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Corona-Podcast: Sozialexperte fordert Reformen bei der Rente | BR24

© BR/Nikolaus Nützel

Länger für die Rente arbeiten und Rentenpunkte anders verteilen. Das sind Forderungen die der Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik im Podcast "B5 Extra Coronavirus – Wege aus der wirtschaftlichen Krise" erhebt.

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Corona-Podcast: Sozialexperte fordert Reformen bei der Rente

Länger für die Rente arbeiten und Rentenpunkte anders verteilen. Das sind Forderungen die der Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik im Podcast "B5 Extra Coronavirus – Wege aus der wirtschaftlichen Krise" erhebt.

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Das deutsche Sozialsystem ist bislang grundsätzlich gut durch die Corona-Krise gekommen. Doch es sind Reformen nötig, sagt Ulrich Becker, Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik im Podcast "B5 extra Coronavirus – Wege aus der wirtschaftlichen Krise".

Vor allem das deutsche Gesundheitssystem hat sich nach Ansicht von Ulrich Becker in der Coronakrise bislang bewährt, auch die Regeln zur Kurzarbeit und zur Grundsicherung hätten vielen Menschen Halt gegeben, sagt der Sozial-Experte. Er sieht aber vor allem bei Hartz IV und der Rentenversicherung Handlungsbedarf.

Geringverdiener-Familien stärker in den Fokus

Das aktuelle System der Grundsicherung werde den Bedürfnissen von Familien oft nicht gerecht, ist der Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik überzeugt. Das habe sich in den vergangenen Monaten während der Schließung von Schulen und Kitas besonders deutlich gezeigt.

"Familien mit Kindern, vor allem Alleinerziehende mit Kindern, also Teil-Familien, wenn man so will, müssen einfach stärker unterstützt werden. Da sind ja auch im Moment sozialpolitische Reform-Debatten, die wir da haben – und das deckt die Coronakrise, glaube ich, noch mal sehr gut auf." Ulrich Becker, Direktor Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik

Dabei hält Becker aber nicht unbedingt höhere Hartz-IV-Sätze für nötig. Wichtiger wäre es in seinen Augen, die Grundsicherung besser mit anderen Hilfszahlungen abzustimmen, etwa um Kindern aus benachteiligten Familien einen besseren Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Rente: Becker fordert längere Lebensarbeitszeit

Auch bei der sozialen Sicherung für ältere Menschen sieht Becker Reformbedarf. Die Anhebung des Renten-Eintrittsalters auf 67, die in den nächsten Jahren endgültig greift, könne nicht das Ende der Debatte sein, glaubt er.

"Wir werden bei längerer Lebenszeit nicht um längeres Arbeiten herumkommen, das muss man einerseits sagen. Und da ist leider die Gewerkschaftsposition eben so, dass man im Moment kaum diskutieren kann über diesen Punkt, aber das ist unvermeidlich." Ulrich Becker, Direktor Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik

Forderung nach mehr Umverteilung bei der Rente

Becker wünscht sich aber auch eine Änderung im Rentensystem, die bislang bei Arbeitgeberverbänden auf Widerstand stößt. Er ist sicher: "Wir werden um mehr Umverteilung in der Rentenversicherung nicht herumkommen."

Derzeit erwirbt jemand, der mit beispielsweise 6.000 Euro im Monat ein recht gutes Einkommen hat, dreimal so hohe Rentenansprüche wie jemand, der für 2000 Euro im Niedriglohn-Bereich arbeitet. Dieses sogenannte Äquivalenzprinzip sollte nach Ansicht des Sozialrechts-Experten aufgeweicht und angepasst werden.

"Die Besserverdienenden bekommen etwas weniger Rentenansprüche für ihre Beiträge, die sie jetzt zahlen, relativ betrachtet – und diejenigen, die weniger Beiträge zahlen, wenn sie unter einem gewissen Mindestniveau sind, bekommen aufgewertete Ansprüche. Sie verteilen die Rentenansprüche also gegenläufig zu der Beitragshöhe, um das mal so simpel zu sagen." Ulrich Becker, Direktor Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik

Debatten über grundlegende Fragen ist eine stärke Deutschlands

Widerstände gegen Reformvorschläge in den sozialen Sicherungssystemen dürften nicht zur Dauerblockade werden, fordert Becker. Er hält es für eine Stärke Deutschlands, dass es bislang möglich gewesen sei, auch über grundlegende Fragen immer wieder zu diskutieren. Und auf solche Fragen sollten seiner Ansicht nach gerade jetzt Antworten gesucht werden.

"Was wollen wir in gemeinschaftliche Verantwortung übernehmen, was kann noch Einzelverantwortung bleiben? Wie weit soll die gemeinschaftliche Verantwortung gehen? Bei welchem Niveau wollen wir intervenieren? Und wie genau wollen wir daran ansetzen? Diese grundsätzlichen Fragen, die sollten wir in der Tat mal diskutieren. Denn die nächsten Krisen kommen bestimmt, und dann werden diese Fragen auch wieder auftauchen, und dann wäre es gut, darüber einmal grundsätzlich nachgedacht zu haben." Ulrich Becker, Direktor Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik

Das gesamte Gespräch können Sie hier nachhören.

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