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Chronologie: Aufstieg und Fall von Wirecard | BR24

© picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa

13.08.2020, Hamburg: Ein Fahndungsaufruf nach Jan Marsalek, Ex-Vertriebsvorstands des Dax-Konzerns Wirecard

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    Chronologie: Aufstieg und Fall von Wirecard

    Der Bundestag-Untersuchungsausschuss zu Wirecard soll prüfen, warum der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München Insolvenz anmelden musste. Warum ahnte niemand etwas davon? Wo waren die Aufsichtsbehörden? Eine Chronologie des Absturzes.

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    Fin-Tech aus Deutschland

    2005: Ein Hauch von Silicon Valley weht über dem Münchener Osten, über die Firmenzentrale von Wirecard, einem schlichten Zweckbau im Vorort Aschheim. Ein deutsches Fin-Tech für das digitale Bezahlen. Im Jahr 2005 geht der Zahlungsabwickler an die Börse. Die Firma scheint nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Das vermeintliche Wachstum ist atemberaubend. Schon der Börsengang ist ungewöhnlich: Wirecard tut sich mit einer anderen Firma zusammen, die schon am Neuen Markt gelistet war; womöglich spart das nicht nur viel Geld, sondern trübt auch den Blick auf die Bilanzen.

    Wirecard verdrängt Commerzbank im DAX

    September 2018: Der Betreiber der Deutschen Börse nimmt Wirecard in den DAX-30 auf. Die Commerzbank, ein Urgestein im Börsenindex fliegt hinaus. Es scheint der Sieg der Fin-Techs über die alten Bankhäuser zu sein. Allerdings hatte es schon vorher kritische Presseberichte vor allem der Financial Times gegeben, und diese häufen sich ab Anfang 2019. Im Visier steht das Geschäft von Wirecard in Singapur. Dort seien Verträge gefälscht worden. Außerdem sei es zu Geldwäsche gekommen. Es gäbe zudem Dokumente, dass Führungskräfte in Deutschland von den Machenschaften Kenntnis hätten.

    Sonderprüfung der Finanzaufsicht und von KPMG

    Im Februar 2019 gibt die Finanzaufsicht BaFin eine Sonderprüfung in Auftrag. Dafür zuständig ist ein einziger Mann, der damit hoffnungslos überfordert ist. Und später im Jahr überprüfen die Wirtschaftsprüfer der KPMG den Zahlungsdienstleister. Diese gehen mit forensischen, also kriminalistischen Methoden vor und stoßen auf immer neue Ungereimtheiten. Die konkurrierende Gesellschaft EY hatte die Bilanzen zuvor viele Jahre lang geprüft und testiert.

    Keine Bilanz für 2019

    Anfang 2020: Die Geschichten über dubiose Scheinfirmen, Treuhänder und zwielichtige Mittelsmänner werden von Woche zu Woche haarsträubender. Wirecard muss die Veröffentlichung der Bilanz mehrfach verschieben. Die Bilanzprüfer weigern sich, die Unterlagen zu testieren, wie es in der Fachsprache heißt, also abzuzeichnen, dass die angegebenen Zahlen auch wirklich stimmen. Sie können keine plausiblen Belege dafür finden, dass es Konten in Asien gibt, auf denen fast zwei Milliarden Euro liegen sollten. Anfang Juni wird der Firmensitz in Aschheim von der Staatsanwalt München durchsucht.

    Wirecard stellt Insolvenzantrag

    Am 25. Juni 2020 meldet Wirecard Insolvenz an. Angesichts eines 1,9 Milliarden Euro schweren Lochs in der Bilanz, „hat der Vorstand der Wirecard AG entschieden, für die Wirecard AG beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen", teilt das Unternehmen mit. Als Insolvenzverwalter wird Michael Jaffé aus München eingesetzt.

    Festnahmen und Flucht

    Am 22. Juli meldet die Staatsanwaltschaft München mehrere Festnahmen, darunter auch die eines Kronzeugens aus Dubai. Seitdem sitzt der ehemalige Vorstandschef Markus Braun in U-Haft. Zunächst geht es nur um den Vorwurf der Marktmanipulation. Nun spricht Oberstaatsanwältin Anne Leiding auch von möglicher Bilanzfälschung, Untreue und Betrug. Wichtige Geschäftszahlen wurden jahrelang geschönt, Umsätze und Gewinne aufgebläht, um an neue Kredite zu kommen. Der verschachtelte Konzern bestand aus mehr als 50 Tochtergesellschaften. Der ehemalige Vorstand für das operative Geschäft (COO), Jan Marsalek, taucht derweil unter. Bereits zum 22. Juni erlässt die Staatsanwaltschaft München I Haftbefehl gegen Marsalek, der jedoch nicht vollzogen werden kann. Ab 12. August wird er weltweit zur Fahndung ausgeschrieben, bleibt aber verschwunden. Zunächst wird vermutet, dass er nach Russland geflohen ist. Später heißt es, seine Spur habe sich in Belarus verloren.

    Opposition fordert Untersuchungsausschuss

    Am 29. Juli erreicht die Wirecard-Pleite den Bundestag. Die Mitglieder des Finanzausschusses werden aus dem Sommerurlaub zurückgerufen. Sie befragen insgesamt siebeneinhalb Stunden Finanzminister Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und den Präsidenten der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR). Es wird klar, dass es sich bei Wirecard um einen der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte handelt. Der Finanzdienstleister sei ein Scheinriese gewesen, der niemals in den Kreis des DAX hätte aufgenommen werden dürfen, sagt CSU-Politiker Hans Michelbach nach einer weiteren zweitägigen Sitzung des Ausschusses am 4. September. Die Opposition setzt einen Untersuchungsausschuss durch.

    Wirecard fliegt aus dem DAX

    21. August: Wirecard verlässt den DAX. Angesichts der Insolvenz muss die Deutsche Börse hektisch ihr Regelwerk ändern. Mit der Pleite eines DAX-Unternehmens hatte niemand gerechnet. Nun sollen insolvente Unternehmen mit einer Frist von zwei Handelstagen aus den Indizes verschwinden. Derweil lässt Insolvenzverwalter Michael Jaffé keinen Zweifel: Wirecard ist mit Milliarden überschuldet, die zahlungsunfähige Holding ist nicht überlebensfähig. Lediglich für einzelne Unternehmensteile in verschiedenen Ländern gibt es Interessenten. Zu verwerten gibt es kaum etwas. Von der Büroausstattung bis zur IT war bei Wirecard so ziemlich alles geleast. Die Banken müssen ihre Kredite abschreiben.

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