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Ein Monat Brexit – Spediteure beklagen chaotische Zustände | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Gareth Fuller

Lkw stauen sich vor dem Hafen in Dover.

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    Ein Monat Brexit – Spediteure beklagen chaotische Zustände

    Am 1. Januar 2021 ist England aus dem europäischen Binnenmarkt ausgetreten. Seitdem gelten komplizierte Zollanmeldungen, die den Warenverkehr erschweren. Viele Unternehmen und vor allem die Spediteure belasten große Zeitverluste im Englandverkehr.

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    Von
    • Julia Demel

    Die Firma HB Transport mit Sitz im Landkreis Roth ist auf den Handel mit England spezialisiert. Sie fahren nur auf die Insel und zurück, seit mehr als zwanzig Jahren. Das Unternehmen aus Röttenbach verfügt über knapp 40 Lkw und rund 60 Mitarbeiter. Sie alle sind seit dem Brexit im Dauerstress, Büromitarbeiter ebenso wie die Fahrer.

    Bürokratie hat sich verfünffacht

    Denn trotz des in letzter Minute geschlossenen Handelsabkommens zwischen England und der EU sind die Zollformalitäten nun genauso kompliziert, wie mit Ländern am anderen Ende der Welt. Pro Lkw sind nun mehrere hundert Seiten Dokumente fällig. Jeder Posten muss angemeldet und von den Zollbehörden genehmigt werden. Benjamin Nendel von der Spedition HB Transport schätzt, dass sich der bürokratische Aufwand verfünffacht hat.

    Lange Wartezeiten an den Grenzen

    Das größte Problem sind sogenannte Sammeltransporte. Sobald von 100 Sendungen auch nur eine einzige falsch deklariert ist, bleibt der ganze Lkw an der Grenze hängen. Dann kommt es zu langen Warte- und Standzeiten, die viel Zeit und Nerven kosten. Terminpläne können nicht eingehalten werden, die Fahrer kommen nicht rechtzeitig zurück zu ihren Familien – Frust auf allen Seiten.

    "Es gibt für einen Fernfahrer nichts Schlimmeres als zu stehen. Ich spreche aus Erfahrung, weil ich jahrelang selber gefahren bin. Aber drei Tage am selben Fleck, und man darf das Fahrzeug ja nicht bewegen, solange das Zollverfahren läuft, sind für den Fahrer alles andere als schön. Wir sind unter Corona-Bedingungen, die sanitären Einrichtungen sind oft nur ein dreckiges Dixie-Klo, das sind krasse Zustände." Benjamin Nendel, HB Transport

    Kunden oft schlecht vorbereitet

    Viele, vor allem kleinere Unternehmen, seien schlecht vorbereitet auf den Brexit, sagt auch der Landesverband der bayerischen Spediteure. Nach Angaben von Geschäftsführerin Sabine Lehmann "fehlt es an den Grundkenntnissen, vor allem bei denjenigen Unternehmen, die bisher rein im europäischen Binnenmarkt unterwegs waren". Ausbaden müssten das dann oft die Speditionen, deren Laster derzeit zum Teil doppelt so lange für eine Tour unterwegs seien wie vor dem Brexit. Noch schlimmer sei es bei den Importen – rund die Hälfte der Lkw fahren zur Zeit leer aus England zurück. Das alles führe zu erheblichen Preissteigerungen, die nicht alle Kunden zu zahlen bereit seien.

    Erste Spediteure streichen England aus dem Angebot

    Als würden die neuen Zollbestimmungen nicht schon reichen, hat das mutierte Corona-Virus in England den Reiseverkehr weiter erschwert. Nun warten die Lkw-Fahrer neben den Zollpapieren auch noch auf den negativen Corona-Test. Angesichts dieser Schwierigkeiten haben erste Spediteure Touren nach England aus ihrem Angebot gestrichen. Nicht so HB Transport aus Röttenbach: "Der Brexit wird uns nicht stoppen", heißt es auf ihrer Homepage. Daran wollen sie auch festhalten, jedenfalls bis zum 1. Juli 2021. Dann endet eine Übergangsfrist nach der auch ein Nachverzollen von Waren in England nicht mehr möglich ist. Das Chaos könnte danach noch größer werden.

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