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Digitalisierung im Gesundheitswesen ist nötig und auch kaum aufzuhalten: Zum ersten Januar kommt jetzt nach jahrelangem Hin und Her die elektronische Patientenakte - mit hochsensiblen personenbezogenen Informationen. Datenschutztechnisch ein Problem?

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Elektronische Patientenakte: Das müssen Sie wissen

Zum Jahreswechsel haben alle Kassen-Versicherten Anspruch auf eine elektronische Patientenakte, kurz ePA. Sie kann nach Ansicht der Bundesregierung und anderer Befürworter viele Vorteile bringen. Es gibt aber auch Kritik.

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Von
  • Nikolaus Nützel

Die Pläne für eine elektronische Patientenakte reichen bis zur Jahrtausendwende zurück. Besonderen Aufschwung bekamen sie durch den Lipobay-Skandal im Jahr 2001. Tausende Patienten, die den Blutfettsenker nahmen, erlitten schwere Schädigungen oder starben, vor allem weil gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneien auftraten. Wenn es eine digitale Erfassung der Medikation gegeben hätte, hätten viele Leben gerettet werden können, hieß es damals. Die ePA soll es für Patienten aber auch einfacher machen, ihre Behandlungsdaten zu speichern und zu verwalten.

Welche Vorteile habe ich persönlich?

Wer Daten über seine Krankengeschichte sammeln und sie seinen Ärzten zugänglich machen möchte, soll dazu mit der elektronischen Patientenakte weit bessere Möglichkeiten haben. Ärzte sollen beispielsweise auch schneller erkennen können, wenn jemand lebensbedrohliche Allergien hat. Ein digitaler Medikationsplan soll gefährliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Arzneien verhindern helfen. Wichtige Dokumente wie der Impfpass, das Zahnarzt-Bonusheft oder das Kinder-Früherkennungsheft können nicht mehr verloren gehen, wenn sie digital abgespeichert sind.

Wie profitiert das Gesundheitssystem?

Nach Einschätzung der Befürworter der ePA könnten mit ihrer Einführung unnötige Doppel-Untersuchungen vermieden werden. Auch etwa die Umstellung auf elektronische Rezepte soll bürokratischen Aufwand verringern. Wenn von den rund 300 Milliarden Euro, die jährlich bewegt werden, zwei Prozent eingespart werden könnten, wären das bereits sechs Milliarden Euro, rechnet etwa der Gesundheitsökonom Prof. Boris Augurzky vor. Außerdem werde es besser möglich, Behandlungsdaten in anonymisierter Form zu Forschungszwecken auszuwerten. Auf diese Weise lasse sich besser feststellen, ob bestimmte Behandlungsmethoden wirklich effizient sind.

Stehen alle Funktionen von Anfang an zur Verfügung?

Die Funktionen der ePA werden schrittweise über einen Zeitraum von mehreren Jahren freigeschaltet. Zunächst können Patienten zwar eigene Gesundheitsdaten eingeben, aber nur auf in "ungeordneter" Form, wie es die Kassenärztliche Bundesvereinigung formuliert. Ab 2022 soll ein "strukturiertes Speichern" möglich sein, das es für Ärzte und Krankenhäuser leichter macht, Behandlungsdaten auszutauschen.

Wirklich flächendeckend teilnehmen müssen Kassenärzte und -psychotherapeuten erst ab 1. Juli 2021. Dann soll auch der Austausch elektronischer Rezepte möglich werden. Ab 2022 folgen unter anderem die Funktionen Zahnarzt-Bonusheft, Untersuchungsheft für Kinder, Mutterpass, Impfdokumentation, Daten der Krankenkassen über in Anspruch genommene Leistungen.

Was ist der Unterschied zwischen elektronischer Gesundheitskarte, elektronischer Gesundheitsakte und elektronischer Patientenakte?

Als die ersten Pläne zur Speicherung von Patientendaten entwickelt wurden, sollte die elektronische Gesundheitskarte das technische Instrument dafür sein. Es gab Überlegungen, auf dem Chip der Karte, die alle gesetzlich Versicherten haben, Daten abzulegen. Das erwies sich als schwer umsetzbar. Es wurden verschiedene Lösungen entwickelt, bei denen Datensammlungen auf Online-Servern verwendet werden. Zahlreiche gesetzliche und private Krankenversicherer bieten schon seit einigen Jahren solche Lösungen unter dem Namen "elektronische Gesundheitsakte" an.

Die elektronische Patientenakte, die jetzt auf der Grundlage eines Gesetzes kommt, hat damit Gemeinsamkeiten. Der Unterschied besteht darin, dass für die Patientenakte einheitliche Vorgaben bestehen, so ist für sie ein neues Datennetz entwickelt worden, das besonders hohe Sicherheitsstandards erfüllen soll. Ein Merkmal der ePA ist es auch, dass es für alle gesetzlichen Krankenkassen, für alle Krankenhäuser und für alle Kassenärzte verpflichtend ist, mit ihr zu arbeiten.

Welche Bedenken gibt es?

Verschiedene Ärztegruppen und andere Gruppierungen lehnen das Projekt ab, vor allem, weil sie Sorgen um die Sicherheit der Daten haben. Diese Ablehnung trägt zum Beispiel die Gruppe "Stoppt die E-Card" schon im Namen. Auch der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Ulrich Kelber, hat Bedenken. Er sieht in der Art und Weise, wie Patienten ihre Daten freigeben können, einen Verstoß gegen die Europäische Datenschutzgrundverordnung.

Denn die Patienten können, vereinfacht gesagt, anfangs im Wesentlichen nur entweder allen Ärzten alle Daten zugänglich machen oder keinem. Zu verhindern, dass etwa der Augenarzt etwas über einen in die Patientenakte eingetragenen Suizidversuch erfährt, ist zunächst nicht möglich. Das Bundesgesundheitsministerium teilt die Bedenken des Datenschutzbeauftragten aber nicht, und der Bundestag und der Bundesrat haben die im Ministerium formulierten Regelungen verabschiedet. Der Bundespräsident hat das Gesetz unterschrieben.

Kann ich die elektronische Patientenakte ablehnen?

Niemand muss eine Patientenakte anlegen. Ob und wie Patienten sie nutzen, ist voll und ganz ihnen selbst überlassen.

Wer übernimmt die Kosten?

Die elektronische Patientenakte ist eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Es entstehen den Versicherten dadurch keine zusätzlichen Kosten. Der Aufwand, der in den vergangenen Jahren mit der Entwicklung und Einführung verbunden war, wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt.

Befürworter argumentieren allerdings, dass sich damit weit höhere Summen einsparen lassen, etwa wenn Doppeluntersuchungen vermieden werden oder Patienten vor gefährlichen Medikamenten-Wechselwirkungen bewahrt werden. Auch die privaten Krankenversicherer wollen mittelfristig bei der ePA mitmachen. Sie hatten sich mehrere Jahre lang aus dem Projekt zurückgezogen, sind seit April 2020 aber wieder mit dabei.

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