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Gemeinsam stark: Wie sich ein Ort aus der Corona-Krise befreit | BR24

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Herrsching am Ammersee

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    Gemeinsam stark: Wie sich ein Ort aus der Corona-Krise befreit

    Das Coronavirus trifft die lokale Wirtschaft in Herrsching am Ammersee mit voller Wucht: Gäste und Kunden fehlen. Doch Gastronomen und Einzelhändler schließen sich auf einer Online-Plattform zusammen und schaffen dadurch ein neues Wir-Gefühl im Ort.

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    Während des coronabedingten Lockdowns mussten Läden und Restaurants wochenlang geschlossen bleiben. Eine Katastrophe für Einzelhändler und Gastronomen. Viele von ihnen versuchten, sich mit alternativen Geschäftsmodellen über Wasser zu halten und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter zu sichern. So auch die Modehändlerin Gabi Huber. Statt in ihrem Laden empfängt sie ihre Kunden per Videochat. Und nach erfolgreicher Online-Beratung liefert sie ihren Kunden die Ware bis vor die Haustür.

    Regionale Online-Plattform in Herrsching

    Huber wollte aber mehr als nur einen Lieferservice: Eine regionale Verkaufsplattform für ganz Herrsching sollte entstehen. Dafür tat sie sich mit drei Kollegen vom Gewerbeverband zusammen. Huber ist treibende Kraft hinter der Idee: Der Einzelhandel schließt sich auf einer gemeinsamen Webseite zusammen. Die Herrschinger sollen lokal kaufen - eine Art "regionales Amazon".

    "Ich glaube, das hat uns ganz schön zusammengeschweißt (…) Ich glaube, dass das für die Gemeinschaft von Herrsching echt was gebracht hat. Noch zusätzlich." Gabi Huber, Inhaberin Women's Fashion

    Die Idee am Ammersee schlägt Wellen

    Immer mehr Geschäftsleute schließen sich an. Der Lockdown traf auch Ulrike Soré, Inhaberin eines Modeladens am See: "Ich war wirklich sehr, sehr traurig. Ich habe zwei Tage geweint und wusste nicht, wie es weitergeht. Aber die Emotionen, die man dann hat, muss man irgendwie bewerkstelligen und nach vorne denken. Positiv!" Auch Soré beginnt, die Kleidung aus ihrem Modeladen online zu verkaufen. Ihre Tochter hilft ihr dabei mit zwei Freunden. Das Trio macht Fotos für Instagram. Und inzwischen sind die Kunden auch in das Geschäft zurückgekehrt – unter ihnen jahrelange Stammkunden.

    Keiner hatte mit diesem Erfolg gerechnet

    Auch Justus Hegemann ist dabei. Er hat zwei Blumenläden, die er durch die Krise bringen muss. Während des Lockdowns hatte er in seinem Laden im Herrschinger Gewerbegebiet wochenlang keinen Euro Umsatz gemacht. Dann sattelte er um – auf Blumen im Lieferservice. Plötzlich kommt Hegemann mit den Lieferungen kaum hinterher: "Die Idee war, dass eine Floristin ein paar Sträuße macht und sie dann immer nachmittags ausfährt. Aber nein, mittlerweile sind wir zu viert unterwegs."

    Das Geschäft mit Blumen ist in Corona-Zeiten generell schwierig: Geburtstage und Hochzeiten werden wegen Corona nicht so groß gefeiert. In seinem zweiten Laden in Seefeld spürt Hegemann die Verluste besonders deutlich. Doch er berichtet von großer Unterstützung aus der Bevölkerung:

    "Da ruft mich einer an und sagt 'Hey, Hegemann, bring für 350 Euro Blumen - egal was! Ich will dich unterstützen'. Das sind so Sachen, wo man weiterkommt und merkt: Mensch, was hat man für einen Stand auch im Ort und wie gehen die Leute mit einem mit! Wir leben natürlich auch von den Einheimischen und das ist genau das, was wir jetzt brauchen in dieser schwierigen Zeit." Justus Hegemann, Blumen am See

    Hoffnung trotz fehlender Touristen

    Die Herrschinger unterstützen ihren Einzelhandel. Doch Souvenirgeschäfte wie "Seensucht" leben auch von Touristen – und die sind nicht mehr da. Mit ihrem eigenen Laden hat sich Barbara Pazurek vor vier Jahren einen Traum erfüllt. Aber der könnte jetzt platzen. Im Mai hatte sie 30 Prozent Umsatzeinbußen. Hoffnung machen die Bestellungen, die jetzt über die lokale Verkaufsplattform hereinkommen.

    "Wir haben ganz viel Solidarität von den Herrschingern, die wirklich jetzt ganz viel regionale Produkte kaufen. Man merkt: Das Regionale spielt gerade eine große Rolle. Aber letzten Endes fehlen mir einfach die Touristen jetzt im Sommer und im Vergleich zum letzten Jahr merkt man schon einen Unterschied." Barbara Pazurek, Souvenirladen Seensucht

    Auch die Gastronomen sind auf Besucher angewiesen. Wochenlang musste Wirt Peter Reichert den Seehof mit Biergarten direkt am See geschlossen halten. Der Wirt kann keinem einzigen Gast die Hand schütteln. Und das nach dem Winter – der am Ammersee traditionell für die Gastronomie schlecht läuft.

    Trotz Corona: Neustart in der Gastronomie

    Als am 18. Mai in Bayern die Biergärten wieder öffnen dürfen, hat Peter Reichert alles für den Neustart vorbereitet – soweit es eben geht: Desinfizierte Tische, zwischen den Bänken ein Abstand von 1,5 Meter, Maskenpflicht. Doch es kommen Hiobsbotschaften vom Personal: Der Küchenchef ist krank, die Sommer-Crew darf nicht aus Kroatien einreisen. Mutig startet Reichert durch mit neun Mitarbeitern, die noch in Kurzarbeit waren. Unterdessen kümmert sich Wirtin Gerda Reichert um die Sicherheit im Restaurant – die richtige Wegeführung, mit Hinweispfeilen, die den Gästen signalisieren sollen, dass sie hier unbeschwert genießen können.

    Bei Gastronomen und Einzelhändlern werden Umsatzeinbußen dieses Jahr wohl nicht ausbleiben. Doch in Herrsching bleibt auch etwas anderes: Ein neues Wir-Gefühl. Die Herrschinger sind in der Corona-Krise zusammengewachsen. Bereit für das, was noch kommen mag.

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