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Faire Hardware: Der steinige Weg zur nachhaltigen Computermaus | BR24

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Ein IT-Produkt wie die Computermaus geht oft mit bedenklichen Arbeitsbedingungen und auch Menschenrechtsverletzungen einher. Ebenso mit Kinderarbeit. Über ein Projekt, das zum Ziel hat, mit einer marktfähigen Alternative gegenzusteuern.

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Faire Hardware: Der steinige Weg zur nachhaltigen Computermaus

Ein IT-Produkt wie die Computermaus geht oft mit bedenklichen Arbeitsbedingungen und auch Menschenrechtsverletzungen einher. Ebenso mit Kinderarbeit. Über ein Projekt, das zum Ziel hat, mit einer marktfähigen Alternative gegenzusteuern.

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"Ich will eine wirklich faire Maus, wo keiner ausgebeutet wird und auch keine Menschenrechte verletzt werden", sagt Susanne Jordan. Vor zehn Jahren gründete sie den Verein Nager IT. Sechs Leute sind mittlerweile in ihrem Team. Die schrauben auch mal selbst an den Computermäusen herum. Susanne hat eine Menge Ahnung davon, was das heißt: fair arbeiten.

"Ich hab' früher große Unternehmen bewertet, wie sozial und ökologisch die arbeiten und da auch Computerfirmen. Und da hab' ich gesehen, dass eigentlich alle Computerfirmen ganz billig irgendwo produzieren lassen, wo Menschenrechte verletzt werden und sich überhaupt nicht bemühen, das irgendwie zu verbessern." Susanne Jordan, Nager IT, Bichl-Benediktbeuern

Susanne will es besser machen und eine richtig faire Computermaus produzieren. Eine Maus besteht aus rund 20 Bauteilen. Jedes einzelne davon soll unter fairen Arbeitsbedingungen und möglichst umweltschonend hergestellt werden. Das bedeutet: keine Ausbeutung von Mensch und Natur.

Schwierige Suche nach Herstellern

Um zu verstehen, welches Wagnis es mit diesem Projekt auf sich hat, muss man tief hineinblicken ins Innenleben einer Computermaus. Denn genau hier wird es recht verwirrend und undurchsichtig.

Beispiel: das USB-Kabel. Susanne sucht in ganz Europa nach Herstellern. Doch die gibt es nicht. Deshalb ist sie auf Lieferanten von ganz weit weg angewiesen - in China. Schon das ist kein leichter Gang. "Für einen chinesischen Hersteller sind wir ein sehr, sehr kleiner Abnehmer", sagt Susanne. 10.000 USB-Kabel braucht sie derzeit für eine Lieferung, doch Hersteller hätten gerne einen mindestens zehnmal so großen Auftrag.

Susanne bekommt aus Deutschland keine Auskunft darüber, wie in den chinesischen Fabriken gearbeitet wird und welches Material dort verwendet wird. Darum ist sie nach China gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Sie hat Arbeiter interviewt und sich von einem lokalen Aktivisten begleiten lassen. Es hat ihr geholfen, die örtlichen Arbeitsbedingungen besser zu durchschauen.

"In China ist halt schon in Fabriken eigentlich Standard ein 12-Stunden-Arbeitstag. Und das ist halt nicht, was wir als fair bezeichnen. Und es ist halt dann auch schwierig so zu verhandeln, weil wir wollen ja nicht von oben herabkommen und sagen, ihr müsst jetzt aber einen 8-Stunden-Tag wie wir in Deutschland haben. Aber wir wollen auch nicht, dass die Arbeiter ausgebeutet werden." Susanne Jordan, Nager IT, Bichl-Benediktbeuern

Stößt sie auf Hindernisse, gilt für Susanne nur eins: immer wieder neue Wege suchen. Wie bei der Leiterplatte, wie die Platine für die elektrischen Bausteine im IT-Fachjargon heißt. Allein die lange Kette der Lieferanten zu durchleuchten, ist schon ein Abenteuer.

Jedes Teilchen zählt: steinige Etappen der fairen Produktion

Nur mal angenommen, Susanne findet eine fair produzierte Leiterplatte. Wer garantiert, dass auch alle Einzelteile einer solchen Platine fair sind? Wird zum Beispiel auch das Basismaterial fair hergestellt? Und selbst wenn das Basismaterial der Leiterplatte fair ist: Was ist mit dem darin verbauten Glasgewebe oder dem Harz? Wie fair wiederum werden eigentlich die Rohstoffe gewonnen? Stammen auch Zinn und Kupfer aus guten Quellen?

Mehr als eine harte Nuss also. Doch Susanne will sich durchbeißen - in Regensburg findet sie mit Thomas Hofmann einen Leiterplatten-Hersteller. Der ist bereit, fair hergestelltes Material einzusetzen, zumindest so gut es geht.

"Die Schwierigkeit für uns ist, dass die Wertschätzung der Leiterplatte immer mehr sinkt. Die Kunden wollen möglichst geringen Preis zahlen für das Produkt mit hoher Qualität, sodass wir gezwungen sind, teilweise auf asiatische Ware zurückzugreifen." Thomas Hofmann, Leiterplatten-Hersteller, Regensburg

Da Susanne mehr zahlt als in der Branche üblich, kann Hofmann höherwertiges Basismaterial von einem deutschen Zulieferer fertigen lassen. Der kocht sogar das Harz noch selber. Doch das Glasgewebe bezieht der jetzt aus Taiwan. Und die Kupferfolie kommt neuerdings aus China. Früher stammten die noch von einem Recyclingbetrieb in Belgien. Für die nächste Charge, sagt Susanne, soll wieder das Kupfer aus Belgien verwendet werden. Eine Herausforderung auch für Lieferanten und Sublieferanten.

Bislang 35.000 nachhaltige Computermäuse verkauft

Doch es gibt auch Bauteile mit weniger logistischem Aufwand. Das Scrollrad produziert ein fränkisches Unternehmen aus heimischem Holz. Und auch der Lötdraht, mit dem die Bauteile an der Platine befestigt sind, lässt sich beinahe fair durchproduzieren. Dank einer ehrenamtlich arbeitenden Organisation namens "fair lötet". Diese hat einen Lötdraht aus Recyclingmetall entwickelt und konnte sich auf dem Markt durchsetzen.

Die Vorbehalte, die in der Industrie wegen Verunreinigungsrisiken bei Recyclingmetallen existieren, würden geringer, stellt auch Marco Dörr vom Metallverarbeitungsunternehmen Stannol fest. Bei den Kunden stoße man "auf immer größere Akzeptanz".

Nächstes Ziel: komplette Fairness

Montiert wird Susanne Jordans faire Maus in einer Integrationswerkstatt in Regensburg. Ohne Überstunden - und mit Ruhezeiten. Etwa 35.000 Mäuse hat Susanne bislang verkauft, obwohl eine doppelt so viel kostet wie ihre Konkurrenz aus der Massenproduktion. Das Team kann davon leben. Aber Susanne reicht das nicht: "Unsere Maus soll natürlich erstmal komplett fair werden und parallel dazu wär's natürlich toll, wenn sich auch andere Projekte entwickeln."

Immerhin: Zwei Drittel des Weges zur komplett fairen Computermaus konnte Susanne Jordan bereits bestreiten.