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Elektroschrott: Warum Deutschland die EU-Sammelquote verfehlt | BR24

© pa/dpa/Krick

Elektroschrott (Symbolbild).

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    Elektroschrott: Warum Deutschland die EU-Sammelquote verfehlt

    Wohin mit Elektroschrott? Wertstoffhöfe nehmen ausgediente Elektrogeräte an. Seit 2016 müssen das auch Händler und sogar viele Online-Shops. Und bald sollen sogar Supermärkte kaputte Toaster oder Bügeleisen zurücknehmen müssen.

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    Händler müssen Elektrogeräte seit 2016 zurücknehmen, ebenso viele Online-Shops und demnächst wohl auch Supermärkte. Das geschieht alles, um die EU-Sammelquote in Deutschland wenigstens einigermaßen zu erfüllen.

    Deutschland droht Sammelquote für 2019 zu verfehlen

    Es klingt etwas sperrig, das Elektroschrottgesetz: Schon im Oktober 2015 ist nämlich das Elektrogesetz (ElektroG), das das "Inverkehrbringen, die Rücknahme und die umweltverträgliche Entsorgung von Elektro- und Elektronikgeräten" regelt, in Kraft getreten. Die Umsetzung einer EU-Richtlinie, wonach vor allem die Rücknahmemenge der alten, elektrischen Geräte festgelegt und nach und nach erhöht werden soll. Diese Quote wird immer rückwirkend ermittelt, wenn alle Daten der privaten und kommunalen Entsorger vorliegen. Das kann schon einige Monate dauern.

    Deshalb ist bislang auch nur für das Jahr 2018 klar, dass Deutschland das EU-Sammelziel von 45 Prozent verfehlt. Mit einer Quote von 43,1 Prozent zwar nur knapp, aber eben verfehlt. Das lässt allerdings für 2019 nichts Gutes erahnen, wenn man weiß, dass hier die EU-Sammelquote sprunghaft auf gleich 65 Prozent angehoben wird. Damit wird klar, dass künftig Entscheidendes passieren muss, wenn Deutschland nicht regelmäßig zu wenig Elektroschrott einsammeln möchte.

    Problem: Weniger eingesammelte Altgeräte als Neuanschaffungen

    Was auffällig ist: Ein Rückgang bei Altgeräten zum Beispiel. Von 2016 bis 2018 sind in Deutschland mehr als 20 Prozent Altgeräte weniger eingesammelt worden. Was auch daran liegt, dass sich mit dem Recycling von Elektroschrott – egal um welches Gerät es sich handelt – derzeit kein Geld verdienen lässt.

    "Wir stellen den Rückgang als solches nicht fest", sagt dagegen Dietmar Lange, Bereichsleiter Wertstoffhöfe, vom Abfalwirtschaftsbetrieb München (AWM), "wir haben nahezu die gleichen Zahlen. Was man feststellen kann, ist, dass die Geräte leichter geworden sind. Also das heißt die Anzahl wird dadurch natürlich höher."

    Problematisch ist aber insgesamt, dass derzeit mehr Elektro-Geräte neu in Umlauf kommen als im selben Zeitraum wieder eingesammelt werden. "Wenn wir die EU-Vorgaben künftig einhalten wollen, muss die Sammelmenge gegenüber 2018 um mehr als 50 Prozent steigen", sagt der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner. Das wäre aber eine enorme Steigerung im Vergleich zu den Vorjahren.

    Der Haken der EU-Sammelquote

    Diese große Diskrepanz bei der Quote, liegt zum einen daran, dass Elektrogeräte sozusagen vom Radar "verschwinden". Sie tauchen bei der Vorher-Nachher-Rechnung einfach nicht mehr auf. Zum Beispiel, weil Verbraucher zwar neue Geräte kaufen, die alten aber nicht entsorgen (weil sie noch funktionieren), sondern auf dem Speicher oder im Keller lagern.

    "Wir haben beobachtet, aufgeschrieben und fotografiert, was die Bürger so alles Zuhause haben, vor allen Dingen in ihrer Rumpelkammer", sagt Professor Melanie Jaeger-Erben, Nachhaltigkeitsforscherin an der TU Berlin, "und das ist interessant, wie viele Geräte die Leute zum Teil noch haben, die eigentlich ganz billig waren, also Toaster oder Mixer, die ja zum Teil nicht mehr als 15 Euro kosten." Bei der Berechnung der Sammelquote fehlen diese ausrangierten, aber noch funktionierenden Produkte natürlich. Hier ist gesetzlich festgelegt worden, dass ein in Umlauf gebrachtes elektronisches Produkt spätestens nach drei Jahren Schrott sein muss.

    In der Praxis tun sich dadurch natürlich enorme Probleme auf. Zum einen, weil ein Solarmodul, das 20 bis 30 Jahre funktionieren soll, genauso behandelt wird, wie ein Sportschuh, der ein paar billige Blinklichter in der Sohle hat. Zum anderen, weil in riesiges Bett mit intergriertem Radio, eben - im wahrsten Sinne des Wortes - anders ins Gewicht fällt, als ein leichtes Smartphone. Die Nutzungsdauer wird hier allgemein, aber nicht bezogen auf die einzelnen Produktgruppen berechnet.

    Elektroschrott oft falsch entsorgt

    Eine Waschmaschine lässt sich natürlich schlecht in der Restmülltonne entsorgen, ein altes Bügeleisen, ein kaputtes Telefon oder ein Föhn aber schon. Deshalb landen ausrangierte Elektrogeräte oft als Fehlwürfe in der Restmülltonne, wo sie definitiv nicht hingehören.

    Wie sich anhand der Hausmüllanalysen zeigt, finden sich hochgerechnet knapp 150.000 Tonnen kleiner, kaputter Elektrogeräte im Restmüll und damit in der Verbrennungsanlage. Was schade ist, weil gerade in diesen kleinen Elektrogeräten oft mehr wichtige Rohstoffe stecken, als – bezogen aufs Gesamtgewicht – in Elektro-Großgeräten.

    Bei einer falschen Entsorgung gehen nicht nur wertvolle Rohstoffe verloren, sondern es können auch Schwermetalle in die Umwelt gelangen. Altgeräte, die lithiumhaltige Batterien enthalten, können außerdem in Brand geraten. Auch wenn es noch besser geht: Insgesamt ist die Sammelquote bei Haushalts-Kleingräten mit 75 Prozent bereits hoch.

    Maßnahmenpaket für bessere Sammelquote

    Dass ausrangierte Elektrogeräte in der Regel kostenlos bei den kommunalen Sammelstellen wie den Wertstoffhöfen abgegeben werden können, dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Was weniger bekannt ist: Seit Juli 2016 sind auch größere Einzel- oder Online-Händler gesetzlich verpflichtet, elektrische und elektronische Altgeräte zurücknehmen.

    Für den Verbraucher ist das aber oft schwer einzuschätzen. Bei Geschäften mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern geht das vielleicht noch. Diese sind nämlich dazu verpflichtet. Bei Online-Händlern wird es schon schwieriger, die Lagergrundfläche richtig zu bestimmen, außer vielleicht bei den Branchenriesen wie Amazon oder Otto.

    Dritthändler beispielsweise, die auch über größere Verkaufsportale ihre Waren veräußern, sind nicht automatisch verpflichtet, Altgeräte zurückzunehmen. Für kleine Geräte bis 25 Zentimeter Kantenlänge gilt die Verpflichtung zur Rücknahme übrigens unabhängig vom Neukauf. Altgeräte, die größer als 25 Zentimeter sind, müssen nur zurückgenommen werden, wenn ein artgleiches Gerät beim jeweiligen Händler neu gekauft wird. Viele Händler nehmen aber auch kostenlos verschiedene Kleinelektrogeräte, wie beispielsweise Lampen, zurück.

    Rückgabe im Supermarkt bald möglich?

    Umweltministerin Svenja Schulze brachte kürzlich auch eine Rückgabe in Supermärkten ins Spiel, um die Sammelquote signifikant zu erhöhen. Insbesondere große Supermärkte, die eben öfter auch Elektroartikel im Sortiment haben, sollen bald alte Geräte zurücknehmen müssen, wenn diese eine Kantenlänge bis 50 Zentimeter haben.

    Der Gesetzentwurf muss aber noch innerhalb der Regierung abgestimmt werden. Dietmar Lange, Bereichsleiter der AWM-Wertstoffhöfe, glaubt nicht, dass das viel bringt: "Die Kommunen und auch der Elektrohandel ist der vom Bürger wahrgenommene Rückgabeort. Alles andere, glaube ich nicht, dass es funktionieren wird. Wer bringt schon zum normalen Lebensmitteleinkauf seinen kaputten Akkuschrauber oder irgendetwas, was er auch dort gekauft hat, mit? Das bringt man zum Wertstoffhof", sagt er. Sinnvoller wäre es vielleicht, dass die Entsorger sozusagen die Logistik für Onlinehändler und Supermärkte bereit halten und die wiederum zahlen dafür eine entsprechende Gebühr.

    Auch auf dem Weg sind mehrere Maßnahmen, um die Vernichtung von Retouren bei Online-Händlern zu verhindern. Mit der sogenannten "Obhutspflicht" verbietet ein Kabinettsbeschluss vom Februar 2020 beispielsweise, dass zurückgesandte und intakte Elektro-Geräte vernichtet werden. Vielmehr müssen diese Geräte wiederaufbereitet und nochmals verkauft oder auch verschenkt werden.

    Fernseher werden viel häufiger als früher durch neue ersetzt

    Dass die Verbraucher selbst gerne alte Geräte durch neue, modernere Modelle ersetzen, obwohl das alte Modell noch einwandfrei funktioniert, zeigt sich besonders deutlich bei Fernsehern. Die Röhrenfernseher liefen in den deutschen Haushalten im Durchschnitt etwa zehn bis zwölf Jahre. Modernere Flachbildschirme werden schon nach etwa fünf bis sechs Jahren durch neuere Modelle ersetzt.

    Nur knapp ein Viertel der Verbraucher kauft sich ein neues Gerät, weil das alte defekt war. Im Jahr 2012 – das weist die UBA jedenfalls in der letzten großen Studie dieser Art nach – haben über 60 Prozent ihre "noch funktionierenden Flachbildschirmfernseher durch ein besseres Gerät ersetzt."

    "Psychische Obsoleszenz" suggeriert, dass ständig ein neues Modell her muss

    Bei Mobiltelefonen oder Smartphones zeigt sich ein ähnliches Bild: Nur wenige kaufen sich zwar gleich jedes Jahr ein neues Handy (nur ein Prozent der Verbraucher), aber immerhin 37 Prozent alle zwei Jahre - obwohl das alte noch funktioniert.

    Bei satten 70 Prozent überlebt ein Mobiltelefon nicht das vierte Jahr, auch wenn es tadellos seinen Dienst tut. "Psychische Obsoleszenz" nennen das die Experten. Hersteller und Werbung suggerieren uns, dass ein neues Modell her muss, weil wir sonst nicht mehr auf der Höhe sind, technisch abgehängt oder von vorgestern. Und das funktioniert.

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