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von links: Staatssekretärin Leonie Gebers, Herbert Brücker (IAB), Moderator Gerhard Schröder, Aufsichtsrätin Janina Kugel, Eva Strobel (BA).

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Fachkräftemangel: Weniger Bürokratie und mehr Migration nötig

Der Fachkräftemangel verschärft sich zunehmend. Experten fordern unter anderem den Abbau bürokratischer Hürden, aber auch ein Umdenken bei den Unternehmen. Trotz des großen Bedarfs schreckten viele noch davor zurück, Migranten einzustellen.

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Der Fachkräftemangel ist vielerorts zu spüren. Auch in Nürnberg, berichtet Oberbürgermeister Marcus König (CSU). Es fehlten Handwerker, Bäckereiangestellte, Hotelfachkräfte, sagt er am Montagabend bei den "Nürnberger Gesprächen". Diese Podiumsreihe veranstaltet die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit der Stadt Nürnberg. Als weiteres Beispiel fügt König hinzu: "Auch im Pflegebereich ist ein ganz gewaltiger Mangel an Mitarbeitenden." Der Kommunalpolitiker fordert: "Wirtschaft, Wissenschaft und alle Arbeitsmarktakteure müssen diesen Trend durchbrechen."

Fachkräftemangel hat sich verschärft

Der Direktor des Berliner Instituts für Integrations- und Migrationsforschung, Herbert Brücker, stellt in der Gesprächsrunde fest: Der Fachkräftemangel in Deutschland habe sich verschärft. Der demografische Wandel in der Bevölkerung bringe es mit sich, dass der Anteil der Beschäftigten, die in Rente gehen, immer weiter steigt – während wenige junge Menschen nachkommen. Immer weniger junge Leute entscheiden sich für eine Ausbildungsstelle, sondern streben einen Hochschulabschluss an, sagt Brücker, der auch leitender Migrationsforscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ist.

Corona-Pandemie zeigt Mangel auf

Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, zählt noch weitere Faktoren auf, die den Fachkräftemangel zur immer größeren Herausforderung machen: Der wirtschaftliche Strukturwandel, der Klimaschutz, die Dekarbonisierung und die Digitalisierung machen mehr Weiterbildung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erforderlich, sagt sie. Und freilich habe auch die Corona-Pandemie einen Mangel an Fachkräften aufgezeigt, dem man beikommen müsse.

Mangelnde Vorausschau in Unternehmen

Das alles bricht jedoch nicht überraschend und auch nicht ohne eine gewisse Mitverantwortlichkeit von Wirtschaft und Gesellschaft über Deutschlands Unternehmen herein, gibt Janina Kugel zu verstehen. Die frühere Siemens-Personalchefin und heutige Aufsichtsrätin des internationalen Elektrokonzerns kritisiert unter anderem mangelnde Vorausschau in vielen Unternehmen, überkommene Einstellungen bei Personalverantwortlichen und zu langwierige Vorgänge, wenn es um Behördenentscheidungen geht.

Arbeitskräfte aus dem Ausland dringend benötigt

Was also muss getan werden, um mehr Fachkräfte zu bekommen? "Der große Hebel ist die Migration", sagt der Forscher des IAB, Herbert Brücker. Die so genannte Nettoeinwanderung müsste 400.000 Personen betragen, um den demografisch bedingten Rückgang des Potentials an Erwerbspersonen auszugleichen. Dafür müssten wegen der Rückwanderung jedes Jahr 1,6 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern.

Brücker berichtet von "deprimierenden Unternehmensbefragungen". Demnach würde eine Vielzahl an Firmen bestätigen, dass sie händeringend nach Fachkräften suchen. Aber es seien "nur sehr wenige Unternehmen" im Ausland aktiv, um dort für ihre Standorte in Deutschland nach Arbeitskräften zu suchen.

Inklusion und Vielfalt als Bereicherung

Eva Strobel, in der Bundesagentur für Arbeit für das Thema Rehabilitation zuständig, wirbt dafür, mehr Menschen mit Behinderung einzustellen. Inklusion und Vielfalt würden die Arbeit eines Unternehmens bereichern. Das sei ein "Attraktivitätsfaktor". Doch habe das im März 2020 parallel mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie verabschiedete Bundesteilhabegesetz noch nicht den erwünschten Schub gebracht. Strobel kritisiert: Zu viele Unternehmen würden nicht ihrer gesetzlichen Pflicht nachkommen, auch Menschen mit Behinderung einzustellen. Sie appelliert an Unternehmen, den Arbeitgeberservice der Bundesagentur zu nutzen, um sich über das Bewerberpotenzial und die Regularien informieren zu lassen.

Siemens-Aufsichtsrätin fordert Umdenken

Es braucht an mehreren Stellen ein Umdenken, meint die einstige Siemens-Personalchefin Janina Kugel. So müssten Schüler und Eltern überzeugt werden, dass für Menschen mit Behinderung eben nicht nur Arbeit in für sie bestimmten Werkstätten infrage kommt. Arbeitgeber müssten verstehen: Die Arbeitsbedingungen bestimmen nicht mehr Personaler, sondern jene Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und Kugel hält es für bedenklich, dass im Freistaat Bayern "nicht-deutschsprechende gymnasiale Schüler" erst dann ein Gymnasium besuchen können, wenn sie den Umweg über eine Mittelschule gemacht haben.

Weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung

"Verwaltungsprozesse müssen wesentlich unbürokratischer und digitaler gestaltet werden", fordert Arbeitsstaatssekretärin Leonie Gebers ein. Sei es bei der Visa-Vergabe, der Entscheidung über einen Aufenthaltstitel ausländischer Arbeitsuchender oder bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen. IAB-Experte Herbert Brücker plädiert zudem für "eine Vereinfachung des Ausbildungssystems". Ausländische Ausbildungsabschlüsse dürfen seiner Ansicht nach nicht länger danach beurteilt werden, ob sie identisch mit einer Ausbildung in Deutschland sind.

Mehr Frauen in Vollzeit gefordert

Der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König spricht sich überdies für zwei Maßnahmen aus, die auf dem Podium im Historischen Rathaussaal rundweg Zustimmung fanden. Es müssten noch mehr Frauen in Erwerbsarbeit kommen. Außerdem müsse deren Vollzeitquote erhöht werden. Und Schulabgängern rät König statt der Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium zu einer Dualen Ausbildung. Mit ihr habe er persönlich bereits gute Erfahrungen gemacht.

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