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Corona-Desaster in Gastronomie und Tourismus | BR24

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Gastronomie und Hotellerie sind besonders von der Corona-Krise betroffen. Sie waren die Ersten, die schließen mussten und sind die Letzten, die wieder öffnen dürfen, wann ist noch unklar. Viele bayerische Urlaubsregionen bangen nun um ihre Zukunft.

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Corona-Desaster in Gastronomie und Tourismus

Gastronomie und Hotellerie sind besonders von der Corona-Krise betroffen. Sie waren die Ersten, die schließen mussten und sind die Letzten, die wieder öffnen dürfen, wann ist noch unklar. Viele bayerische Urlaubsregionen bangen nun um ihre Zukunft.

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Absperrbänder, leere Tische und hochgestellte Bänke – seit Wochen ist dies das immer gleiche Bild in vielen Biergärten und Restaurants. Für Gastronomen wird die wirtschaftliche Lage wegen der Corona-Pandemie von Tag zu Tag bedrohlicher.

Auch Martin Rieb vom Ausflugslokal "Fischer" am oberbayerischen Ammersee muss um seine Existenz kämpfen. Seit dem Shutdown vor gut fünf Wochen hat er kaum Einnahmen, doch die Kosten laufen weiter. Rund 100.000 Euro musste Martin Rieb für bereits bestellte Lieferungen zahlen, dazu 80.000 Euro für die neue Außen-Terrasse. Der Gastronom hat seine 60 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Doch oft dauert es Wochen, bis die Arbeitsagentur das Geld auszahlt. Martin Rieb hat deshalb zehntausende Euro an Lohnkosten vorstrecken müssen.

"Jetzt haben wir 70.000 Euro Lohnkosten im März gehabt, nächste Woche stehen die April-Löhne an", erklärt Martin Rieb. "Ich habe aber noch nicht mal die Erstattung von März und ich glaube, das wird vielen Gastronomen einfach das Genick brechen."

Neben Kurzarbeit können Minijobs helfen

Viele von Martin Riebs Mitarbeitern sind nun auf Mini-Jobs angewiesen, so wie der zweifache Familienvater Laszlo. Normalerweise kocht er im "Fischer". Jetzt hilft er mit Kollegen tageweise in einer Schreinerei aus, die die Terrasse erneuert. "Ich musste reagieren, weil die Kasse wird eng", sagt Laszlo.

Martin Rieb hat für seinen Betrieb 50.000 Euro Soforthilfe bekommen. Er freut sich auch über die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes, die die Bundesregierung kürzlich beschlossen hat. Dennoch hat er Sorge um seine Angestellten.

"Also ich habe allen Mitarbeitern versprochen, dass ich sie behalten werde und wir sind natürlich davon ausgegangen, dass der Shutdown sechs bis acht Wochen dauert", erklärt Martin Rieb. "Niemand kann in die Zukunft schauen: nur, wenn wir dauerhaft nicht öffnen können und wir dauerhaft nicht die Umsätze generieren, die wir normalerweise generieren, dann werden wir logischerweise auch nicht alle Mitarbeiter halten können."

Vorsichtige Öffnung von To-Go-Bereichen

Immerhin darf der Gastronom seit knapp zwei Wochen wieder Eis verkaufen. Ein paar seiner Mitarbeiter kann Martin Rieb dadurch wieder beschäftigen. Nach den langen Wochen des verordneten Shutdowns tut allen im Team der Kundenkontakt spürbar gut.

"Das war wirklich traurig hier. Es war so leer, es war kein Mensch da", beschreibt Martin Ried die Stimmung der vergangenen Wochen. "Das war für mich wirklich ein so bewegender Moment, dass wieder Menschen kommen und wir hier nicht alleine sind. Wir waren wirklich glücklich, dass wir wieder aufmachen konnten." Der geöffnete Eisladen ist für Martin Rieb ein Symbol der Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht.

Touristen bleiben auch in Füssen aus

In vielen anderen bayerischen Regionen gibt es diese Hoffnung noch nicht. Gähnende Leere herrscht zum Beispiel rund um das Königsschloss Neuschwanstein im Allgäu. Normalerweise drängeln sich hier täglich rund 7.000 Besucher.

Für die naheliegende Stadt Füssen ist der Shutdown eine Katastrophe. Denn viele leben hier vom Tourismus. Im vergangenen Jahr waren allein über eine halbe Million Übernachtungsgäste in der Stadt. Nun sind alle Hotels geschlossen.

Nur ein Krieg könnte schlimmer sein, sagt Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier. Grob überschlagen rechnet er mit ungefähr vier Millionen Euro Brutto-Umsatz pro Woche, die der Tourismus in Füssen normalerweise bringt. Der fällt nun weg. "Insofern zieht uns das extrem herunter, weil Füssen eben auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen ist."

Je nach Geschäftsmodell trifft es manche besonders hart

Die Gastronomin Miriam Kemmler hat es besonders hart erwischt. Nach dem Lockdown hat die Stadt Füssen die Zufahrt zu ihrem Hotel gesperrt, weil hier zu viele Ausflügler unterwegs waren. Nun verirrt sich kaum jemand mehr zum schönen Alatsee, an dem Miriam und ihr Ehemann Janos seit zehn Jahren ihr kleines Ausflugshotel betreiben.

Jeden Tag fährt das Gastronomenpaar zu seinem Hotel, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist und um Büroarbeiten zu erledigen. Ihre zwölf Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Die Kemmlers machen ihr Geschäft mit Hochzeitsgesellschaften, die das kleine Hotel komplett buchen. Normalerweise würden hier jetzt jedes Wochenende Brautpaare feiern.

Miriam Kemmler bleibt nichts anderes übrig, als auf die Wiedereröffnung ihres Hotels zu warten. "Wir haben im Moment null Einnahmen, gar keine. Abholservice funktioniert bei uns nicht, Außer-Haus-Service für Essen können wir nicht machen", erklärt die Gastronomin. "Wir brauchen jetzt einfach eine andere Lösung."

Um Pachtzahlungen, Versicherungen und andere laufende Kosten ausgleichen zu können, ist für die Kemmlers längst klar, dass sie einen Kredit brauchen werden. Fast 90 Prozent der Hochzeitsgesellschaften haben ihre Buchung im Hotel der Kemmlers abgesagt oder aufs nächste Jahr verschoben. "Der ganze Durchreiseverkehr nach Italien fällt ziemlich sicher auch weg", meint Janos Kemmler.

Wirte wünschen sich einen Zeitplan für die Wiederöffnung

Martin Rieb vom Ausflugslokal "Fischer am Ammersee" wünscht sich von der Politik einen Fahrplan, um Gastronomen eine klare Perspektive zu geben. "Für uns selber bin ich verhalten optimistisch, dass wir das überleben werden, wenn wir bald schrittweise wieder öffnen dürfen, auch mit den Abstandsregelungen und Hygienevorschriften. Ich glaube dennoch, für die Branche ist es eine Katastrophe und viele Betriebe werden insolvent gehen. Das sehe ich schon als sehr problematisch, wenn Existenzen vernichtet werden."

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