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Darum trifft Corona Bayerns Wirtschaft besonders hart | BR24

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Auch weil die bayerische Wirtschaft stark exportorientiert ist, trifft sie Corona besonders hart.

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    Darum trifft Corona Bayerns Wirtschaft besonders hart

    Das Coronavirus legt weite Teile des zivilen und wirtschaftlichen Lebens lahm – weltweit. Absatzmärkte brechen ein, Zulieferketten sind in Gefahr. Die stark exportorientierte bayerische Wirtschaft trifft Corona deshalb besonders hart.

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    Das Coronavirus Sars-Cov-2, oder, um genau zu sein, die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus, treffen die Wirtschaft weltweit. Um zu verstehen, warum Bayerns Wirtschaft derzeit aber besonders betroffen ist, muss man die Struktur der Wirtschaft im Freistaat verstehen.

    Traditionell ist Bayern ein Magnet für Touristen. Gleichzeitig aber längst ein exportstarker, wohlhabender Technologiestandort. Mit 27 Prozent trägt die Industrie zum Bruttoinlandsprodukt bei und ist damit eine Schlüsselbranche im Freistaat.

    Die wichtigsten Exportgüter sind Fahrzeuge, Elektrotechnik und Maschinen - alles Produktgruppen, die nur mithilfe von zahlreichen Vorprodukten hergestellt werden können. Die wiederum kommen zu einem guten Teil aus dem Ausland. Die fertigen Produkte "Made in Germany" werden vor allem in die USA und nach China verkauft. Viele dieser Faktoren machen jetzt Probleme.

    Coronavirus: Alles Wissenswerte finden Sie hier.

    Virus gefährdet Lieferketten - Beispiel Maschinenbau

    Die internationalen Lieferketten sind eine Achilles-Ferse für die bayerische Industrie. Wenn man bedenkt, dass BMW beispielsweise Motoren in München oder Österreich baut, sie dann in Werke in den USA oder in Südafrika liefert, damit sie dann in Fahrzeuge eingebaut werden, die wiederum in andere Länder exportiert werden, wird deutlich, wie wichtig eine gut funktionierende Logistik-Kette ist. Noch versuchen viele Regierungen, den Transport von Gütern weiter zu ermöglichen. Eine Verschärfung der Situation würde aber eine zunehmende Gefahr für die Belieferung der Industrie bedeuten.

    Schon jetzt spüren 60 Prozent der Unternehmen im deutschen Maschinenbau, dass die Lieferketten durch das Coronavirus beeinträchtigt sind. Das hat eine Blitzumfrage des Branchenverbandes VDMA in dieser Woche unter 1.000 Unternehmen ergeben. Vor allem die Vorprodukte aus China und Italien seien von Ausfällen betroffen, sagte VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. Dies könne in der Branche, die von globalen Netzwerken geprägt ist, auch kein anderer Lieferant ausgleichen.

    Und das ist erst der Anfang: Rund 70 Prozent der befragten Unternehmen rechnen für 2020 mit Umsatzeinbußen, davon knapp die Hälfte mit Umsatzrückgängen von mehr als zehn Prozent. Entsprechend hätten gut 40 Prozent der befragten Maschinenbaubetriebe bereits ihre Kapazitäten angepasst. Sprich, es werden zunächst Arbeitszeitkonten abgebaut, darüber hinaus haben Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Und auch Personalabbau werde "in der mittelständischen Maschinenbauindustrie zunehmend zum Thema", warnt Wiechers.

    Die Lieferketten sieht auch die deutsche Transport- und Logistikwirtschaft in Gefahr und hat deshalb ausdrücklich den sogenannten Schutzschild der Bundesregierung für Beschäftigte und Unternehmen begrüßt. Dieser sieht unbegrenzte Kredithilfen für Unternehmen vor. Dies sei zudem dringend notwendig, um die Versorgungssicherheit von Bevölkerung und Wirtschaft auch in Krisenzeiten zu gewährleisten, so der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL).

    Die Übersichtskarte zu den aktuellen Coronavirusfällen in Bayern finden Sie hier.

    Auto-Absatz bricht weltweit massiv ein

    Im Februar ist der Absatz von Automobilen in China, dem wichtigsten Einzelmarkt weltweit, fast um 80 Prozent eingebrochen. Aber auch auf anderen Märkten, etwa in Europa, in Italien aber eben auch in Deutschland, sind schwere Einbußen zu erwarten.

    Das trifft Autobauer massiv: BMW erwartet, dass der Gewinn vor Steuern gegenüber 2019 deutlich zurückgehen wird. Der Münchner Autobauer hat heute außerdem - nach VW und der Tochter Audi, Mercedes und anderen Herstellern - angekündigt, die Produktion in vielen Werken herunterzufahren. Dies hat mehrere Gründe: Vor allem ging es darum Mitarbeiter zu schützen. Außerdem könnte es sein, dass Teile nicht mehr geliefert werden. Und: Es fehlen die Käufer - schlicht, weil die Autohäuser vielerorts geschlossen sind.

    BMW will bei der geplanten Produktionsunterbrechung eine eigene betriebliche Vereinbarungen zur Kurzarbeit nutzen. Der Nutzfahrzeughersteller MAN Truck & Bus hat bereits für seine deutschen Standorte, darunter München und Nürnberg, Kurzarbeit beantragt.

    400.000 Arbeitsplätze hängen an Automobilindustrie

    Außer den Autobauern sind auch deren Zulieferer betroffen. Neben großen Firmen wie Leoni, Schaeffler, Bosch Rexrodt und vielen anderen existieren auch zahlreiche kleinere Zulieferunternehmen im Freistaat. Rund 400.000 Arbeitsplätze hängen in Bayern an dieser Industrie. Je länger der globale Shutdown dauert, desto mehr Jobs sind in Gefahr. Und: Je kleiner ein Unternehmen, desto dünner ist im Regelfall die Kapitaldecke.

    Auch wenn die Hilfsmaßnahmen der Bundes- und der Staatsregierung, insbesondere etwa die Erleichterungen beim Thema Kurzarbeit, eine echte Hilfe für die Unternehmen darstellt, ist ein langfristiger Produktionsstopp für viele Unternehmen existenzbedrohend.

    Bei B5 Aktuell appellierte der Autoanalyst der Unternehmensberatung PWC Christoph Stürmer an die Konzerne: Sie sollten alles dafür zu tun, in der Corona-Krise Entlassungen zu verhindern. Seien hochqualifizierte Kräfte erst einmal fort und in anderen Jobs, kämen auf lange Sicht massive negative Folgen auf das Ursprungsunternehmen zu.

    Schwierige Lage schon vor dem Virus

    Dazu kommt, dass die Automobilbranche bereits vor der Corona-Krise mit einigen Problemen zu kämpfen hatte und nach Jahren satter Gewinne schon in den vergangenen Monaten auf einen strengen Sparkurs eingeschwenkt ist.

    Der Handelsstreit zwischen den USA und China und ein wachsender Protektionismus rund um den Globus gingen nicht folgenlos am Exportweltmeister vorbei. Unsicherheit war zudem wegen des Brexit spürbar.

    Dazu kommt der Umbruch in der Branche: Wegen strenger EU-Vorgaben beim CO2-Ausstoß müssen Automobilhersteller und –zulieferer schnell neue Modelle mit Elektroantrieben auf den Markt bringen. Besonders die Entwicklung langlebiger und leistungsstarker Batterien ist nach wie vor eine Herausforderung, die Milliarden an Forschungsgeldern verschlingt. Auch die Entwicklung autonom fahrender Autos kostet viel Geld.

    Noch komplizierter ist die Situation bei den Zulieferern: Viele von ihnen produzieren vor allem Dieselkomponenten wie Getriebe, Hochdruckpumpen oder Einspritzanlagen. Allerdings sind Dieselmotoren immer weniger gefragt. Der Umbau hin zur Elektromobilität oder anderen Antrieben ist schwierig.

    Wie das Center Automotive Research (CAR) der Uni Essen Duisburg ermittelte, werden bis 2030 in Deutschland fast 234.000 Jobs in der Automobilindustrie wegfallen. Auch wenn 109.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze für Ingenieure oder Mechatroniker hinzukommen werden. Und dies ist eine Schätzung von November, lange bevor das Virus überhaupt das erste Mal auftrat.

    Frühjahrsmode bleibt im Lager - Eine Milliarde Euro Verlust pro Tag

    Düstere Prognosen gibt es auch für den Einzelhandel. Der Einzelhandelsverband HDE rechnet wegen des Umsatz-Einbruchs im Zuge der Pandemie binnen Wochen mit den ersten Insolvenzen. Jenseits des Lebensmittelhandels fielen aktuell in Deutschland etwa 1,15 Milliarden Euro Umsatz pro Tag weg, sagt der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes HDE, Stefan Genth.

    Branchen wie Textil, Möbel, Unterhaltungselektronik oder Parfümerien hätten bereits stark an Umsatz verloren. Da nun Geschäfte, die nicht lebensnotwendige Produkte anbieten, geschlossen bleiben, komme jetzt "der Totalausfall, der nicht mehr aufzufangen" sei, so Genth. Schon in drei bis vier Wochen werde es Insolvenzen geben. “Dauert der Shutdown acht Wochen, kann der Einzelhandel das nicht aushalten."

    Von den Ladenschließungen besonders betroffen ist laut HDE der Textilhandel. In den Lagern der Bekleidungsketten liege bereits die Frühjahrsware, die nun nicht weiterverkauft werden könne. Das Geschäft "lässt sich auch nicht nachholen", sagte ein Verbandssprecher. Konkret forderte Genth rasche und praktikable Bürgschaften der staatlichen Förderbank KfW ohne Eigenbeteiligungen der Händler.

    Gaststätten in der Krise

    Angesichts der Belastungen durch die Corona-Krise hat der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Bayern rasche finanzielle Unterstützung und Steuersenkungen für die Branche angemahnt. Verbandspräsidentin Angela Inselkammer forderte: "Wir brauchen dringend eine Liquiditätsüberbrückung, dass die laufenden Kosten bezahlt werden können." Zudem müsse die Mehrwertsteuer für alle Bereiche der Gastronomie auf sieben Prozent gesenkt werden, sagte Inselkammer im BR-Interview.

    Ein solcher Schritt würde nach ihrer Ansicht den Gaststätten eine Chance geben, den jetzt anfallenden Schuldenberg später auch wieder abzuarbeiten. "Darum wäre die Sieben-Prozent-Mehrwertsteuerregelung für die Gastronomie ein Licht am Ende des Tunnels, um den Gastgebern zu sagen: bitte haltet durch!" Und dieses Durchhalten gilt im Moment für alle Branchen.

    Dennoch gibt es Hoffnungsschimmer

    Auch wenn niemand vorhersagen kann, wie lange die Corona-Krise dauern wird, gibt es auch Anlass für vorsichtige Hoffnung. Sollten die Gehaltseinbußen für Verbraucher weltweit nicht zu drastisch ausfallen, können insbesondere die Autobauer auf Nachholeffekte hoffen. Wer jetzt in der Krise also kein Auto kauft, dürfte die Anschaffung nach einer Normalisierung des Wirtschaftslebens nachholen, sofern er nicht durch die Krise arbeitslos geworden ist.

    Auch die besonders bei ausländischen Besuchern beliebten bayerischen Tourismusziele können auf solche Effekte hoffen. Wie groß diese ausfallen, ist bislang allerdings nicht zu beziffern. Und auch hier gilt: Je schneller die Pandemie überstanden ist, desto besser für die Unternehmen.

    Eine Branche könnte durch die Krise langfristig sogar einen gewissen Schub erhalten: Der IT-Sektor. Wenn sich das öffentliche und wirtschaftliche Leben wie derzeit zwangsläufig verstärkt virtuell abspielt, beispielsweise durch Home-Office, sind Lösungen von IT-Unternehmen besonders gefragt.

    Gerade im Großraum München gibt es zahlreiche Firmen, die hier profitieren könnten: Infineon, Microsoft, Siemens und einige andere. So bietet zum Beispiel Wirecard, seit rund einem halben Jahr im deutschen Aktienindex DAX, Bezahl-Lösungen in der digitalen Welt an. Auch hier sind positive Effekte allerdings eher langfristig zu erwarten.

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