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Behördenchaos bei Corona-Masken | BR24

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Bildrechte: picture alliance/KEYSTONE

Hochgerechnet braucht Deutschland 12 Milliarden Masken im Jahr. Es wird produziert, was das Zeug hält, damit der Bedarf gedeckt werden kann. Doch die Bürokratie in den Behörden hält mit diesem Tempo offenbar nicht ganz Schritt.

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Behördenchaos bei Corona-Masken

Nicht nur in Bayern sind Schutzmasken hoch begehrtes Handelsgut geworden. Immer mehr Unternehmen schwenken deshalb jetzt um und steigen in die Produktion von Atemmasken ein. Doch nicht alle werden die eigentlich so dringend benötigte Ware auch los.

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Von
  • Antonia Böhm
  • Iris Meinhardt

Vor allem in Krankenhäusern und in der Pflege wird Schutzausrüstung noch immer dringend gebraucht. Deshalb versuchen Bundes- und Landesbehörden diese aus aller Welt und aus allen möglichen Quellen zu beschaffen. Und immer mehr Unternehmen stellen ihre Produktion um.

So ist etwa BMW in die Produktion von Atemschutzmasken eingestiegen. Bis zu 300.000 Masken täglich könnten ab Ende April hergestellt werden. Und auf Mengen wird es ankommen, denn allein in Deutschland werden 12 Milliarden Masken im Jahr gebraucht – schätzt das Bundeswirtschaftsministerium.

Unternehmen im Besitz von Masken

Auch der Herrschinger Unternehmer Jürgen Berthold könnte sofort medizinische Schutzkleidung in großen Mengen liefern. Er vertreibt Masken und andere Schutzkleidung aus Asien, die per Seeweg nach Bremen verschifft und dort gelagert werden.

Das Lager ist gut gefüllt: Desinfektionsmittel, Kartons mit OP-Masken im sechsstelligen Bereich, aber auch die begehrten FFP-2-Masken stapeln sich dort - alles zertifizierte Ware. Von Bremen aus sollte sie eigentlich dorthin geliefert werden, wo sie am dringendsten benötigt wird: in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

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Behörden antworten nicht

Doch Jürgen Berthold findet einfach keinen geeigneten Abnehmer. Dabei hat er es schon vor Wochen bei etlichen Behörden und Stellen versucht, unter anderem beim Bayerischen Wirtschafts- und Gesundheitsministerium, beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, außerdem bei Katastrophenschutzbehörden, Landratsämtern und anderen Einrichtungen. Doch er wird immer nur vertröstet und hingehalten:

"Also wir haben uns da telefonisch gemeldet, haben hingeschrieben, gesagt: Wir haben die Ware. Wir haben es auf Lager, meldet's euch! Doch es kam keine Antwort." Jürgen Berchtold

Er könne es sich nur so erklären, dass es bei der Beschaffung irgendwie hake, die rechte Hand nicht wisse, was die linke tue. "Wir haben einen Katastrophenfall, wir haben eine weltweite Pandemie, betont Berthold, und da laufen die Uhren einfach anders, da wird das Spiel andersrum gespielt, das heißt, da muss man schauen, wo gibt es Ware, wie schnell hab ich sie da, und da ist der Preis eigentlich sekundär, weil sonst kriegt man nichts mehr!"

Statt Hemden werden Masken genäht

Ähnliche Erfahrungen hat auch Henning Gerbaulet gemacht. Er führt das Passauer Traditionsunternehmen Eterna. Normalerweise werden dort Hemden produziert. Zu Beginn der Corona-Krise hat der Unternehmer die komplette Nähproduktion umgestellt: In seinen Werken in der Slowakei, Mazedonien und Rumänien werden jetzt Schutzmasken für den Alltagsgebrauch genäht. Zusätzlich hat Henning Gerbaulet eine vollautomatisierte Maschine aus China gekauft, die medizinische OP-Masken produzieren soll. Ab Mitte Mai könnte Gerbaulet diese in großen Mengen liefern – pro Woche bis zu 400.000 Stück.

Doch der Geschäftsführer findet keinen Abnehmer – nicht eine Behörde hat bisher eine konkrete Zusage gemacht. "Das war ganz oft, dass wir auch gehört haben, wir melden uns, wenn wir Bedarf haben. Das hat natürlich etwas grotesk geklungen in unseren Ohren, weil der Bedarf ja eben auch gleichzeitig artikuliert wurde", erklärt Gerbaulet. "Und ich glaube es ist auch nicht ganz klar geregelt, welche Aufgabe Bund, welche Aufgabe Länder und auch die Kommunen an dieser Stelle haben. Und das scheint mir momentan das Kernproblem zu sein."

Eigenproduktion zu risikoreich

Der Unternehmer hätte gerne eine längerfristige Kooperation mit der bayerischen Regierung oder auch dem Bund gemacht, um durch verbindliche Abnahmeregelungen Planungssicherheit zu haben. Und zwar über den Krisenzeitraum hinaus. Nur so, meint Gerbaulet, sei auf Dauer der Wettbewerbsnachteil auszugleichen. In Deutschland sei es eben einfach nicht möglich, zu Preisen zu produzieren, wie es in Asien vor der Krise der Fall war.

"Das war ja eigentlich die Idee, die wir gehabt haben, als wir uns für eine vollautomatisierte Anlage interessiert haben", erklärt Gerbaulet, "dass wir den Aufruf der Politik vernommen haben, dass man gerne auch wieder aus Deutschland heraus Produktion aufbauen möchte, um die innerdeutsche Ausrüstung, Schutzausrüstung herstellen zu können."

Doch das Risiko ist ihm zu hoch. Deswegen hat er auch von weiteren Maschinen, die FFP2-Masken herstellen können, Abstand genommen.

Seiner Meinung nach müsste erst mal dringend geklärt werden, wer für die Beschaffung der Schutzmasken verantwortlich ist und auch welche Budgets dafür zur Verfügung stehen.

Keine klare Antwort vom bayerischen Landesamt

Auf Nachfrage erklärt das nach eigenen Angaben für die Beschaffung der Schutzkleidung zuständige bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, alle eingehenden Angebote würden durch die Beschaffungsstelle geprüft. Auch wenn alle Beteiligten ihr Bestes geben, könne eine finale Rückmeldung aufgrund der großen Vielzahl an Einsendungen einige Tage in Anspruch nehmen, heißt es weiter. Alle Beteiligten würden mit Hochdruck daran arbeiten, die erforderliche Schutzkleidung zu beschaffen.

Weiterhin angespannte Situation

Diesen Eindruck hat Jürgen Berthold nicht. Er hat seit Wochen keine Rückmeldung bekommen. Jetzt versucht er, die Schutzmasken direkt dort zu verkaufen, wo sie gebraucht werden. In Krankenhäusern, Feuerwehren und Pflegeheimen.

Und Henning Gerbaulet wünscht sich, dass der politische Wille, Schutzausrüstung in Deutschland zu produzieren, mit Unternehmen gemeinsam angegangen wird. Dann wäre er auch bereit, in weitere Maschinen zu investieren.

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