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Blumenindustrie in der Krise: "Kauft Blumen, nicht Klopapier!" | BR24

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Blumenindustrie wegen Corona in der Krise

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Blumenindustrie in der Krise: "Kauft Blumen, nicht Klopapier!"

Die riesige Blumenbörse bei Amsterdam steht still, der Handel mit Schnittblumen liegt brach. Dabei ist im Frühling eigentlich Hochsaison.

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In den Niederlanden blühen die Tulpenfelder kilometerlang in allen erdenklichen Farben. Im vergangenen Jahr musste mehrfach die Polizei eingreifen, weil Touristen für Fotos durch die Blumen gewalzt waren. Das kann dieses Jahr wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nicht passieren.

Für die Blumenzüchter und -händler gibt es dennoch keinen Grund aufzuatmen. Denn sie können ihre Ware nicht verkaufen. Normalerweise werden 85 Prozent der Blumen in die ganze Welt exportiert, doch seit ganze Lkw-Ladungen an den Grenzen zurückgewiesen wurden, ist der Handel fast komplett eingebrochen - 150.000 Arbeitsplätze in den Niederlanden und eine Million Beschäftigte in afrikanischen Ländern sind bedroht.

Gähnende Leere in Aalsmeer

In den riesigen Hallen der Blumenbörse in Aalsmeer bei Amsterdam herrscht Stillstand und gähnende Leere. Die Sitze im Versteigerungsraum sind mit rot-weißem Absperrband abgetrennt - 1,5 Meter Abstand gilt auch für die Blumenkäufer.

Jedes Jahr kommen im größten überdachten Handelskomplex der Welt 1,2 Milliarden Blumen und Topfpflanzen unter den Hammer. Es wird täglich versteigert. Eine riesige Logistik sorgt dafür, dass die Karren mit den verschiedenen Blumen zwischen Züchtern und Händlern hin und her fahren - zum Teil vollautomatisch. Jetzt sind die meisten der grauen Stahlwagen leer geparkt worden.

Keine Zeit für frische Blumen

Mit Beginn der Beschränkungen, den Veranstaltungsverboten und geschlossenen Grenzen ist der Handel um 85 Prozent eingebrochen. "Als die ersten Lastwagen vollbeladen an den Grenzen umdrehen mussten und zurückkamen, haben sich viele Exporteure nicht mehr getraut, etwas zu ordern", erklärt Ruud Knorr, Geschäftsführer Vertrieb der Blumenbörse, den drastischen Einbruch im Blumenhandel.

Hinzu kam, dass die Supermärkte tagelang keine frischen Blumen orderten, weil sie mit Mann und Macht die leeren Regale nachfüllen mussten - für frische Blumen war da keine Zeit mehr.

Umsatz um 60 Prozent eingebrochen

Knorr ist selbst überrascht, wie schnell hier alles zum Erliegen kam. Normalerweise werden jedes Jahr sieben Milliarden Umsatz gemacht, 6,2 Milliarden allein durch den Export. Der fällt jetzt in der absoluten Hochsaison weg. "Der Gesamtumsatz ist innerhalb von wenigen Tagen um 60 Prozent eingebrochen", rechnet Knorr vor. Und das wird sich noch verschärfen. Denn Blumen sind Frischware - man kann sie nicht auf Lager legen.

Normalerweise wird gerade im Frühling das Geschäft gemacht: Rund um Ostern sind sonst besonders gelbe Blumen gefragt, später zu Muttertag dann ganz klassisch Rosen. Das Geschäft zum Valentinstag hätten sie zum Glück noch normal mitnehmen können, erläutert Knorr.

"Mein Herz weint!"

Zwei Tage nach Beginn der Corona-Sicherheitsmaßnahmen in weiten Teilen Europas stapelten sich die prall gefüllten Container und Kisten auf einer Flüche so groß wie einem Fußballfeld. "Am diesem historischen Montag, am 16. März, wurde die Hälfte der wunderschönen bunten Prachtstücke hier nicht verkauft", berichtet Knorr immer noch perplex.

Als niemand mehr kaufen wollte, musste die Blumenbörse zum Äußersten greifen: die Pflanzen schreddern und entsorgen. Für eine Verschenk-Aktion war die schiere Menge zu groß, zudem fehle dafür jetzt Geld für die Logistik. Den nüchternen Holländer Knorr bringt so schnell nichts aus der Ruhe, aber als er seinen Kollegen beim Schreddern der Blumen zusehen musste, da hat es ihn auch gepackt: "Mein Herz weint! So etwas haben wir noch nie erlebt."

1,15 Millionen direkt Betroffene

Mittlerweile werden in Aalsmeer nur noch wenige Blumen gehandelt und die zu Dumpingpreisen: 25 Cent kostet ein Stiel sonst durchschnittlich - jetzt werden gerade mal fünf Cent aufgerufen. Um weitere Blumenberge zu verhindern, dürfen die Züchter und Lieferanten nur noch 30 Prozent dessen anliefern, was sie sonst in diesen Tagen umgesetzt hätten. Sie alle fragen sich, wie es weiter geht.

In der Blumenindustrie arbeiten 150.000 Menschen in den Niederlanden und noch mal eine Million Menschen in afrikanischen Ländern wie etwa Äthiopien für exotische Gewächse oder Kenia für Rosen. Sie alle hoffen auf Staatshilfen. Wie die aussehen könnten, ist noch unklar. Derweil werben sie in Kampagnen um Blumenkäufer mit dem Slogan: "Kauft Blumen, nicht Klopapier!"

Grabgestecke statt Ostersträuße

Der Florist Paul Deckers ist im Moment vor allem mit Mut machen und Trösten beschäftigt. Er kümmert sich in seinem Familienbetrieb im niederländischen Limburg jetzt viel um Kränze und Grabgestecke - im Moment dreht sich in der Floristik vieles ums Sterben. Dabei ist die Osterzeit nach der Karwoche sonst eigentlich eine fröhliche Zeit.

Deckers wäre mit seinem Team wohl in Rom, denn der 56-Jährige ist der niederländische "Blumenpapst", wie überall in seinem Laden deutlich sichtbar ist. Seit 35 Jahren dekoriert der Florist den Petersplatz und den Papstbalkon für den feierlichen Ostersegen Urbi et Orbi.

Die Anthurie muss warten

In diesem Jahr hätte die Anthurie eine zentrale Rolle beim Blumenschmuck des Vatikan spielen sollen. Fast ein Jahr lang hat Deckers am Konzept gewerkelt - nun weiß er, dass es umsonst war. "Durch meine guten Kontakte nach Italien war schon früh klar, dass wir dieses Jahr nicht dorthin fahren können. Vor allem auch um das Team nicht zu gefährden."

Drei Päpste hat Deckers schon persönlich kennengelernt. Franziskus bedankte sich im vergangenen Jahr nach dem Segen öffentlich bei ihm für die "wunderschönen Blumen" - der mit Tausenden Gläubigen dicht gefüllte Platz jubelte.

Ein leerer Petersplatz

Dieses Jahr bleibt der Petersplatz leer - den Segen hat der Papst vorgezogen. Vor einer Woche gab es nasse Tristesse statt Blumenmeer. "Den Plan für dieses Jahr lege ich einfach als Blaupause für das kommende Jahr in die Schublade", gibt sich Deckers pragmatisch. "Die Welt hat jetzt viel größere Probleme." Enttäuscht sei er natürlich schon, aber auch zuversichtlich, dass er im kommenden Jahr wieder prachtvoll schmücken kann.

So bitter der Verdienstausfall sei, in der Krise wolle er versuchen, dem Menschen eine Freude zu machen. Die Blumen für den Papst hat er mit seinem Großlieferanten deshalb an Alten- und Pflegeheime sowie Krankenhäuser in der Umgebung gespendet. Blumen sollten schließlich schmücken, gute Laune schaffen und die Seele erfreuen.

Das erkennen auch die Kunden: Ein großes Unternehmen hat jetzt bei Decker mehrere Hundert Sträuße für die Mitarbeiter im Homeoffice bestellt. Als Anerkennung und Dankeschön für den besonderen Einsatz in diesen Tagen. Ein Blumengruß vom Chef. Denn eine Lieferung vor die Haustüre im Inland, dass funktioniert immerhin noch.

© BR

Im Frühling, wenn alles blüht und sprießt, machen Gärtnereien ihren Hauptumsatz - normalerweise. Aber gerade jetzt dürfen die Gärtnereien nichts verkaufen. Nicht nur die Blumen und Pflanzen lassen allmählich die Köpfe hängen.

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