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Corona: Vielen Einzelhändlern in Bayern droht das Aus | BR24

© BR/Ralf Schmidberger

Viele Läden haben schon länger zu kämpfen. Doch Corona verschärft die Situation. Bis zu 6.000 stationäre Geschäfte im Freistaat könnten bis zum Ende der Pandemie dicht machen, befürchtet der Handelsverband Bayern. Verödete Innenstädte drohen.

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Corona: Vielen Einzelhändlern in Bayern droht das Aus

Viele Einzelhändler haben schon lange zu kämpfen. Doch Corona verschärft die Situation. Bis zu 6.000 stationäre Geschäfte im Freistaat könnten bis zum Ende der Pandemie dicht machen, fürchtet der Handelsverband Bayern. Innenstädte drohen zu veröden.

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Ein wichtiger Grund für das Ladensterben: Verbraucher kaufen immer mehr im Internet ein und meiden die örtlichen Geschäfte. Die Folge: Immer mehr Läden geben auf. Viele Innenstädte drohen zu veröden. Allein in den vergangenen 15 Jahren haben im Freistaat bereits rund 4.000 stationäre Läden dichtgemacht, schätzt der Handelsverband Bayern.

Lieber Onlinebestellung als Einkaufsbummel

Auch wenn das Phänomen nicht neu ist, die Corona-Krise beschleunigt die Entwicklung: Durch den zeitweisen Lockdown, durch die Abstandsregeln und die Maskenpflicht, die den Konsumenten die Lust am Einkaufsbummel verderben und nicht zuletzt durch die Angst der Menschen, sich beim Einkaufsvergnügen trotzdem anzustecken. Sie bestellen lieber im Internet. Der Handelsverband Bayern erwartet, dass der Onlineumsatz in diesem Jahr erneut prozentual zweistellig zulegen wird, während der stationäre Handel weitgehend stagniert.

Beispiel: Perlesreut in Niederbayern

Einkaufen im Internet: rund um die Uhr, bequem und teilweise billiger als im Laden. Darunter leidet auch die niederbayerische Gemeinde Perlesreut. Der stellvertretende Bürgermeister Manfred Niggl beschreibt die Lage so: "Wie es mit dem Internet so richtig losgegangen ist auch im ländlichen Raum, hat jeder gesagt: ‚Ich muss im Internet bestellen, egal ob bei Amazon oder Zalando.‘ Wir haben einfach feststellen müssen: Die Leute wandern ab."

Corona-Verlierer: Textilhandel

Besonders hart trifft es in der Corona-Krise den bayerischen Textilhandel, den eigentlich wichtigsten Magneten für Konsumenten in den Innenstädten. Machen einzelne Geschäfte dicht, fehlen wichtige Anziehungspunkte, und dann bleiben die Kunden oftmals ganz aus. "Ladenschließungen ziehen oft weitere Schließungen nach sich", sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. Es drohe ein sogenannter "Trading-Down-Effekt".

Bis zum Ende der Corona-Krise könnten von den derzeit 58.000 Läden in Bayern bis zu 6.000 auf der Strecke bleiben, befürchtet Ohlmann. Im Falle eines zweiten Lockdowns sogar noch mehr.

Perlesreut stemmt sich gegen den Trend

Die Marktgemeinde Perlesreut im Landkreis Freyung-Grafenau wollte das Ladensterben nicht einfach so hinnehmen. Vor drei Jahren haben alle rund 20 Geschäfte im Ort für mehrere Tage ihre Schaufenster mit Packpapier zugeklebt – um zu zeigen: Das passiert, wenn die 3.000 Einwohner nicht mehr hier einkaufen. Mit anhaltendem Erfolg, sagt der stellvertretende Bürgermeister von Perlesreut, Manfred Niggl, der auch einen Handel für Autoteile betreibt: "Die Leute sind durch die Aktion aufgeschreckt worden und kaufen seitdem wieder vor Ort ein. Sie sagen: ‚Auch wenn ein Artikel im Internet 20 Euro günstiger ist, ich möchte die Händler in Perlesreut unterstützen.‘"

Händler selbst schuld?

Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein ist skeptisch, ob so ein – wie er es nennt - "Mitleidseffekt" wie in Perlesreut ausreicht. Er gibt teilweise den Händlern in Deutschland selbst die Schuld am massiven Ladensterben. Viele der kleinen inhabergeführten Geschäfte seien schlecht oder gar nicht im Internet vertreten, sagt er. Dabei sei zum Beispiel wichtig, dass ein Kunde Online nachschauen könne, ob ein bestimmter Artikel im Moment im Laden vorrätig sei.

Parkplatznot und wenig ÖPNV

Der Handelsverband Bayern beklagt, dass viele Städte und Gemeinden es den Läden auch schwer machen würden. Es gebe immer weniger Parkplätze in den Innenstädten. Und der öffentliche Nahverkehr in die Zentren sei oft mangelhaft. Außerdem sei die Politik in Bayern bei den Ladenöffnungszeiten und bei der Erlaubnis von verkaufsoffenen Sonntagen viel zu restriktiv.

Für Handelsexperte Heinemann sind auch die Kommunen dafür verantwortlich, wenn Innenstädte veröden. Hätten sie doch erlaubt, dass immer mehr Supermärkte, Möbelhäuser und Elektro- und Baumärkte am Stadtrand eröffnen.

Einkaufsverhalten ändert sich ständig

Heinemann hält es für schwierig, das Ladensterben aufzuhalten. "Kunden stimmen mit den Füßen ab", sagt er und verweist darauf, dass das Einkaufsverhalten sich immer wieder ändert. Vor hundert Jahren haben Warenhäuser die kleinen Läden bedrängt, danach auch der Versandkatalog, später kamen dann die großen Märkte am Stadtrand gefolgt von Outlet-Centern. Und nun eben das Internet.

"Lieber eine schöne Schlafstadt"

Der Handelsprofessor hält es für einen Fehler, wenn Kommunen unbedingt an der Vision einer Shopping-Stadt festhalten und verweist darauf, dass angesichts des Wohnraummangels beispielsweise in Düsseldorf ein Kaufhof-Gebäude in ein Wohnhaus umgewandelt wird. Diesen Schritt hält Heinemann für wegweisend auch für Konzepte in anderen Kommunen: "Lieber eine schöne Schlafstadt, wo Leute wohnen und sich wohlfühlen, als eine leerstehende und verödete Einkaufsstadt."

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