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Wirecard: Viele offene Fragen nach Insolvenzantrag | BR24

© BR/Margit Siller

Der Zahlungsdienstleister Wirecard hat Insolvenzantrag gestellt. Der neue Vorstand begründet den Schritt mit drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Wirecard fehlen 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz.

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Wirecard: Viele offene Fragen nach Insolvenzantrag

Der Zahlungsdienstleister Wirecard hat Insolvenzantrag gestellt. Der neue Vorstand begründet den Schritt mit drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Wirecard fehlen 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz.

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Der Vorstand der Wirecard AG hat Insolvenzantrag gestellt, wie das Amtsgericht München am Abend bestätigte. Dem Finanzdienstleister aus Aschheim bei München drohten Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung, wie der Vorstand des Konzerns am Vormittag sagte.

Geprüft werde noch, ob auch für Tochtergesellschaften der Gruppe Insolvenzanträge gestellt werden müssen, heißt es weiter. So gibt es zum Beispiel eine britische Tochter, die Wirecard Card Solutions, und auch die Wirecard Bank.

Es ist das erste Mal in der mehr als 30-jährigen Geschichte des Leitindex Dax, dass ein Dax-Mitglied kollabiert. Erst 2018 hatte Wirecard die Commerzbank in dem Aktienindex verdrängt.

Verhalten der Kreditgeber noch offen

Vieles bleibt erst einmal noch rätselhaft in diesem Bilanzskandal. So heißt es einerseits, einige Banken seien vom Insolvenzantrag überrascht gewesen - sie hätten Wirecard gerade noch einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit zu prüfen.

Der Vorstand selbst spricht in einer zweiten Mitteilung heute aber davon, bereits zum Monatswechsel wären Kredite über 1,3 Milliarden Euro ausgelaufen. Und eine Einigung mit den Gläubigerbanken gebe es nicht. Von den 15 Instituten aus dem In- und Ausland will sich derzeit niemand öffentlich äußern.

Auch der Wirecard Bank droht die Insolvenz

Für den Münchener BWL-Professor Christoph Kaserer, spezialisiert auf Unternehmensfinanzierung, ist die Wirecard-Pleite eine große internationale Blamage, vor allem mit Blick auf die fehlenden internen Kontrollen und das Versagen von Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfern.

Kaserer will deshalb nicht ausschließen, dass auch die Wirecard Bank noch einen Insolvenzantrag stellen muss. Er gehe davon aus, dass es Notfallpläne gebe, vor allem bei der Bafin, wie er dem Bayerischen Rundfunk sagte. Entscheidend sei, dass man die Bank jetzt vom restlichen Unternehmen abschirmen könne. Allerdings würden die Kunden der Wirecard Bank sicherlich versuchen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Das könne zu großen Liquiditätsproblemen führen und damit ebenfalls zur Insolvenz.

Kundengelder der Bank über Einlagensicherung abgesichert

In diesem Fall müsste der Einlagensicherungsfonds der deutschen Banken einspringen. Pro Kunde und Institut sind gesetzlich generell 100.000 Euro abgesichert. Die Finanzaufsicht BaFin hat kürzlich bereits einen Sonderbeauftragten eingesetzt, der verhindern soll, dass mit den Kundengeldern der Bank Finanzlöcher beim Mutterkonzern gestopft werden. Die Bank soll zuletzt über Kundeneinlagen von zwei Milliarden Euro verfügt haben.

Teil der Insolvenz soll die Bank-Tochter aber nicht werden. "Die Wirecard Bank AG ist nicht Teil des Insolvenzverfahrens der Wirecard AG", heißt es in einer Mitteilung des Wirecard-Managementes.

Wirecard hatte sich vorausschauend schon vor Jahren eine Banklizenz besorgt. Die Wirecard Bank ist Kooperationspartner vieler junger Finanzfirmen, die selbst über keine Lizenz verfügen. Diese Bank ist auch im Zahlungsverkehr aktiv, sie gibt Karten heraus, und sie bietet für Privatkunden ein Konto an.

Es trifft auch Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter

Weil sich in den vergangenen Tagen offenbar immer mehr Geschäftskunden von dem Zahlungsdienstleister verabschieden wollten, war der Geschäftsbetrieb als Ganzes gefährdet. Nun bleibt abzuwarten, was der vorläufige Insolvenzverwalter in der Konzernzentrale in Aschheim vorfinden wird.

Viele prominente Firmenkunden von Wirecard wollten sich bislang nicht zu den weiteren Geschäftsbeziehungen äußern. Eine zentrale Frage dürfte sein, ob der Zahlungsabwickler die Lizenzen von Visa und Mastercard behalten kann.

Professor Kaserer zeichnet dabei ein eher düsteres Szenario. Für die Aktionäre sei klar, dass es sich um einen Totalverlust handle. Am Ende des Insolvenzverfahrens werde nichts für die Aktionäre übrig bleiben. Offen sei aber noch, wie viel Geld die Gläubiger am Ende verlieren würden.

Ungeklärt blieben auch noch die Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Auch deren Zukunft hinge davon ab, welche Teile des Unternehmens verkauft und weiterbetrieben werden könnten. Vor allem am Standort München gehe er aber davon aus, dass eine erhebliche Anzahl von Arbeitsplätzen verloren gehen werde, so Kaserer.

Wirtschaftsprüfer sehen ein ausgeklügeltes Betrugssystem

Die Wirtschaftsprüfungsfirma EY, die die Zahlen von Wirecard seit Jahren testiert hatte, sieht ein ausgeklügeltes, weltumspannendes Betrugssystem, mit dem sie ebenso hinters Licht geführt worden sei wie die Anleger. "Es gibt klare Anzeichen dafür, dass das ein aufwendiger und ausgeklügelter Betrug war, in den unterschiedlichste Parteien rund um die Welt aus verschiedenen Institutionen involviert waren, mit dem Ziel der Täuschung", erklärte die Deutschland-Tochter von EY.

Solche betrügerische Absprachen, die mit hohem Aufwand und Dokumenten falsche Fährten legten, ließen sich auch mit den besten Prüfmethoden nicht aufdecken, rechtfertigte sich das Unternehmen, das zu den vier größten Wirtschaftsprüfern in Deutschland gehört. EY droht neben einer Klagewelle vor allem ein massiver Reputationsschaden. Die Prüfer hatten erst bei der Prüfung der 2019er-Bilanz bemerkt, dass Bankbestätigungen zu Treuhandkonten auf den Philippinen gefälscht waren.

Welche Teile von Wirecard lassen sich zu Geld machen?

Das ursprüngliche "Kapital" von Wirecard war vor allem die Technologie auf den diversen Plattformen. Wenn sich keiner der Konkurrenten dafür interessiert, weil es ihnen jetzt gelingt, die Geschäftskunden von Wirecard auf die eigenen Plattformen zu ziehen, dann bleibt wenig Hoffnung auf einen erfolgreichen Verkauf der Firmenwerte.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert, ohne Angabe genauerer Quellen, bei einigen der kreditgebenden Banken habe sich schnell "Ernüchterung breitgemacht". Und weiter: "Das Geld sei weg". Es gebe keinen Weg, dass der Zahlungsdienstleister die Gesamtschulden von 3,5 Milliarden Euro aus dem gesunden Kerngeschäft zurückzahlen könne.

1,9 Milliarden Euro fehlen in der Bilanz - Staatsanwaltschaft prüft

Wirecard hatte nach der erneuten Verschiebung der Bilanz für 2019 mitgeteilt, dass 1,9 Milliarden Euro, die das Unternehmen auf Treuhänderkonten verbucht hatte, "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren. Deswegen prüft der Konzern die nachträgliche Korrektur seiner Bilanzen: "Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden", hieß es.

Wirecard ist deshalb auch im Fokus der Strafverfolgungsbehörden. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I am Montag angekündigt. Bei der Behörde läuft bereits ein Ermittlungsverfahren gegen den Ende voriger Woche zurückgetretenen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun und drei weitere Manager der Wirecard-Spitze wegen des Verdachts der Falschinformation von Anlegern in zwei Börsen-Pflichtmitteilungen.

Im Zentrum des Bilanzskandals stehen der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein Treuhänder, der bis Ende 2019 für Wirecard aktiv war und das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente Geschäft mit den Drittpartnern betreute.

Kein schneller Wirecard-Rauswurf aus dem Dax

Auch nach dem Insolvenzantrag droht dem Zahlungsabwickler wohl kein schneller Dax-Abschied. Nur im Falle einer Abwicklung oder einer Abweisung des Antrags auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse muss ein Unternehmen laut den Regeln der Deutschen Börse aus einem Auswahlindex "umgehend" herausgenommen werden.

Dass die Börse ein Sanktionsverfahren prüft, hat ebenfalls keine direkte Auswirkung auf die Dax-Mitgliedschaft. Und so schnell wird einem Unternehmen auch die Mitgliedschaft im Prime Standard, der wegen umfangreicher Transparenzvorschriften eine hohe Qualität garantieren soll, nicht entzogen.

Als Nachfolger beim aktuell indes so gut wie sicheren Abschied bei der regulären Indexüberprüfung im September gelten der Online-Essenslieferant Delivery Hero und der Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise.

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