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Klimawandel: Die Energie-Rebellen von Wildpoldsried | BR24

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Wie kann man den Klimawandel stoppen? Am Mittwoch traf sich das sogenannte "Klimakabinett" zum ersten Mal in Berlin, um Vorschläge zu erarbeiten. Und während die Bundesminister noch diskutieren, ist in Wilpoldsried die Energiewende längst angekommen

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Klimawandel: Die Energie-Rebellen von Wildpoldsried

Wie kann man den Klimawandel stoppen? Das ist Thema beim sogenannten "Klimakabinett" in Berlin. Und während die Bundesminister noch diskutieren, ist in Wildpoldsried im Allgäu die Energiewende längst angekommen.

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Ein kleines Dorf tief in Bayern zeigt wie es geht. In Wildpoldsried im Landkreis Oberallgäu ist die viel beschworene Energiewende bereits gelebte Wirklichkeit. Hier wird achtmal mehr regenerative Energie erzeugt, als der Ort verbraucht. Fossile Rohstoffe wie Heizöl sind für die Versorgung der Bewohner kein Thema mehr.

Einwohner von Wildpoldsried sind Selbstversorger

Während sich im restlichen Deutschland die Proteste mehren und immer mehr Menschen gegen Windräder auf die Straßen gehen, haben die Wildpoldsrieder aus eigenen finanziellen Mitteln neun Windräder in der Nähe des Ortes aufgestellt. Außerdem gibt es zwei Blockheizkraftwerke, 280 Photovoltaik-Anlagen, zwei Kleinwasserkraftwerke und vier Biogasanlagen.

Die größte Anlage mit einer Ausdehnung von viereinhalb Kilometern gehört Wendelin Einsiedler, Landwirt aus Leidenschaft. Sein Hof versorgt ganz Wildpoldsried mit Strom und Wärme. Alles, was er dafür benötigt, ist ohnehin vorhandener Mist, Gülle und Gras-Silage. Zugeliefert von 20 Bauern aus der Gegend.

Klein angefangen - groß raus gekommen

Als Landwirt, sagt Einsiedler, ist man ohnehin stark mit der Natur verbunden. Bereits vor 20 Jahren hat er mit erneuerbarer Energie experimentiert. Zunächst war es gerade mal eine Leistung von 28 KW, die seine Biogasanlage erzeugte. Er hat sein" Hobby" inzwischen weiterentwickelt und Erfahrungen gesammelt.

Die Biogasanlage ist längst nicht das einzige Projekt des Bauern. Als Windkraft noch in den Kinderschuhen steckte, warb er schon im Ort für einen Bürgerpark. Und alle Bürger waren sofort einverstanden. Man müsse die Menschen nur ins Boot holen, dann sind sie auch bei der Sache, sagt Einsiedler.

"Wenn sie sich an der Windkraftanlage beteiligen, Landwirte ein zweites Standbein aufbauen und durch die Investition in sauberen Strom noch Geld verdienen können, dann kann man die Leute schon überzeugen." Wendelin Einsiedler, Landwirt

Großes internationales Interesse am Klimakonzept von Wildpoldsried

Das Geheimnis der erfolgreichen Versorgung mit erneuerbarer Energie wollen Besucher aus der ganzen Welt ergründen. Pro Jahr kommen bis zu 100 Besuchergruppen zum "Allgäuer Windpapst", wie der 62-Jährige inzwischen genannt wird. Er nimmt sich die Zeit dafür, denn er weiß, wie wichtig eine internationale Zusammenarbeit sein kann. Strom muss man nicht nur erzeugen, sondern auch verkaufen können. Es gelte, die wirtschaftlichen Interessen des Ortes zu vertreten und vor allem die Kredite für den Bürgerpark zu tilgen.

Bürgermeister von Wildpoldsried fühlt sich von der Politik ausgebremst

Gerne würde auch Bürgermeister Arno Zengerle weiter in erneuerbare Energieerzeugung investieren. Er fühlt sich durch Gesetze wie die 10-H-Regelung ausgebremst. 10 H bedeutet, dass in Bayern ein Windrad nur gebaut werden darf, wenn der Abstand zur nächsten Wohnsiedlung das Zehnfache der Anlagenhöhe beträgt.

"Das schmeckt mir persönlich überhaupt nicht, das ist ja wohl nachvollziehbar." Arno Zengerle, Bürgermeister Wildpoldsried

Die Flächen reichten dafür in Bayern einfach nicht aus, sagt Zengerle. Kleine Windkraftanlagen produzieren weniger Strom und seien deshalb nicht so rentabel. Auch Verordnungen im Naturschutz machen ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Für ihn stagniere die Energiewende in ganz Deutschland. Das Ziel bis 2030, den Anteil des Stroms, der mit erneuerbarer Energie gewonnen wird, auf 65 Prozent zu maximieren, rücke in immer weitere Ferne, so Zengerle. Denn auch der Ausbau der Stromnetze müsse dafür dringend vorangetrieben werden.

Klimakabinett tagt zum ersten Mal in Berlin

In Berlin kam jetzt zum ersten Mal das sogenannte "Klimakabinett" zusammen. Unter Leitung von Kanzlerin Angela Merkel sollen von zuständigen Bundesministern Vorschläge erarbeitet werden, wie dieses Klimaziel noch zu erreichen ist. Als erstes Ergebnis wurde bekannt, dass die Bundesregierung jeden Bereich wie Verkehr oder Gebäude gesondert für den Klimaschutz in die Pflicht nehmen und ein Gesetz noch in diesem Jahr beschließen will.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) will verbindlich festschreiben, welcher Bereich bis 2030 wie viel CO2 einsparen muss und - wenn das nicht klappt - wer dafür zahlt. Denn Deutschland müsste dann bei anderen EU-Staaten Verschmutzungsrechte kaufen.