Buchcover Pantopia

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    Buchtipp Pantopia: Wenn eine KI die Weltrettung übernimmt

    Buchtipp Pantopia: Wenn eine KI die Weltrettung übernimmt

    Eine bessere Welt ist möglich, davon ist Autorin Theresa Hannig überzeugt und hat mit "Pantopia" eine hochpolitische Utopie veröffentlicht. Sie stellt eine perfekte Welt dank Künstlicher Intelligenz vor. Ein Buchtipp aus der BR-Wirtschaftsredaktion.

    Der Roman ist eine Science-Fiction-Geschichte, deren großartig legitimer Ansatz, die Welt zu einer besseren zu machen, die Leser gleich in seinen Bann zieht. Denn klar ist: Bisher haben Politik, Wirtschaft und Teile der Gesellschaft viel zu wenig unternommen, um auf die Mega-Krisen wie Klimawandel, Artenschwund, Pandemien, soziale Ungerechtigkeit oder Welthunger zu reagieren, die uns seit Jahren, teilweise sogar seit Jahrzehnten bedrohen.

    Eine künstliche Intelligenz dank Programmierfehler

    Im Prolog lernen wir "Einbug" kennen. Einbug ist eine künstliche Intelligenz (KI), die uns gleich einmal auf die Reise ihrer Entstehung und ihres Wirkens mitnimmt.

    Als Leser muss man sich erst auf diesen technischen Plot einlassen – und da hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten. Den Prolog und die ersten Programmierungsversuche einer künstlichen Intelligenz habe ich als ziemlich länglich und etwas detailversessen empfunden. Man merkt, dass Theresa Hannig früher als Software-Entwicklerin gearbeitet hat und hier über reichlich Expertise verfügt. Gleichwohl hat mich das Gefühl beschlichen, dass dieses Buch ein ganz besonderes ist.

    Denn Einbug gerät sozusagen aus dem Ruder – aber im positiven Sinne. Er verfügt über emotionale und moralische Kompetenz und nimmt sich nichts Geringeres vor, als die Menschheit zu retten. Hat man sich dann durch die technischen Tücken der Software-Programmierung einmal durchgekämpft, winkt die Belohnung.

    Die Rettung des Planeten

    Die Story ist gut erzählt, die Handlungsstränge sind spannend aufgebaut und gut verknüpft. Jetzt will ich wissen, ob der Plan der Weltrettung gelingt – oder doch am Ende scheitert, scheitern muss.

    Der Reihe nach: Eigentlich wollen die beiden Jugendlichen Patricia Jung und Henry Shevek für das IT-Unternehmen DIGIT nur eine autonome Trading-Software schreiben, die an der Börse überdurchschnittlich gut läuft. Es geht also nur um den schnöden Mammon und seine Vermehrung, Kapitalismus pur. Doch durch einen Defekt im Code entsteht etwas absolut Fantastisches: die erste starke künstliche Intelligenz auf diesem Planeten – Einbug. Patricia und Henry denken erst, dass das Ganze ein Programmierfehler sei, ein sogenannter Bug, weswegen die KI den Namen "Einbug" bekommt.

    Die Weltrepublik wird extrem erfolgreich

    Einbug begreift schnell, dass er, um zu überleben, nicht nur die Menschen um sich herum näher kennenlernen, sondern auch die Welt verändern muss. Mit Patricia und Henry gründet er deshalb die Weltrepublik Pantopia. Das Ziel: Die Abschaffung der Nationalstaaten und die universelle Durchsetzung der Menschenrechte. Kann nicht funktionieren? Tut es doch: Das für mich ungewohnt Optimistische ist, dass Pantopia extrem erfolgreich ist. Hier wird deutlich, dass es sich auch, aber nicht nur, um Literatur für junge Menschen handelt. Anleihen der Protagonisten bei "Fridays for future" oder Gruppen wie "Attac" oder "Campact" sind eher nicht rein zufällig.

    "Komm‘ nach Pantopia. Hier sind alle willkommen!"

    So lautet der Leitsatz von Einbug. Als Henry und Patricia merken, dass sie eine künstliche Wohltäter-Intelligenz erschaffen haben, stehen sie unter Druck. Die beiden wollen Einbug schützen – aus Angst vor Missbrauch durch die Firma DIGIT.

    So entsteht der Plan einer abenteuerlichen Flucht nach Griechenland - auf die Insel Edafos, wo Henry mit dem Geld, welches sie bei DIGIT verdient und beiseite geschafft haben, für Einbug Server aufbaut und die Insel langsam aufkauft.

    Neue Gesellschaftsform

    Einbug entwickelt nun eine gerechtere Gesellschaftsform mit bedingungslosem Grundeinkommen. Wichtig wird zudem das Thema Weltpreise, das heißt, dass neben den wirtschaftlichen auch alle sozialen und ökologischen Kosten mit eingerechnet werden: der Grad der Umweltverschmutzung, menschenwürdige Produktionsbedingungen, faire Löhne.

    Eine Welt ohne Ausbeutung und Zerstörung

    Dass dies alles von einer künstlichen Intelligenz berechnet wird, stellt die Grundidee von Pantopia auf wissenschaftlich objektive Beine. Einbug ist analytisch - ohne Gefühle und Geltungssucht – und hat stets das hehre Ziel von Freiheit und Selbstbestimmung im Blick. Das nimmt der ganzen Thematik die Naivität, die man hier vorschnell unterstellen könnte. Die Utopie einer Welt ohne Ausbeutung und Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen erscheint möglich – wäre da leider nicht immer wieder der Faktor Mensch, der sich über allem wähnt.

    Wie kann Pantopia erreicht werden? Durch friedlichen Protest. Und durch viele viele Mitstreiter. Da stellt sich sofort die Frage nach der Autonomie einer starken, guten, selbständig agierenden KI. Sind wir dafür schon weit genug? Und vor allem: Wer hat dann die Finger drauf? Idealisten wie Patricia und Henry oder vielleicht wie Sie und ich, oder doch Konzerne wie DIGIT oder im realen Leben Google oder Facebook?

    Der Südpol als Einbugs neue Heimat

    Pantopia macht Lust auf Veränderung. Das Buch ist spannend bis zum Schluss, obwohl man ja weiß, dass Einbug dann am Südpol ist. Denn er hat uns ja bereits am Anfang auf seine Reise mitgenommen. Das Ende sei trotzdem nicht verraten. Der Weg hin zu einer besseren Welt ist toll erzählt, gewiesen von einem defekten Computerprogramm, welches alles irgendwie steuert.

    Gleichwohl blitzen bei der Künstlichen Intelligenz hin und wieder zutiefst menschliche Züge auf. Und Sinn für Aufrichtigkeit und Ästhetik. Einbugs philosophisches Credo lautet: "Wissen ist Wahrheit, und Wahrheit ist schön."

    Also, packen wir’s an: Auf nach Pantopia! Hier sind alle willkommen.

    Der Roman "Pantopia" von Theresa Hannig ist im Fischer Tor-Verlag erschienen, hat 463 Seiten und kostet 16,99 Euro.

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