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Der Lockdown zwingt Einzelhändler bis mindestens Ende Januar, ihre Läden geschlossen zu lassen. Nur Click & Collect bleibt ihnen aktuell. Eine kleine Hilfe bietet auch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht.

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Drohende Insolvenzen: Einzelhändler am Abgrund

Der Lockdown zwingt Einzelhändler bis mindestens Ende Januar ihre Läden geschlossen zu lassen. Nur Click & Collect bleibt ihnen aktuell. Eine kleine Hilfe bietet auch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Viele blicken dennoch in den Abgrund.

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Von
  • Nicolas Eberlein

Aktuell sind landesweit viele Einzelhändler von einer Insolvenz bedroht. Der Handelsverband Bayern befürchtet bis Ende des Jahres bis zu 8.000 Insolvenzen. Das entspricht mehr als 25.000 Jobs. Allein in Franken wären das mindestens 2.600 Betriebe und etwa 6.500 Beschäftigte. Sprecher Bernd Ohlmann bezeichnet die Lage als "bedrohlich". Täglich verliere der Handel 150 Millionen Euro, bis Ende Januar wären das insgesamt fünf Milliarden Euro.

"Das können wir ohne finanzielle Hilfe einfach nicht überstehen. Es stehen viele Betriebe wirklich am Abgrund, die haben ihr eigenes Vermögen – grad bei kleineren Familienbetrieben – in den Laden gesteckt, und die stehen jetzt vor dem Ruin. Es ist wirklich fünf Minuten nach zwölf." Bernd Ohlmann, Handelsverband Bayern

Handelsverband: "Gebt uns eine Perspektive"

Wäre noch Weihnachten und könnte Bernd Ohlmann noch etwas auf seine Wunschliste schreiben, dann wäre das Öffnen des Einzelhandels sein oberster Wunsch. Mit Blick auf die Corona-Fallzahlen sei das aber illusorisch, so Ohlmann. Was er sich aber wünscht ist eine Perspektive, wann und unter welchen Bedingungen wieder die Ladentüren aufgesperrt werden dürfen. Außerdem fordert Ohlmann, dass der Einzelhandel nicht "am ausgestreckten Arm verhungert" gelassen wird. Finanzielle Hilfen, wie die 75 Prozent, die den Gastronomen versprochen wurden, "das wäre für viele schon ein richtiger Rettungsanker."

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Viele Einzelhändler schaffen es nicht über den erneuten Lockdown hinweg und müssen Insolvenz anmelden. Die Bundesregierung hat die Antragspflicht bis zum 31. Januar ausgesetzt. Danach könnten viele Unternehmen in Franken vor dem Aus stehen.

Einzelhändler machen auf... merksam

Einen solchen Rettungsanker hätte auch der Nürnberger Einzelhändler Raimar Bradt dringend nötig. In seinem Bekleidungsgeschäft "Bube und König" in der Innenstadt rollt er ein Stück braunes Paketband ab, schneidet es mit einem Cuttermesser durch und klebt es zur Hälfte an die Kante seines Ladentresens. Insgesamt vier Stück bereitet er vor, für jede Ecke des Plakats eines. Er klebt es von innen auf die Glastür seines Geschäfts. In großen weißen Lettern steht auf schwarzem Grund: "Wir machen auf_merksam". Viele Einzelhändler weisen derzeit mit dieser und ähnlichen Aktionen auf ihre Not hin. "Wir öffnen Ihre Augen für eine absolute Notsituation. Unsere Freunde, Kollegen und wir sind am Ende unserer Möglichkeiten. Die Läden werden sterben, die Innenstädte veröden", steht weiter auf dem Plakat. Auch Raimar Bradt steht das Wasser bis zum Hals.

"Dass ich mal so nah an der Insolvenz bin wegen Corona, dachte ich vor zwei, drei Wochen noch nicht. Also man merkt, dass es immer näherkommt, unsere Zeit läuft ab. Je früher Hilfen kommen, desto besser. Wenn keine kommen, ist früher oder später unsere Uhr abgelaufen." Raimar Bradt, Inhaber "Bube und König"

Textil-Branche besonders betroffen

Noch tickt die Uhr, wenn auch leise. Gerade die Textil-Branche trifft Corona hart. Im vergangenen Jahr brach der Handel um mehr als ein Fünftel ein. Die Branche hat aber noch ein weiteres Problem. Anders als Unternehmer ohne Warenbestand, hat Raimar Bradt zusätzliche Kosten. Die Kollektion für die kommende Saison wird bald geliefert. Die Lieferung könne er nicht stoppen.

"Die Kosten sind enorm", so Bradt weiter. Mit dem, was er über soziale Medien oder auch Click&Collect verkaufen könne, ginge es nicht lange weiter, es sei ein Tropfen auf den heißen Stein und decke gerade so die Fixkosten. "Unser Problem ist einfach, dass auch unser Lieferant seine Kohle braucht". Sollte er außerdem die Lieferung canceln, hätte er letztlich das Problem, dass er keine Ware zu verkaufen hätte, wenn er seinen Laden wieder öffnen darf.

Insolvenz-Welle oder Tsunami?

Unter normalen Bedingungen müssten Ladenbesitzer, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Verbindlichkeiten zu bezahlen, Insolvenz anmelden. Die Insolvenzantragspflicht ist aktuell aber bis Ende Januar ausgesetzt. Das habe Einzelhändlern eine kurze Atempause verschafft, meint Elske Fehl-Weileder, Fachanwältin für Insolvenzrecht . So ist die Zahl der Insolvenzanträge bislang noch nicht spürbar gestiegen. Wenn diese Pflicht aber wieder "scharf gestellt" ist, rechnet die Anwältin damit, dass es dann zu einem Anstieg der Verfahrenszahlen kommen wird. "Ob das eine vorhergesagte Welle wird oder sogar ein Tsunamiausmaß annehmen wird, das wird sich noch zeigen müssen."

Verlängerung der Antragspflichtaussetzung möglich

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) wolle sich aktuell noch dafür einsetzen, dass die Insolvenzantragspflicht noch über den Januar hinaus pausiert, sagt Elske Fehl-Weileder. Die Auszahlung der November- und Dezemberhilfen erfolge wohl sehr verzögert und schleppend. Deshalb sei zu befürchten, dass es vielen Einzelhändlern gar nicht helfe, dass sie zurzeit keinen Insolvenzantrag stellen müssen, so die Anwältin.

Raimar Bradt freut sich natürlich über jede Hilfe. Besonders wichtig ist dem Einzelhändler aber eine "klare Ansage", wie es weitergeht. Er beklagt, dass es im Moment nur "häppchenweise" Informationen gebe. "Wir stehen im Moment in der Luft".

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