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Die Sozialkantine in Neuburg gibt Suchtkranken wieder Halt | BR24

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Suchtkranke wie Stefan Heckeler arbeiten in der Sozialkantine in Neuburg. Wenn einer krank wird, springt der andere ein.

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Die Sozialkantine in Neuburg gibt Suchtkranken wieder Halt

Essen in der Kantine – das ist nah, bequem und günstig, aber meistens nicht besonders schmackhaft. Anders die Sozialkantine in Neuburg an Donau: Hier schmeckt das Essen nicht nur besonders gut – die Kantine bietet Suchtkranken eine Struktur im Leben.

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Einmal in der Woche treffen sie sich zum Reden und drehen gemeinsam eine Runde durch den Englischen Garten von Neuburg an der Donau - ein wichtiger, ein überlebenswichtiger Termin für Stefan. Seine Betreuerin Anna Moosheimer gibt ihm den Halt im Leben, den er früher nicht hatte. Er war abgestürzt.

"Ich habe angefangen mit THC, also mit Kiffen, über Alkohol, Speed und bin dann mit 24 auf Heroin gekommen, ich habe das einmal probiert, und ich habe gesagt, das ist meine Droge. Die hüllt einen so in trügerische Wärme, die mir eigentlich immer gefehlt hat in meinem Leben." Stefan Heckeler, Drogensüchtiger

Durch die Drogen war Stefan alles entglitten: Familie, Freunde, Arbeit. Seine Sucht machte ihn zum Außenseiter, alles drehte sich nur noch um den nächsten Kick.

"Ich glaube, das kennt jeder Mensch - egal ob er suchtkrank ist oder nicht -, wie wichtig es ist, eine Aufgabe und eine Struktur zu haben. Und die Menschen mit einer Suchterkrankung haben lange Zeit in ihrem Leben die Struktur verloren, da gab's kein: Ich steh auf, ich frühstücke, ich gehe zur Arbeit - sondern das war alles definiert durch die Drogen." Anna Moosheimer, Sozialpädagogin

Im "Haus der Maschinenringe" findet Stefan eine Struktur

Jetzt kämpft sich Stefan zurück. Struktur findet er im "Haus der Maschinenringe". Die Kantine, Dienstleister für Landwirte, hat 130 Mitarbeiter. Sie wird betrieben von der Suchthilfe-Einrichtung Integra, Küchenchef ist der 25-jährige Max Sparhuber.

Statt aufgewärmtes Essen vom Caterer: Produkte aus der Region

Kurze Wege, das gehört zum Konzept der Kantine. Max Sparhuber weiß, woher seine Ware kommt: Die Landwirte, Metzger und Gärtner in der Umgebung kennt er alle persönlich. Der junge Küchenchef liebt es, spontan nach Lust und Laune einzukaufen.

Ausgebildete Köche leiten „Klienten“ an

Stefan Heckeler ist immer am Dienstag und Donnerstag in der Kantine des Maschinenrings. Klienten wie er arbeiten maximal 15 Stunden in der Woche. Das Team besteht aus sechs sucht- und psychisch Kranken, pro Tag sind in der Regel drei bis vier da. Wenn sie krank werden oder einen Rückfall haben, springen die anderen ein. Jeder macht hier alles - so gut es geht.

"Es ist die Vielseitigkeit, die mich so reizt. Das ist alles zu machen, und ich kann eigentlich auch alles. Und wenn ich was nicht kann, dann werde ich angelernt, und das ist ok." Stefan Heckeler, Suchtkranker

Drei ausgebildete Köche leiten ihre ungelernten Kollegen an - ohne sozialpädagogische Ausbildung, aber mit Menschenkenntnis, Herz und viel Geduld. Tag für Tag heißt das: Flexibel sein und trotzdem unter erschwerten Bedingungen ständig auf hohem Niveau frisch kochen.

"Wir müssen mit den Klienten arbeiten, müssen aber unser Ergebnis oder Tagesziel trotzdem erreichen. Das ist so die große Herausforderung täglich, die Klienten zu motivieren, zu managen, und dann trotzdem zum Ziel hier kommen, dass um 11:30 Uhr ein super frisches, warmes Essen hier draußen ist." Max Sparhuber, Küchenchef

Die Qualität spricht für sich

Das kulinarische Niveau ist hoch und kommt entsprechend gut an: 80 bis 90 Prozent der Mitarbeiter essen täglich in der Kantine. Bis vor zwei Jahren gab es nur aufgewärmtes Essen von einem externen Caterer.

Die Anerkennung im Job gibt Stefan und seinen Kollegen Selbstvertrauen. Er ist jetzt Teil eines Teams, das einiges auf die Beine stellt und zusammenhält.

"Ich bin da reingekommen und ich habe nach einer Stunde gewusst: Das ist es. Und das ist so ein nettes Team, die fangen mich auf, wenn es mir mal nicht gut geht, ich werde da gefordert und gefördert und das macht einen großen Teil von meiner Zufriedenheit auch aus, die ich wieder erreicht habe, in meinem Leben." Stefan Heckeler, Suchtkranker

Ein Leben, das Stefan mit Hilfe des Kantinen-Teams und seiner Betreuerin Anna Moosheimer künftig selbstbestimmt führen will - ohne Drogen.