BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance
Bildrechte: picture alliance

Börsenstier und Pandemie-Symbol.

4
Per Mail sharen

    Die Börsenrally - ein Jahr nach dem Crash

    Es galt, die Nerven zu behalten, nicht in den Abwärtstrend hinein zu verkaufen - wie nach "9/11" oder "Fukushima". Vielmehr galt nach dem "Corona-Schock" 2020 an der Börse das Motto: "Niedrige Kurse sind Kaufkurse". Eine Bilanz ein Jahr danach.

    4
    Per Mail sharen
    Von
    • Margit Siller

    Noch Mitte Februar 2020 hatte der Deutsche Aktienindex ein neues Rekordhoch bei 13.700 Punkten markiert. Dann kam der erste Lockdown, und die Weltbörsen stürzten ab - innerhalb von zwei Wochen um fast 40 Prozent. Am 18. März 2020 fiel der DAX auf 8.442 Punkte. Genau ein Jahr später erreichte der deutsche Leitindex bei 14.804 ein neues Allzeithoch. Das macht ein Plus von mehr als 70 Prozent, genau wie bei den wichtigsten Börsenbarometern in Amerika.

    Erst boomten Online-Geschäftsmodelle, dann waren die früheren Corona-Verlierer aus der Luftfahrt und dem Tourismus wieder gefragt. Unterbrochen wird diese Rekordjagd an den deutschen Aktienmärkten seitdem von kleineren Rücksetzern, die bislang nur kurz und moderat ausfallen. Niemand will in größerem Stil Kasse machen; viele Profis und Privatanleger warten auf niedrigere Kurse, um wieder einzusteigen.

    Dividenden sprudeln

    Die börsennotierten DAX-Unternehmen kamen vergleichsweise gut durch das Krisenjahr 2020. Dividenden wurden, wenn überhaupt, nur leicht gekürzt. Jetzt läuft die Saison der Hauptversammlungen auf Hochtouren; auch das spricht gegen einen Ausverkauf, bevor die Dividenden (jeweils am Tag nach der Hauptversammlung) ausgezahlt werden. Unter dem Motto "Die Dividende ist der neue Zins" sorgen vor allem diese Ausschüttungen für stetige Erträge bei Pensionsfonds und Privatanlegern.

    Zuflüsse über das ganze Jahr

    Viele Konzerne aus Großbritannien und den USA verwöhnen ihre Investoren zweimal oder sogar viermal im Jahr mit einer Dividende. Kluge Aktienauswahl und geschicktes Timing garantieren so Zuflüsse das ganze Jahr über. Eine wichtige Kennzahl in diesem Zusammenhang ist die "Dividendenrendite", die zum Beispiel bei vielen Versicherungskonzernen relativ hoch ausfällt.

    Pharmatitel und klassische Konsumwerte, also Unternehmen, die Güter des täglichen Bedarfs herstellen, gelten als verlässliche Dividendenbringer und als widerstandsfähig auch in der Krise.

    Rally macht Techies teuer

    Getragen wurde die weltweite Börsenrally zunächst vor allem von den Aktien der Technologiekonzerne. Abzulesen war das vor allem am amerikanischen Nasdaq-Index. Solange die Wirtschaft kaum wächst und die Zinsen extrem niedrig sind, sind Unternehmen gefragt, die ihre Gewinne – vermutlich - gegen den Trend deutlich steigern können. Inzwischen allerdings sind viele dieser "Techies" zu teuer geworden. Ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) - das ist die wichtigste Bewertungskennzahl - ist deutlich gestiegen. Wenn die Aktienkurse stärker geklettert sind als die tatsächlichen oder die erwarteten Unternehmensgewinne, dann heißt es: Kasse machen und in andere Aktien, zum Beispiel aus der "Old Economy", umschichten. Genau das passierte prompt: Nach dem Nasdaq-Index ging der Dow-Jones auf Rekordjagd.

    Favoritenwechsel

    Ökonomen und Börsenexperten rechnen fest mit einer kräftigen Erholung der Weltwirtschaft nach der Corona-Krise. Neben China werden die USA zur Konjunktur-Lokomotive, auch dank des neuen 1,9 Billionen Dollar schweren Hilfsprogramms. Sollte die US-Wirtschaft in diesem Jahr tatsächlich um 6,5 Prozent wachsen, dann wäre das der kräftigste Aufschwung sei den 1970er Jahren. Profitieren dürften davon auch viele europäische Unternehmen, die weltweit aktiv sind.

    Deshalb fließt nun vor allem Kapital in sog. "Zykliker", das sind konjunkturabhängige Aktien. Dazu gehören z.B. Unternehmen aus der Autobranche, der Metallverarbeitung und der Ölindustrie. Nicht zu vergessen: Alle Zulieferer für diese Sektoren. Als zyklische Branchen gelten auch Chemieindustrie, Maschinen- und Anlagenbau.

    Nachholbedarf

    Reisen und Restaurantbesuche, Festivals und Freizeitparks, Konzerte und Kreuzfahrten - es gibt vieles nachzuholen in den kommenden Monaten, wenn endlich die Rückkehr ins normale öffentliche Leben gelingt. Schon deutet sich an, dass viele Unternehmen ihre Preise erhöhen werden; sie gehen davon aus, dass die Kundschaft dies akzeptieren wird. Das heißt aber auch: Die Inflation wird kommen, da sind sich viele Experten einig. Volkswirte gehen davon aus, dass die Inflationsrate in der zweiten Jahreshälfte in Deutschland auf mehr als drei Prozent steigen könnte.

    Börsenrally seit 2009

    Die enormen Preissteigerungen bei vielen Rohstoffen sind ein Vorbote dafür. Wenn der aufgestaute Konsum sich endlich Bahn bricht, dann ziehen die Preise an – und letztlich auch die Zinsen. Schon gestiegen in der Anlegergunst sind deshalb Finanztitel. Banken profitieren von höheren Zinsen. Die Börsenrally, die nun schon seit 2009 anhält, könnte das allerdings ausbremsen. Bei attraktiveren Zinssätzen würde viel Kapital aus den Aktien- in die Anleihemärkte fließen.

    Doch noch ist es nicht soweit. Vieles spricht für das beste aller Szenarien: Die Inflation steigt nur vorübergehend und läuft nicht aus dem Ruder. Wenn die Wirtschaft gleichzeitig wächst, dann wäre das die beste Basis für weiter steigende Aktienkurse.

    Viele Fragezeichen

    Doch die Risiken bleiben – vor allem, wenn es nicht gelingt, die Pandemie zu überwinden: neue Probleme mit Impfstoffen, Rückschläge bei ihrer Zulassung oder bei der Massenproduktion, weitere Mutanten – um nur einige zu nennen. In der realen Wirtschaft bleibt der Grat schmal: enttäuschte Erwartungen beim Wachstum und bei den Gewinnen wären die klassischen Auslöser für eine kräftige Korrektur. Die Börsenindizes liegen höher als vor der Krise, aber Weltwirtschaft und Unternehmensgewinne sind noch lange nicht auf ihrem Vorkrisenniveau angekommen.

    Die Pandemie hat Trends verstärkt, die weit früher begannen. Beste Beispiele dafür sind die Medizintechnik und die Biotechnologie sowie die Digitalisierung des Gesundheitssystems und vieler Geschäftsmodelle. Hier eröffnen sich echte Anlagechancen, gerade jenseits der heißgelaufenen Aktien der Impfstoffhersteller. Aktien sind und bleiben Risikopapiere. Wer in sie investiert, der sollte langfristig denken, und nicht schnell reich werden wollen.

    "Zittrige Hände"

    Mit Beginn der Pandemie stieg die Zahl der Aktionärinnen und Aktionäre, gerade unter den jungen Erwachsenen. Was das Deutsche Aktieninstitut (DAI) als Erfolg für die Aktienkultur hierzulande begrüßt, das sorgt bei vielen Vermögensverwaltern und Fonds-Managern aus der Generation 50plus eher für Sorgenfalten. Wenn sich Kleinanleger im Internet zum Kauf der Gamestop-Aktie verabreden und diese Kurswetten dann als Kampf "David gegen Goliath" stilisiert werden, dann bestätigt das eher das Vorurteil, die Börse sei vor allem etwas für Zocker.

    Verleitung zum Glücksspiel

    Eine Studie, die Prof. Dr. Marc Arnold an der Universität St. Gallen zusammen mit Kollegen in Paderborn und New York verfasst hat, kommt zu folgendem Fazit: Nutzerinnen und Nutzer der Trading-Apps und Online-Plattformen lassen sich durch Push-Meldungen zu mehr Risiko verleiten. Die Anbieter können nicht nur das Verhalten der Kundschaft via Cookies genau verfolgen, sondern auch individualisierte Nachrichten oder Pop-Ups an sie versenden.

    Dies biete den Online-Brokern die Möglichkeit, das Trading-Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Schließlich verdienen die Broker über die Gebühren an den Transaktionen. Eine Kundengruppe mit begrenzten finanziellen Mitteln werde so zu einer Art Glücksspiel verleitet. Für ihre Arbeit haben die Forscher Handelsdaten von mehr als 240.000 Kunden und Kundinnen eines Online-Brokers über gut zwei Jahre ausgewertet.

    Volkssport für Kleinanleger

    Damit zeigt sich einmal mehr, genau wie kurz vor dem Crash zur Jahrtausendwende: Die Börsenhausse wirkt als Magnet für unerfahrene Anlegerinnen und Anleger. Wenn die "zittrigen Hände", wie sie Börsenaltmeister André Kostolany schon nannte, nach Aktien greifen, dann kann es gefährlich werden. Im März 2000 berichtete eine große deutsche Boulevardzeitung über einen Lehrer, der seine Schüler im Stich ließ, um künftig an der Börse zu spekulieren. Wenige Tage später platzte die Dotcom-Blase an den Weltbörsen. Das Spekulieren auf schnelle Börsengewinne war zu einer Art Volkssport geworden. Viele Kleinanleger, die erst kurz zuvor eingestiegen waren, gerieten in Panik und verkauften um jeden Preis. Andere warteten ab – und sahen ihre Einstandskurse nie wieder.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!