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EU zwingt Automobilindustrie zum Umdenken | BR24

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Verkehr München

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EU zwingt Automobilindustrie zum Umdenken

Kaum zwei Tage nach dem Ende der Klimakonferenz von Kattowitz landete die EU einen Paukenschlag . Bis zum Jahr 2030 sollen neue Grenzwerte für den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids gelten. Die Automobilindustrie steht unter Zugzwang.

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Abgase aus einem Autoauspuff

Bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts sollen Neuwagen den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) um 37,5 Prozent reduzieren, als Zwischenziel ist bis 2025 ein Minus von 15 Prozent vereinbart. Diese Ziele haben nach Angaben der österreichischen EU-Präsidentschaft die EU-Kommission, das Europäische Parlament und Vertreter der EU-Mitgliedstaaten in langwierigen Vermittlungsgesprächen festgelegt. Diese Vereinbarung stellt einen Kompromiss dar, denn ursprünglich hatten die EU-Staaten eine Verringerung von 35 Prozent im Visier, während das Parlament 40 Prozent als Ziel ausgegeben hatte. Bislang ist in der EU festgelegt, dass Personenwagen im Flottenschnitt bis 2021 nicht mehr als 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen sollen. Dieser Wert ist der Referenzwert, der als Ausgangsbasis für die Senkung gelten soll. Den Startschuss hatte vor einem Jahr die EU–Kommission mit dem Vorschlag von 30 Prozent gegeben.

Verkehr verursacht ein Viertel der Klimagasemissionen

Doch von dieser aktuellen Vorgabe sind viele Automobilhersteller weit entfernt. Der europäische Durchschnitt lag zuletzt bei 118,5 Gramm CO2. Insgesamt stammt rund ein Viertel aller Klimagase der EU aus dem Verkehr, Autos und Lastwagen haben daran den größten Anteil. Um die ambitionierte Zielsetzung der EU-Klimaschutzziele zu erreichen, ist ein generelles Umdenken erforderlich, weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität. Eine Strategie, die in den Führungsetagen der Automobilindustrie mittlerweile angekommen zu sein scheint, allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen. Denn allzu lange setzte man in den Konzernzentralen auf die bewährten Diesel und Benziner, statt auf Fahrzeuge mit Null-Emission. Generell geht es bei der geplanten Reduktion nicht um schärfere Emissionslimits für einzelne Fahrzeugmodelle, sondern um den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der gesamten Flotte des Herstellers. Diese CO2-Reduktion soll der EU helfen, die Pariser Klimaziele, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, zu erfüllen.

Strategiewechsel notwendig

Die Umsetzung der Ziele war Thema auf der jüngsten Klimakonferenz im polnischen Kattowitz. Bis 2016 konnte eine Reduktion von Treibhausgasemissionen in Höhe von 23 Prozent erreicht werden, allerdings ist der Verkehr der einzige Sektor, in dem die Emissionen weiter steigen. Strengere Emissionen für Lastwagen sind bereits in Vorbereitung. Diese ehrgeizigen Ziele sind nicht nur mit einem Strategiewechsel, sondern auch mit einem Umbau der Produktion zu schaffen. An dem Punkt eines zu schnellen Umstiegs setzt auch die Kritik an. Die Bundesregierung befürchtet Jobverluste und der europäische Herstellerverband Acea warnte eindringlich vor zu scharfen Zielwerten.

"Wenn sie auf überehrgeizige CO2-Reduktions-Werte dringt, riskiert die EU, Autos für Leute mit begrenzten Mitteln zu teuer zu machen“, erklärte der Verband, nicht ohne auf die explosive Protestlage in Frankreich und Belgien zu verweisen.

Allerdings gab es auch positive Stimmen. Befürworter strenger Grenzwerte sind der Ansicht, dass "europäische Autobauer so in der Konkurrenz zu China bestehen und neue Jobs schaffen können".

VW investiert in E-Mobilität

Den vielleicht mutigsten Schritt in Richtung Zukunft hat ausgerechnet der von der Dieselkrise am meisten gebeutelte VW-Konzern angekündigt. Wie kein anderer Massenhersteller setzen die Wolfsburger Autobauer, die bislang rund 28 Milliarden an Strafzahlungen für die Dieselmanipulation leisten mussten, auf das Thema Elektromobilität. Es ist eine Wette auf die Zukunft, wie die Agentur "Reuters“ schreibt. So hat sich "VW als erstes Unternehmen überhaupt auf einen Zeitpunkt für den Abschied vom Verbrennungsmotor festgelegt" und das nicht zuletzt mit dem „Argument, anders sei der fortschreitende Klimawandel nicht aufzuhalten" Experten sehen in dem Schwenk von VW in Richtung Elektromobilität denn auch die "Chance, die teure Vergangenheitsbewältigung zu verlassen und das Blatt zu wenden“. Doch ob sich das in Zukunft auch rechnet, weiß niemand. Entscheiden tut allein der Verbraucher, ob er den Wechsel zu einem batteriebetriebenen Fahrzeug vollzieht oder nicht. Der VW Aufsichtsrat hat gerade grünes Licht gegeben, in den nächsten fünf Jahren knapp 44 Milliarden in die Entwicklung neuer E-Autos, in autonomes Fahren, in Mobilitätsdienste und die Digitalisierung zu investieren. Doch die Skepsis ist derzeit noch groß, sowohl bei den Beschäftigten als auch bei den Verbrauchern, ob sich die 30 Milliarden, die allein für Elektromobile vorgesehen sind, auch rechnen werden. Zu groß sind die Fragezeichen in puncto Ladeinfrastruktur, Rohstoffverfügbarkeit und Rohstoffpreise. Bislang bewegen sich die weltweiten Marktanteile nur im einstelligen Bereich. Lediglich in Norwegen ist der Anteil dank staatlicher Subventionen höher.

Es ist zweifellos eine große Herausforderung, die auf die Automobilfirmen zukommt. Zugleich würde sie der Elektromobilität einen gewaltigen Schub verleihen. "Wenn wir den CO2-Ausstoß unserer Autoflotte bis 2030 um 30 Prozent reduzieren müssen, dann geht das nur mit einem Drittel reiner E-Autos auf den Straßen", rechnete Konzernchef Diess unlängst vor Zulieferern in Wolfsburg vor.

"Würde die Autobranche hingegen auf 40 Prozent gedrückt, müsste 2030 bereits die Hälfte der Autos rein elektrisch fahren." Herbert Diess, VW -Vorstandsvorsitzender

Autohersteller unter Druck

Ohne Frage ein ehrgeiziges Ziel, doch die Hersteller werden reagieren müssen, wenn sie die Reduktion des klimaschädlichen CO2 Ausstoßes entscheidend umsetzen wollen. Die Automobilhersteller sind unter Druck. Wie schwer es den Automobilherstellern falle, ihre CO2 Emissionen zu senken, schreibt das Handelsblatt, zeige das vergangene Jahr:

“Durch den SUV-Boom und den Rückgang der Dieselverkäufe stieg der Flottenschnitt erstmals seit 2009 wieder an.“ Handelsblatt

So fällt es den meisten Herstellern schwer, die Flottenvorgaben einzuhalten. Der Flottenschnitt von VW, des größten Autoherstellers Deutschlands, lag damals bei 155,7 g CO2 pro Kilometer, schreibt das Handelsblatt Innerhalb weniger Jahre haben die Wolfsburger diesen Wert massiv gesenkt. Aktuell liegt der Wert bei 122 g CO2 Emission pro Kilometer, noch weit entfernt von den 97,7 g CO2 , die VW bis 2021 erfüllen muss. Passiert das nicht, werden wohl Milliarden an Strafzahlungen fällig.

BMW baut Werk für 200 Millionen Euro um

Damit liegt VW derzeit bei exakt denselben 122 g CO2 – Ausstoß , die BMW für das Jahr 2017 im Flottenverbrauch angibt. Auch das Münchner Unternehmen hat kräftig in die Elektromobilität investiert. In drei Jahren wollen sie nicht nur in Leipzig und in China, sondern auch im Stammwerk in München und in Dingolfing reine Elektromobile bauen. So bereitet BMW den vollelektrischen Tesla-Konkurrenten i4 vor und baut das Werk in München-Milbertshofen für 200 Millionen Euro um. Dabei sollen Fahrzeuge mit Verbrennungs- und Elektromotor gleichzeitig von demselben Band rollen. Diese Flexibilität sei nach Auskunft der BMW-Werksleitung notwendig, um die Kundennachfrage nach den verschieden Antriebsarten – Verbrennungs-, Elektro- und Hybridmotor - zu erfüllen. Möglich macht dies, dass so unterschiedliche Fahrzeugtypen wie der 3-er BMW und der i4 dieselbe Plattform haben.

Wie viele Beschäftigte im Motorenbau dann noch gebraucht werden, steht in den Sternen. Dennoch ist BMW zuversichtlich, im Wettbewerb mit der Konkurrenz bestehen zu können. Dieses Jahr wollen die Münchner 140 000 Hybrid- und reine E-Autos zu verkaufen. Damit ist BMW nach eigenen Angaben die Nummer eins in Europa. Weltweit liegt BMW aktuell an dritter Stelle hinter dem chinesischen Autobauer BYD und Tesla.

Vorangehen wollen auch die Wolfsburger, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. Dazu "müsse die gesamte Flotte ab dem Jahr 2050 CO2 –neutral unterwegs sein", so der VW- Strategievorstand Michael Jost und fügt hinzu: "Was entfernt klingt, ist in Wahrheit sehr nah“.

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Stefan Bratze im Rundschau-Interview