BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Corona: Das bedeutet der "Katastrophenfall" für die Wirtschaft | BR24

© dpa/picture alliance

Börsen und Betriebe sind in Alarmstimmung

4
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Corona: Das bedeutet der "Katastrophenfall" für die Wirtschaft

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat einschneidende Maßnahmen für Bayerns Unternehmen angekündigt. Es gibt aber auch Hilfen. Unternehmen und Gewerkschaften zeigen sich alarmiert angesichts der Krise. Die Börsen gehen auf Talfahrt.

4
Per Mail sharen

Der Katastrophenfall gilt ab sofort für ganz Bayern. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat heute die wichtigsten Maßnahmen für die Wirtschaft in Bayern vorgestellt. Ab Dienstag werden alle Freizeiteinrichtungen geschlossen: Das gilt auch für viele Privatunternehmen, zum Beispiel für die Betreiber von Saunas, Kinos, Clubs, Bars, Theater, Thermen, Tanzschulen und Tierparks.

Einschränkungen in der Gastronomie

Ab Mittwoch gelten zudem Einschränkungen für gastronomische Betriebe: Speiselokale sollen die Bevölkerung weiterhin mit Lebensmitteln versorgen. Die Öffnungszeiten werden aber eingeschränkt von 6 bis 15 Uhr. Außerdem dürfen nur maximal 30 Personen in einem Lokal gleichzeitig sein. Es muss ein Sicherheitsabstand von wenigstens 1,5 Metern eingehalten werden. Lieferungen und Abholungen von Speisen dürfen auch nach 15 Uhr stattfinden.

Öffnungszeiten im Lebensmittelhandel werden ausgeweitet

Auch im Einzelhandel gibt es Einschränkungen: Einzelhändler, deren Angebot nicht für die Grundversorgung entscheidend sind, werden geschlossen. Geöffnet bleiben insbesondere Lebensmittelhändler. Diese können künftig wochentags sogar bis 22 Uhr und am Sonntag zwischen 12 und 18 Uhr öffnen. Auch Apotheken, Tankstellen, Drogerien, Bau- und Gartenmärkte, Optiker, Läden für Tierbedarf und vergleichbare Geschäfte dürfen weiter ihre Türen öffnen.

Handelsverband rechnet mit Pleiten

Die Einzelhändler im Freistaat sind angesichts der Schließungen in Alarmstimmung. Mit 330.000 Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von rund 70 Milliarden Euro ist der Handel nach Industrie und Handwerk die drittgrößte Branche in Bayern. Allein in München werden pro Jahr rund 11 Milliarden Euro umgesetzt. "Wir werden bald italienische Verhältnisse in unserer Branche haben", so der Sprecher des Handelsverbandes Bayern HBE, "das heißt, die Versorgung über Lebensmittelhändler, Apotheken und so weiter wird sehr gut funktionieren. Für den Rest der Branche ist Alarm." Schon in den letzten Wochen sind die Umsätze um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. In den Einkaufszentren ist die Lage noch dramatischer. Insgesamt rechnet der Verband nicht damit, dass alle Betriebe die Krise überstehen werden. "Die Folgen für die Innenstädte sind noch gar nicht absehbar", so der Sprecher. Der Handel setzt große Hoffnungen darauf, dass die Liquiditätshilfen der Staatsregierung unbürokratisch und schnell ausgereicht werden.

Gewerkschaft sieht Belastungsgrenze überschritten

Die Gewerkschaft Verdi Bayern sieht insbesondere in Hinblick auf die Ausweitung der Öffnungszeiten die Belastungsgrenze für die Beschäftigten im Lebensmitteleinzel- und Lebensmittelgroßhandel überschritten. Diese würden laut Hubert Thiermeyer, dem Leiter des Fachbereichs Handel bei Verdi Bayern derzeit Übermenschliches leisten. "Dabei fühlen sie sich von ihren Arbeitgebern und der Politik vielfach im Stich gelassen. Notwendige hygienische Schutzmaßnahmen, Schutz vor Überlastung und Sicherheit vor zum Teil aggressiven Kunden kommt im Alltag viel zu kurz", kritisiert Thiermeyer.

Einzelne Bankfilialen schließen - Bargeldversorgung gesichert

Obwohl Banken nicht von den angeordneten Schließungen betroffen sind, können einzelne Filialen dennoch geschlossen bleiben. "Wenn die Hälfte der Mitarbeiter in Risikogebieten wie Tirol beim Skifahren war, dann kann es sein, dass eine Filiale schließen muss", sagt Eva Mang vom Sparkassenverband Bayern. Das seien dann einfach Maßnahmen, um die Gesundheit von Mitarbeitern und Kunden zu schützen. Die Entscheidung darüber treffe aber jede Filiale selbst. Auch wenn Filialen geschlossen bleiben, so ist die Bargeldversorgung der Bevölkerung aber nach wie vor gewährleistet, betont Mang.

Auch bei der Hypovereinsbank (HVB) bleibt ein Drittel der Filialen geschlossen. Von den deutschlandweit 337 Standorten werden bis Dienstag 101 dicht gemacht, die Filial-Teams arbeiten ab dann von zu Hause, wie die Unicredit-Tochter am Montag mitteilte. "Die persönliche Beratung in Filialen wird in den kommenden Tagen schrittweise auf stark frequentierte Standorte und Flaggschiff-Filialen konzentriert." Um Kunden in anderen Regionen weiterhin persönlich beraten zu können, würden Geschäftsstellen im Wochenrhythmus an jeweils anderen Standorten öffnen beziehungsweise vorübergehend schließen. Mitarbeiter sollen Kunden künftig häufiger über Telefon, Videoanrufe oder Skype-Anrufe kontaktieren.

Die Deutsche Bank hat am Sonntagabend mitgeteilt, dass alle Filialen vorerst geöffnet bleiben. Weltweit arbeiten Teams ab Montag aber aufgeteilt und räumlich getrennt voneinander. Mit den Maßnahmen soll der laufende Bankbetrieb und wichtige Abteilungen wie Zahlungsverkehr und Handel aufrecht erhalten werden.

Touristikbranche besonders hart getroffen

Die Reise- und Luftfahrtbranche treffen die internationalen massiven Reisebeschränkungen besonders schwer. Der Touristikkonzern TUI zum Beispiel setzt wegen der Coronavirus-Krise den größten Teil seiner Reiseaktivitäten aus. Um die Folgen der Krise auf das Jahresergebnis zu mildern, sollen die Kosten nun deutlich gesenkt werden. Zudem will der Konzern Staatsgarantien zur Unterstützung beantragen.

Nicolas Götz, Gründer und Inhaber des Online-Reiseanbieters "nix-wie-weg.de" mit Hauptsitz in Parkstein sagt: "Wir hängen alle in der Luft." Damit meint er Kunden, Reisebüros aber auch die Reiseveranstalter sowie die Hotels vor Ort in den Urlaubsländern. Ein Drittel der Kunden wollen derzeit stornieren, sagt er. Zwei Drittel der Kunden rufen an, weil sie besorgt seien, ob der Flug stattfinde oder wer im Falle eines Ausfalls zahlen würde. Auch die Bedingungen vor Ort in den Urlaubsländern sind derzeit stark im Interesse der Reisenden. Die Lage "ändert sich ständig".

Speditionen kämpfen mit Grenzschließungen

Der Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen sieht sorgenvoll auf die Situation an den wegen des Virus geschlossenen Grenzen. An den Grenzübergängen zu Italien, Österreich oder Polen etwa bilden sich lange Staus. Für den Geschäftsführer des Verbands Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen LBT, Sebastian Lechner, hängt jetzt viel davon ab, ob man EU-weit eine einheitliche Verfahrensweise findet, damit der Güterverkehr möglichst reibungslos weiterläuft. Schon jetzt gibt es massive Verzögerungen durch Grenzkontrollen, vor allem der Lieferverkehr von und nach Italien ist stark eingeschränkt, da viele Betriebe in Italien stillstehen. Die Folge: In den Fuhrparks vieler Speditionen stehen schon jetzt viele Lastwägen still. Laut LBT sind zwischen 30 und 80 Prozent der Unternehmen davon betroffen. Der LBT beziffert den Schaden schon jetzt im höheren zweistelligen Millionenbereich.

Ein weiteres Problem: Viele deutsche Unternehmen beschäftigen osteuropäische Fahrer, die jetzt festhängen, da sie nicht mehr in ihr Land einreisen dürfen, wenn sie aus Deutschland kommen. Betroffen sind unter anderem Kroatien, die Slowakei, aber auch Österreich.

Finanzhilfen auch für kleine Unternehmen

Neben den Einschränkungen haben Ministerpräsident Söder und der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) ein umfangreiches Hilfspaket für die Wirtschaft angekündigt. "Wir lassen niemanden allein", versuchte Söder auch kleine Unternehmen zu beruhigen, auch vor dem Hintergrund, dass er dort "massivste Umsatzeinbußen" erwartet. Die Bereitstellung von Liquidität habe jetzt oberste Priorität. Die wichtigsten Maßnahmen:

  • Die LfA Förderbank Bayern erhält einen Bürgschaftsrahmen von bis zu 500 Millionen Euro. Damit sollen Kreditausfälle abgesichert werden.
  • Mithilfe eines Bayern-Fonds soll sich der Staat bei Bedarf an Unternehmen, die jetzt in Schieflage geraten, beteiligen. Auf diese Weise kann den Unternehmen zusätzlich Liquidität zur Verfügung gestellt werden.
  • Außerdem soll es Soforthilfen geben für kleinere Firmen und Ein-Mann-Unternehmen. Zwischen 5.000 und 30.000 Euro können dann unkompliziert abgerufen werden. Wirtschaftsminister Aiwanger kündigte allerdings an, dass es Überprüfungen geben soll, um "Mitnahmeeffekte" zu verhindern.
  • Zusätzlich sollen Steuerstundungen ohne Zinszahlungen von den Finanzbehörden unkompliziert gewährt werden.

Wirtschaftsverbände begrüßen Hilfsmaßnahmen

In einer gemeinsamen Erklärung begrüßen die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw), der Bayerischer Handwerkstag (BHT) und der Bayerische Industrie- und Handelskammertag (BIHK) das "entschlossene Vorgehen der Staatsregierung". Demnach bewerte die bayerische Wirtschaft die zusätzlich angekündigten Maßnahmen der Staatsregierung zur Unterstützung von Betrieben, Kleinunternehmen und Selbstständigen als äußerst wichtiges Signal in der sich ausbreitenden Corona-Krise.

Die Wirtschaftsorganisationen appellieren außerdem an die Kommunen in Bayern, den Betrieben unkompliziert die Gewerbesteuer zu stunden. Außerdem müsste auf Bundes- und EU-Ebene die Bankenregulatorik kurzfristig angepasst werden, damit alle Finanzinstitute Kreditrückzahlungen stunden und Darlehen ausweiten können, ohne in eine Eigenkapital-Klemme zu kommen.

Der Hauptgeschäftsführer der vbw, Bertram Brossardt, unterstreicht: "Ein wesentlicher Bestandteil ist auch der Ausbau von Rückbürgschaften. Mit einem Bürgschaftsschirm von 500 Millionen Euro ist ein kraftvolles Programm entstanden, das in dem Gesamtpaket 'Kurzarbeit, Direkthilfe und Finanzschirm' die Liquidität der Unternehmen jetzt kurzfristig sichern kann. Und nur darum geht es!"

BIHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl betont die Auswirkungen der Krise auf Familienbetriebe sowie Kleinst- und Kleinunternehmen. "Oftmals haben diese Betriebe nur geringe Liquiditätsreserven. Kurzfristige Einnahmeausfälle können damit sehr schnell in die Insolvenz führen. Die angekündigten Soforthilfen zwischen 5.000 und 30.000 Euro sind in solchen Fällen existenzsichernd", so Gößl.

Frank Hüpers, BHT-Hauptgeschäftsführer, bietet den Mitgliedsbetrieben Hilfe an: "Bei der Beantragung von Hilfen aus dem Bayern-Fonds leisten die Handwerkskammern soweit wie möglich Amtshilfe. Wir wollen dazu beitragen, dass die Mittel schnell ausgezahlt werden können. Welche Hilfen außerdem nötig sind, lässt sich jetzt noch nicht endgültig abschätzen."

Mittelständische Wirtschaft fordert schnelle und effektive Hilfen

Die Maßnahmen fanden erste positive Reaktionen in der Wirtschaft. Nach einer groben Einschätzung des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft BVMW sind in Bayern rund ein Viertel der Mittelständler von der Corona-Krise stark betroffen. Sie warten auf schnelle Sofortmaßnahmen von staatlicher Seite. Die angekündigten Mittel aus dem angekündigten Härtefall-Fonds seien besonders für Betriebe im Bereich Tourismus oder Kultur sowie für die vielen Selbständigen wie Einzelcoaches oder Berater dringend notwendig. "Das ist genau der richtige Weg", so der Landesbeauftragte für Bayern, Achim von Michel. Man könne die Notwendigkeit der staatlichen Maßnahmen nicht beurteilen, aber Fakt sei: "Der Staat legt das System lahm."

Jetzt müsse sehr schnell geklärt werden, wie die Vergabe der Gelder abgewickelt wird und wie hoch die Gesamtsumme sei, die als Soforthilfe zur Verfügung steht. Das Problem bei den angekündigten Kredithilfen sei, dass sie zu teuer seien und dass die Vergabe zu lange dauere. Die Abwicklung über die Geschäftsbanken benötige erfahrungsgemäß mehrere Wochen. Jetzt gehe es aber um Tage, denn am Monatsende seien Mieten und Löhne zu bezahlen.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

© BR.de

Bayern will einen "Schutzschirm" mit bis zu zehn Milliarden Euro für Unternehmen bereitstellen, die von den Einschränkungen durch das Coronavirus betroffen sind.