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Digitalisierung und Autoindustrie: Alternativen zu Stellenabbau? | BR24

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Alle vier Jahre treffen sie sich und diskutieren über die großen Themen unserer Arbeitswelt: die Delegierten der IG Metall. Die ist mit fast zweieinhalb Millionen Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft in Deutschland.

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Digitalisierung und Autoindustrie: Alternativen zu Stellenabbau?

Bei den Autoherstellern stehen Elektromobilität und Digitalisierung ganz oben auf der Agenda. Für viele Mitarbeiter bedeutet der Umbruch den Jobverlust. So auch am Continental-Standort in Roding.

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Lukas Weber auf dem Weg zur Arbeit - mit gemischten Gefühlen. Der gelernte Industriemechaniker arbeitet beim Automobil-Zulieferer Continental in Roding. Dort werden Hochdruckpumpen für Verbrennungsmotoren hergestellt. Doch das Werk soll voraussichtlich 2024 geschlossen werden. Der dreifache Vater macht sich Sorgen.

"Man hat ja immer noch eine gewisse Hoffnung, dass ja vielleicht doch sich die Vorstandschaft entscheidet, dass das Werk nicht geschlossen wird. Eine sehr innere Unruhe, kann man sagen." Lukas Weber, Mitarbeiter bei Continental, Roding

Kurz darauf organisiert die IG Metall bei Conti eine außerordentliche Betriebsratsversammlung. Mit dabei: Olga Redda von der IG Metall Regensburg. Sie zeigt sich kämpferisch, will den Standort Roding nicht aufgeben.

"Wir erwarten, dass das Management Verantwortung übernimmt für diesen Standort. Und, dass sie uns Alternativkonzepte vorlegen und nicht einfach diesen Betrieb Continental aufgeben. Sondern wir wollen, dass sie bekennen, dass wir hier Fachpersonal haben, dass wir hier das Equipment haben am Standort, um diesen technologischen Wandel mitzugehen. Wir haben ganze vier Jahre Zeit und können uns darauf vorbereiten.“ Olga Redda, IG Metall Regensburg

Keine Alternativkonzepte für etablierte Standorte

Nach der Betriebsversammlung, der Schock: Das Management hat die Schließung des Werks endgültig bestätigt. Die Begründung: Man müsse den Erfolg des Unternehmens langfristig sicherstellen.

"In den letzten Wochen und Monaten hat sich der Umstieg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität, sprich zum elektrischen Antrieb, deutlich verstärkt. Und wir haben als Strategie für unsere Unternehmen entschieden, dass wir an diesem Wachstum, den dieser Umstieg mit sich bringt, teilhaben möchten." Wolfgang Breuer, Continental, Leitung Engine & Drivetrain Systems

Die Belegschaft ist entsetzt. Viele werden an diesem Umstieg nicht teilhaben können. Für viele der 540 Mitarbeiter ist spätestens 2024 Schluss. Auch Lukas Weber ist enttäuscht, dass sein Arbeitgeber das Werk dichtmachen will. In den letzten Monaten ist er bereits viele Kompromisse eingegangen, hat für den Standort auf Geld verzichtet, die Abteilung gewechselt. Und jetzt, mit drei Kindern und einen Hauskredit, der noch abgezahlt werden muss? Auf seinen bisherigen Arbeitgeber baut Lukas Weber bei Fragen wie diesen nicht mehr.

"Für mich persönlich, wie man so schön sagt, glaub ich, ist der Zug abgefahren. Eine Umschulung vielleicht machen. Ja, ob man sich's halt dann privat auch leisten kann, muss man halt abwägen dann." Lukas Weber, Mitarbeiter bei Continental, Roding

Laut IG Metall: Scheinargumente für Werksschließungen

Continental in Roding ist nur ein Beispiel von vielen. Vor allem die Autoindustrie steht vor massiven Veränderungen. Der Umbau hin zur Elektromobilität und die dadurch bedingten Einbußen in der Produktion treffen viele Unternehmen. Durch den technologischen Wandel könnten in Deutschland bis 2025 1,5 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, so das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Gleichzeitig würden aber ähnlich viele neue Arbeitsplätze entstehen. Die Transformation in die digitale Arbeitswelt - eine gewaltige Herausforderung für Unternehmen wie Mitarbeiter. Auch die IG Metall muss da Konzepte finden. Transformation ist das große Thema auf dem Deutschen Gewerkschaftstag in Nürnberg. Die Gewerkschaft sieht den Wandel durchaus als Chance, solange Arbeitsplätze nicht wegrationalisiert werden.

"Unbestritten erleben wir gewaltige Umbrüche in den Unternehmen. Ich hab' ja im Moment nur den Eindruck, dass die einen oder anderen Unternehmen das gerne nutzen, um Maßnahmen zu begründen, die sie schon lange strategisch entschieden haben. Wo Werksverlagerungen, sogar Werksschließungen, schon lange in der Diskussion sind. Und die nutzen das jetzt gerne, um den Menschen zu sagen: Schaut mal, wir müssen uns jetzt neu erfinden und auf diese neue Strategie reagieren. Und das ist natürlich einfacher zu argumentieren, als zu sagen, ich hätte gern mehr Geld verdient." Johann Horn, Bezirksleiter IG Metall Bayern

Wandel als Chance?

Bei MAN in Nürnberg beschäftigt man sich schon seit Jahren mit dem Umbau und hat deshalb die Entwicklungsabteilung kräftig aufgestockt. Inzwischen suchen rund 700 Mitarbeiter nach einem umweltfreundlichen Ersatz für Dieselmotoren. Bei MAN will man nicht nur beim Wandel der Technik ganz vorne sein, sondern auch beim Wandel der Belegschaft.

"Es ist eine spannende Aufgabe. Wir müssen aber als Betriebsrat darauf achten, dass wir alle Menschen mitnehmen, dass wir von der normalen dualen Ausbildung bis hin zur Hochschule alles haben. Dass wir aufgestellt sind für die Transformation und für die Zukunft dieser Firma." Markus Wansch, Betriebsratsvorsitzender MAN Nürnberg

In Roding ist die Stimmung gespalten - zwischen Niedergeschlagenheit und leiser Hoffnung. Lukas Weber und die anderen hätten gerne bei ihrer Firma eine Zukunft gehabt. Stattdessen müssen sie sich auf ein Leben nach Conti vorbereiten.