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Petition gegen Krankenhaussterben auf dem Land | BR24

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Kleine Kliniken auf dem Land schließen.Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gut versorgt. Bürger in Rothenburg ob der Tauber wollen das nicht hinnehmen.

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Petition gegen Krankenhaussterben auf dem Land

Kleine Kliniken auf dem Land schließen. Der Weg zum nächsten Krankenhaus ist weit. Betroffene bangen um ihre Sicherheit. Bürger in Rothenburg ob der Tauber engagieren sich mit einer Petition gegen ein Ausbluten im ländlichen Gesundheitswesen.

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Im mittelfränkischen Rothenburg ob der Tauber regt sich derzeit Widerstand. Stadt und Bürger kämpfen gegen Klinikschließungen auf dem Land - mit einer bundesweiten Petition.

Klinikschließungen: Ein bundesweiter Trend

Initiator Rainer Hoffmann, ein Arzt im Ruhestand, hat am Marktplatz einen Stand aufgebaut, um Unterschriften zu sammeln. Er sorgt sich um die Zukunft des örtlichen Krankenhauses und um die kleinen, ländlichen Kliniken in ganz Deutschland.

"Der Vorsitzende der AOK hat erst kürzlich verlautbart, dass es ihm am liebsten wäre, wenn es keine Krankenhäuser unter 500 Betten gäbe. Dann würde es im gesamten Landkreis Ansbach kein Krankenhaus mehr geben." Rainer Hoffmann, Initiator der Petition "Stopp dem Krankenhaussterben im ländlichen Raum"

Die kleine Klinik in Rothenburg hat 180 Betten. Das Krankenhaus werde nicht schließen, beteuert die Klinikleitung. Es schreibe schwarze Zahlen und stehe nicht zur Disposition.

Der bundesweite Trend sieht jedoch anders aus: In den vergangenen 20 Jahren wurden in Deutschland etwa 300 kleine Kliniken geschlossen oder zusammengelegt - viele davon in Bayern, etwa in Waldkirchen, Marktoberdorf oder Karlstadt. Zählte man 1990 noch 87.525 Klinikbetten im Freistaat, sind es jetzt noch 74.395.

Petition kritisiert aktuelle Gesundheitspolitik

"Die Landarztpraxen werden aufgelöst, weil keine Nachfolger mehr da sind. Die Leute müssen also ins Krankenhaus und dann wird das auch noch zugemacht. Welche Möglichkeiten haben sie denn dann noch?“, fragt sich Hans-Peter Nitt vom Rothenburger Krankenhausförderverein Mediroth. Er glaubt, dass die Rothenburger Klinik mittelfristig schließen muss, auch wenn sie momentan wirtschaftlich gut dasteht. Als Grund für seine Zweifel nennt er die aktuelle Gesundheitspolitik.

"Ich will von der großen Politik in Berlin haben, dass man das Konzept überdenkt. Ich will, dass man kleinere Häuser auch unterstützt. Im Koalitionsvertrag der Bayerischen Staatsregierung ist das explizit festgehalten worden. Und ich möchte da auch Taten sehen und nicht nur Worte." Hans-Peter Nitt, Krankenhausförderverein Mediroth

Experten fordern mehr ärztliche Routine bei Operationen. Sie warnen seit längerem: Unser Gesundheitssystem ist zu teuer und trotzdem mangelhaft. Mit über 370 Kliniken sind die Bayern im europäischen Vergleich extrem gut versorgt. Den Ärzten an kleinen Kliniken fehle aber oft die Routine. Sie machten mehr Fehler bei Operationen, belegen Studien. Weniger Kliniken und dafür qualitativ bessere, ist daher das Ziel der Politik.

Staatsregierung sieht sich auf gutem Weg

Das bayerische Gesundheitsministerium betont, dass der Freistaat kräftig investiere, "um die hervorragende Qualität der Versorgung in ganz Bayern zu erhalten und auszubauen". Im vergangenen Jahr hat der Landtag beschlossen, den jährlichen Etat für die Förderung der Krankenhäuser um 140 Millionen Euro auf 643 Millionen Euro anzuheben. Die Schließung von Krankenhäusern werde zudem von den Krankenhausträgern vor Ort immer selbst beschlossen, nicht von der Staatsregierung.

Den Vertretern der bundesweiten Petition geht das nicht weit genug. Sie beanstanden eine Schieflage im Gesundheitswesen: Dass die Krankenkassen bestimmte OPs erst bezahlen, wenn die Klinik eine Mindestanzahl an Eingriffen geleistet hat, ist für sie ein Unding. Studien, die von den Ärzten mehr Routine durch viele Operationen verlangen, halten sie für fragwürdig. Wichtiger als die OP-Routine ist ihnen eine schnell erreichbare, familiäre Versorgung nah am Wohnort.

Keine Klinik, keine Notärzte?

Auch die Rothenburger Stadtspitze warnt die Politik in Land und Bund davor, nur auf Wirtschaftlichkeit zu setzen und Ballungsräume besser zu stellen. "Die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in Stadt und Land hat mittlerweile in Bayern - nach einem Volksentscheid - Verfassungsrang und das ist der Aufruf an die Politik, hier tätig zu werden", verlangt Michael Sommerkorn, Geschäftsführer der Stadt Rothenburg. Auch er macht sich für die Petition stark und hat schon längst unterschrieben.

Auch Hausarzt Joachim Gleiß gehört zum Aktivisten-Kreis. Er ist einer von vier Notärzten in Rothenburg. Seit 20 Jahren fährt er neben dem normalen Praxisbetrieb nun schon Notarzteinsätze. Doch bald könnte es damit vorbei sein, warnt Joachim Gleiß. Er ist sich sicher, dass sich die Klinik in Rothenburg nicht mehr lange halten kann. Und dann müsste er seinen Job als Notarzt an den Nagel hängen.

"Ohne das Krankenhaus hier fahre ich keinen Notarztdienst mehr. Das kann ich nicht. Denn dann müssen wir jeden Patienten nach Würzburg oder Ansbach fahren. Dann bin ich statt einer Stunde drei Stunden weg. Dann kann ich meine Praxis zusperren." Joachim Gleiß, Hausarzt und Notarzt in Rothenburg ob der Tauber

Rotes Kreuz warnt vor mehr Sterbefällen

Auch beim Bayerischen Roten Kreuz in Rothenburg macht man sich Sorgen. Wenn die Klinik weg wäre, müssten die Patienten künftig länger auf den Rettungswagen warten. "Es werden hier auf dem Land wieder mehr Menschen sterben", gibt Rettungsassistent Rainer Mayer zu bedenken. Und Bürger der Stadt sehen bei dieser Entwicklung ihre Sicherheit in Gefahr.

Mittlerweile haben die Initiatoren der Petition seit Ende März mehr als 8.000 Unterschriften bundesweit gesammelt. Damit die Petition im Bundestag öffentlich behandelt wird, brauchen sie 50.000. Die Frist läuft Ende September aus.