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Bayerischer Traditionsschneider im digitalen Zeitalter | BR24

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Eine Lederhose, die telefonieren kann, eine Jacke, die Feinstaub misst. Klingt wie aus einem Science Fiction Film - ist aber schon Realität. Die Digitalisierung macht auch vor der Kleidung nicht halt.

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Bayerischer Traditionsschneider im digitalen Zeitalter

Die Digitalisierung macht auch vor der Kleidung nicht halt. Aber ist dies wirklich sinnvoll? Und wo sollten ihr Grenzen gesetzt sein - Stichwort "Überwachung" und "Datenklau"? Wir haben eine Firma besucht, die Spezialaufträge aus aller Welt erledigt.

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Schrobenhausen in Oberbayern. Hinter einer unauffälligen Hausfassade wird hochwertige Lederkleidung gefertigt: klassische Tracht aus regionalen Materialien, aber auch moderne Motorradbekleidung. Der Renner bei jungen Leuten sind Jeans, die von innen perfekt schützen. Protektoren verstecken sich hinter einem extrem festen Stoff. Beraten wird der Kunde hier noch vom Chef persönlich.

Knut Starringer leitet den Handwerksbetrieb, den seine Eltern vor fast 60 Jahren gegründet haben. Noch immer wird hier feinste Lederbekleidung maßgefertigt, doch als Chef schaut er auch darauf, dass sich die Firma weiterentwickelt – und im digitalen Zeitalter ankommt.

Umfangreiche Materialtests

So manches Material hat es in sich:

"Das ist jetzt ein Stoff, der ist streckenweise mit Keramik beschichtet, um hier mehr Haltbarkeit zu erhalten, aber auch, um die textile Haptik zu gewährleisten, das setzen wir im workwear-Bereich ein, speziell im Hochspannungsbereich. Das ist ein reiner Prototypenbau erstmal, um zu schauen, spielen diese Komponenten in sich zusammen." Knut Starringer, Geschäftsführer Wearable Solutions GmbH

Ulrike Walbaum arbeitet schon lange hier und stellt sich dauernd neuen Herausforderungen.

"Es wird eigentlich nie langweilig, es bleibt immer interessant, es gibt ja auch nicht mehr so viele, die Handarbeiten machen, es ist schon gut, dass wir noch da sind." Ulrike Walbaum, Schneiderin

Lösungen gesucht

In der Region war die Textilbranche früher stark, inzwischen sind aber viele Betriebe verschwunden. Ulrike Walbaum baut gerade ein Fach für ein Mobil-Telefon in eine Jacke ein, arbeitet dabei eng mit dem Chef zusammen. Der ist selber gelernter Maßschneider.

"Wir versuchen zu verstehen, welche Kleinigkeiten bringen so ein Thema nach vorne oder an was scheitert es dann. Das ist in dem Wearable-Bereich oft das Problem, dass Dinge entwickelt werden, dann wird ein Markt gesucht. Bei uns geht das umgekehrt, da kommt der Markt zu uns und sagt, könnten wir hier nicht eine Lösung dazu finden." Knut Starringer, Geschäftsführer Wearable Solutions GmbH

Von seinen Mitarbeitern erwartet Knut Starringer, dass sie überall mit anpacken und über ihren Bereich hinaus mitdenken. Nur so kann eine kleine Firma in seinen Augen überleben.

Und doch kann jeder seine Stärken nutzen. Der gelernte Textillaborant Tobias Scholz etwa ist ein leidenschaftlicher Tüftler. Wenn Ingenieure Aufgaben als fast unlösbar einstufen, dann stachelt ihn das erst so richtig an:

"Wirkliches Wearable bedeutet ja, tragbare Lösungen - denn ich möchte ja nicht spüren, dass ich Technik anhabe, ich möchte, dass sie funktioniert, dass ich einen Nutzen davon habe, aber ich möchte jetzt nicht eine Autobatterie mit mir herumtragen, um das überspitzt zu sagen." Tobias Scholz, Textillaborant

Datenschutz steht im Vordergrund

Der Datenschutz ist Tobias Scholz sehr wichtig:

"Wir möchten jetzt keine Daten sammeln, wir möchten nicht halbherzige Projekte machen, weil der Preis drückt, wenn, dann möchten wir das gescheit machen." Tobias Scholz, Textillaborant

Viel Energie wird in ein spezielles Shirt gesteckt – entwickelt für Krankenpfleger. Ausgestattet ist es mit zahlreichen Sensoren, die über den Tag hinweg Daten sammeln. Abends werden diese vom Pfleger ausgelesen, um die aufwendige Dokumentationspflicht zu erleichtern.

Die soziologische Fakultät der Universität Nürnberg hat die Folgen von "wearable technology" untersucht, also von Kleidung mit digitaler Technik. Starringer aus Schrobenhausen hat dabei sehr gut abgeschnitten:

"Das wirklich spannende ist, finde ich, dass die Firma sagt, wir machen zwar etwas, das digital Daten von Beschäftigten erhebt, aber die Hoheit über diese Daten soll bei den Beschäftigten bleiben, sie sollen tatsächlich den Arbeitsalltag der Beschäftigten erleichtern. Also die Firma setzt da bewusst einen Punkt und zeigt eben damit, man kann Digitalisierung so oder so anwenden." Professor Dr. Sabine Pfeiffer, Soziologin

Sabine Pfeiffer hat auch andere Erfahrungen gemacht. Manche Firmen nutzen Daten zur Kontrolle ihrer Mitarbeiter.

"Wenn wir nur immer alles mit der Brille, wird es produktiver, bringt es irgendwo neues Geld ins Haus, betrachten, dann denke ich, ist es eine zu einseitige Betrachtung. Wir müssen uns schon auch fragen, wie viel Privatheit darf ich als Person, auch wenn es um meinen Körper geht, denn am Arbeitsplatz noch haben." Professor Dr. Sabine Pfeiffer, Soziologin

Nicht alle Anfragen werden von Knut Starringer angenommen. Kleidung für ein Baby-Monitoring in China hat er abgelehnt - den Falkenhandschuh für einen Scheich dagegen nicht:

"Das ist jetzt so ein Prototyp, der eben die Häufigkeit der Anflüge, der Griffstärke misst und dadurch Rückschlüsse auf den Grad der Erschöpfung des Falken zulässt." Knut Starringer,Geschäftsführer Wearable Solutions GmbH

Innovative Produkte im Test

Sehr ins Detail gehen die Mitarbeiter bei dieser Feinstaubmessjacke. Ist das Material wirklich perfekt? Vom Stoff bis zur digitalen Technik bleibt hier alles in einer Hand:

"Hier ist der Luftschacht, der saugt die Luft ein und misst dann eben die Feinstaubbelastung und man kann das dann live oder zeitversetzt auf einer Karte demonstrieren, wo ist jetzt wie die Feinstaubbelastung - das ist jetzt grad so ein Thema, wir sind jetzt an den Kommunen dran, sprechen schon mit einigen, soll es in den Einsatz kommen oder nicht, welche Stückzahlen, wir haben jetzt schon die Testläufe, die anfangen." Tobias Scholz, Textillaborant
"Wir versuchen permanent neue Dinge zu denken, zu machen und nicht zuerst zu überlegen, was kostet uns das eigentlich, sondern die gute Idee zu sehen und die zu realisieren. Das ist unser Anspruch." Knut Starringer, Geschäftsführer Wearable Solutions GmbH

Starringer wirbt engagiert für seine Ideen und hofft, dass seine digitale Hightech - Kleidung schon bald in Pflegeeinrichtungen in Bayern zum Einsatz kommt.