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Firma "Dexcar": Autovermieter oder Schneeballsystem? | BR24

© picture-alliance/dpa

Nach bis zu zwei Jahren Wartezeit einen Neuwagen für zwei Jahre kostenlos fahren - so das Versprechen der Firma.

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    Firma "Dexcar": Autovermieter oder Schneeballsystem?

    Mit Mietwagen zum kleinen Preis lockte die Firma "Dexcar" europaweit Kunden. Doch war Betrug im Spiel? Die Staatsanwaltschaft Bochum sowie Behörden in Italien und Österreich ermitteln.

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    Das Angebot klingt verlockend: "Langzeitmietautos zum monatlichen Nulltarif" oder "Nie wieder Geld ausgeben für ein neues Auto". Der Autoverleiher "Dexcar Autovermietung GmbH" aus Essen traf offenbar den Nerv Zehntausender Menschen - und wirbt noch heute um Kunden.

    Seit 2014 vermittelt das Startup-Unternehmen über ein Vermietungssystem Autos - vom Kleinwagen bis zum Luxussportwagen. Wer dabei sein will, muss zunächst eine Gebühr zwischen 547 Euro und 1950 Euro an das Unternehmen überweisen. Das Versprechen von Dexcar: Nach bis zu zwei Jahren Wartezeit soll der Kunde für 24 Monate ein Auto gratis bekommen, inklusive KFZ-Steuer, Wartung, Versicherung und Reifenwechsel.

    Die Wartezeit auf den ersehnten Neuwagen, so Dexcar, lasse sich verkürzen: indem Kunden weitere Menschen für Dexcar begeistern. Ein gut geöltes Vertriebssystem, mit dem Dexcar eigenen Angaben zufolge rund 37.000 Kunden überzeugen konnte. Das Unternehmen sei in Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, den Niederlanden und Rumänien aktiv.

    Vergebliches Warten auf den Neuwagen

    Das Problem: Zahlreiche Kunden von "Dexcar" warten auch zwei Jahre nach Vertragsschluss vergeblich auf ihren Wagen. Nach Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" ermittelt die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum gegen mehrere Verantwortliche des Unternehmens wegen des Verdachts des Betruges und der strafbaren Werbung. Ein Behördensprecher sagt, "eine Vielzahl von Kunden" im ganzen Bundesgebiet sei von dem Geschäftsmodell betroffen. Konkrete Zahlen will er nicht nennen.

    Hinter der Firma stehen zwei italienische Brüder. Der Firmensitz ist bis heute in Essen, zumindest auf dem Papier. Wer die deutsche Firmenzentrale aufsucht, findet lediglich verlassene Büros. "Dexcar" begründet dies damit, dass das gesamte Geschäft von einer Software abgewickelt werde. Eine Firma in Minsk betreue die Software "unter Optimierung der Kostenstruktur".

    In Österreich sind Verbraucherschützer schon lange skeptisch, seit sich zahlreiche Betroffene bei ihnen gemeldet haben. Sie gehen von mehreren Tausend Geschädigten aus. In der Alpenrepublik ermittelt die Staatsanwaltschaft in Feldkirch.

    Fahnder durchsuchten Geschäftsräume

    In Italien hatte sich die Staatsanwaltschaft in Biella schon früh an die Fersen der "Dexcar"-Betreiber geheftet. Im Rahmen der Operation "Car Dream" hatten italienische Fahnder 2016 bereits die Geschäftsräume durchsucht. Gegen die Beschlagnahmung von zwei Konten bei der Sparkasse Essen und bei der Postbank Dortmund sowie zahlreicher Autos legte "Dexcar" erfolgreich Einspruch ein. Die Ermittlungen wegen eines möglicherweise illegalen Geschäftsmodells dauern allerdings an.

    Auf die Ermittlungen angesprochen, legt "Dexcar" das Schreiben eines Wirtschaftsprüfers vor, wonach das Unternehmen ein "wirtschaftlich und finanziell stabiles System" betreibe, das man in gewisser Hinsicht sogar als für Europa innovativ bezeichnen könne. Es basiere darauf, dass "Dexcar" Neuwagen zu besonders günstigen Preisen direkt vom Hersteller kaufe.

    Auf eine gemeinsame Anfrage von WDR und "Süddeutscher Zeitung", antwortete ein Verantwortlicher, das System sei rechtlich zulässig. Mathematiker und Informatiker hätten es erarbeitet. Bis Mai 2018 habe man circa 550 Autos an Kunden ausgeliefert. Zudem habe man Vorbestellern bereits fünf Millionen Euro an Benzingutscheinen ausgezahlt. Dass es zu Verzögerungen komme, liege an einer Verleumdungskampagne. Deshalb habe man auch bereits zahlreichen Kunden ihr Geld zurückerstattet. Von den Bochumer Ermittlungen wisse er nichts.

    Ermittler: Nur wenige Autos an Kunden ausgeliefert

    In Italien wurde "Dexcar" bereits von der Wettbewerbsbehörde wegen seines Geschäftsmodells zu einer Geldstrafe in Höhe von 400.000 Euro verurteilt. Die Ermittler gingen davon aus, dass alleine in Italien 22.000 Kunden mehr als zehn Millionen Euro an "Dexcar" gezahlt hätten, aber lediglich 200 Autos tatsächlich an Kunden ausgeliefert worden sein.

    Dagegen legte "Dexcar" nach eigenen Angaben beim italienischen Präsidenten Einspruch ein. Die Strafe der Wettbewerbshüter stütze sich auf "keinerlei Beweise", die Wettbewerbsbehörde habe "keine Ermittlungen durchgeführt", schreibt ein "Dexcar"-Manager auf Anfrage von WDR und SZ.

    Schneeballsystem oder "Network Marketing"?

    Strafverfolgungsbehörden und das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ) in Bozen gehen weiter dem Verdacht nach, ob "Dexcar" womöglich ein illegales Schneeballsystem betreibe. Hier werden die wartenden Kunden immer nur mit dem Geld neuer Kunden bedient. Bei einem Schneeballsystem wird - wie bei einem bergab rollender Schneeball - der Berg der Verpflichtungen immer größer. Finden sich irgendwann nicht mehr genug Neukunden, bricht das ganze System in sich zusammen. Bei zahlreichen Schneeballsystemen in der Vergangenheit hatten sich die Betreiber selbst meist reichlich an der Anlegersumme bedient.

    Ob Dexcar ein solches System betreibt oder lediglich ein "Network Marketing", wie es die "Dexcar"-Manager bezeichnen, wollen nun die Ermittler in Deutschland, Österreich und Italien klären.