleich zur Finanzspritze für die Gastronomie im Stich gelassen: "Die mangelnde Unterstützung ist ein Skandal. Wir fordern Gleichbehandlung", so Verbandsvertreter Ohlmann. "Die Politik lässt den Handel am ausgestreckten Arm verhungern. Unverständnis, aber auch Wut, Ärger und Verzweiflung werden täglich größer."

    Wie auch die Fitnessstudios und Friseure betont der Handelsverband, dass Hygiene- und Abstandskonzepte sehr gut funktionierten: "In ganz Bayern hat es bislang keinen einzigen nachweisbaren Fall einer Ansteckung mit dem Coronavirus beim Einkaufen gegeben - weder für Kunden, noch für die Mitarbeiter“, sagt Bernd Ohlmann und warnt vor einer weiteren Verlagerung der Käufe in den Online-Bereich.

    Bitte an Staatsregierung: "Click & Collect erlauben"

    Im Gegensatz zu anderen Bundesländern ist in Bayern Kaufen und Abholen beim stationären Händler, das sogenannte "Click & Collect" nicht erlaubt. Diese Entscheidung möge die Staatsregierung noch einmal überdenken, bittet Ohlmann und weist auf mögliche Auflagen hin wie zeitliche Abholfenster, Pflicht zum kontaktlosen Bezahlen, Maskenpflicht und eine Verschärfung der Abstandsregeln.

    Ob die Wirtschaftsbranchen mit ihren Appellen durchdringen, ist eher unwahrscheinlich. Schon vor den heutigen Bund-Länder-Beratungen warb Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für eine Verlängerung des Lockdowns. Wie mögliche Wirtschaftshilfen aussehen können, auch darüber werden die Länderchefs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprechen.

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