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Bildungschancen: Viel Ungerechtigkeit an Bayerns Schulen | BR24

© BR / mehr/wert | 15.11.2018

Gleiche Chancen, unabhängig von der Herkunft. So lautet ein Auftrag des Grundgesetzes. Doch die Realität an deutschen Schulen sieht oft anders aus - auch in Bayern.

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Bildungschancen: Viel Ungerechtigkeit an Bayerns Schulen

Gleiche Chancen, unabhängig von der Herkunft. So lautet ein Auftrag des Grundgesetzes. Doch die Realität an deutschen Schulen sieht oft anders aus - auch in Bayern.

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Die Klasse 9c der Löweneck-Schule im Augsburger Stadteil Oberhausen. In diesem Schuljahr wird sich entscheiden, welchen beruflichen Weg die Mittelschüler gehen werden. Der Anteil nicht-deutscher Muttersprachler liegt bei 90 Prozent. Und noch immer nehmen Herkunft und Bildung der Eltern maßgeblich Einfluss darauf, welche Chancen Schüler in Deutschland haben - wem mehr geholfen wird und wem weniger:

"Meine Mutter kann nicht gut Deutsch, dass sie mit mir lernen kann, mein Vater ist auch fast nie zuhause. | Meine Eltern, die können nicht so gut Deutsch … dann frag’ ich halt immer meinen Bruder. | Also, mein Papa arbeitet und meine Mutter, sie kann noch nicht Deutsch." Jugendliche einer Augsburger Schulklasse

Noch immer gilt: Mehr Wohlstand, mehr Bildung

Mehr Chancen durch mehr Wohlstand im Elternhaus? Das belegt auch eine aktuelle Sonderauswertung der Pisa-Studie. In den Naturwissenschaften liegen 15-jährige Schüler aus sozial benachteiligten Familien deutlich hinter denen aus wohlhabenden Elternhäusern. Die Differenz: fast dreieinhalb Schuljahre.

Schüler mit direktem Migrationshintergrund, deren Eltern vor noch nicht allzu langer Zeit nach Deutschland kamen, sind von der Benachteiligung besonders häufig betroffen. Britta Siemer, Leiterin der Augsburger Löweneck-Schule, will dem etwas entgegen steuern. Mit gezielten Angebote sollen die Eltern erreicht werden: Tanzkurse beispielsweise, kostenloser Deutschunterricht oder gemeinsame Ausfüge.

"Wann bestellt man Eltern rein? Wenn was nicht läuft, also das heißt, das ist immer so negativ behaftet. Und das versuchen wir halt gerade dadurch auch zu verändern, dass man sagt: Schule hat nicht nur negativen Touch und wir würden auch gerne mit den Eltern in Kontakt sein - was gut läuft." Britta Siemer, Schulleiterin, Augsburg

Wirkliche und gefühlte Chancenlosigkeit können zusammenfallen

Vor kurzem hat die Augsburger Schule eine Art Minizeugnis eingeführt: Lehrer geben damit eine positive Rückmeldung. Auch das soll motivieren. Doch reicht das aus, um Bildungsgerechtigkeit herzustellen? Ein paar Straßen weiter lebt Familie Braun. Die Eltern, inzwischen auch Großeltern, sind Geringverdiener - hangeln sich gerade so durch: Vater Georg jobbt in einer Fahrrad-Reparatur-Werkstatt, Mutter Petra arbeitet in der Gastronomie.

Von den acht Kindern sind fünf aus dem Haus. Tochter Nadine arbeitet in einer Konditorei. Sie sagt, sie wäre gerne Anwältin geworden. Doch in der prekären Lage, in der sich die Großfamilie befunden habe, sei das unrealistisch gewesen: "Es fehlt da, fehlt da und dann will man schon schnell Geld verdienen. Und dann denkt man sich: der erste Weg - Ausbildung."

Mehr Gleichheit durch individuelle Förderung?

Mittlerweile haben Kinder aus sozial schwachen Familien zwar Anspruch auf Lernförderung, etwa Nachhilfe. Dennoch: Zu 90 Prozent sind es Familien der mittleren und oberen Mittelschicht, die Nachhilfe in Anspruch nehmen. Ganz zu schweigen von der Förderung von Kindern, die trotz aller sozialer Nachteile des eigenen Elternhauses besonders viel Potential erkennen lassen. Wer hilft diesen Kindern und Jugendlichen? Wie etwa Cynthia, die 15-Jährige Gymnasiastin aus München. Als sie in der zweiten Klasse war, trennten sich Ihre Eltern, die aus Togo nach Deutschland kamen. Sie wuchs bei ihrer Mutter auf, Angestellte im Schichtdienst. Früh musste sich Cynthia um sich selbst kümmern.

Cynthia gelangte an eines der begehrten, bundesweit 700 Schülerstipendien der Roland-Berger-Stiftung, die über ihre Schule auf sie aufmerksam wurde. Dabei half nicht nur die Aufmerksamkeit des Lehrpersonals, das Cynthias Fähigkeiten erkannte, sondern auch das Bildungskonzept der Stiftung: keine starren Strukturen, Kinder bei ihren individuellen Fähigkeiten abholen, weniger in Klassen als in Modulen denken. Und dazu, wie Unternehmensberater und Stifter Roland Berger betont: ein ehrenamtliches Modulsystem. Für Cynthia bedeutete das Stipendium: endlich Tanzunterricht, vormals für sie unerschwinglich, und einen individuellen Förderplan.

"Also, ein großes Hauptelement waren die Seminare, die wir in wirklich verschiedenen Bereichen hatten. Also, es ging über wirklich faktisches Wissen in biologischen oder naturwissenschaftlichen Bereichen bis zu dem ganzen Kulturellen einfach. Kulturelle Sachen, die man sonst nicht so in der Schule lernt." Cynthia, 15 Jahre, Gymnasiastin aus München

Neue Ansätze in der Bildung erfordern ein Umdenken. Aber sie haben das Potential, das Schulsystem wirklich für alle Kinder fair und gerecht zu gestalten.