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Barrierefreiheit: Wie rollstuhlgerecht sind Bayerns Altstädte? | BR24

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Für viele touristische Orte ist Barrierefreiheit immer noch ein Fremdwort. Auch im schwäbischen Nördlingen stoßen gehbehinderte Menschen oftmals auf Hürden im Alltag. Besonders Rollstuhlfahrer. Einer hat für uns einen Selbstversuch gemacht.

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Barrierefreiheit: Wie rollstuhlgerecht sind Bayerns Altstädte?

Für viele touristische Orte ist Barrierefreiheit immer noch ein Fremdwort. Auch im schwäbischen Nördlingen stoßen gehbehinderte Menschen oftmals auf Hürden im Alltag. Besonders Rollstuhlfahrer. Einer hat für uns einen Selbstversuch gemacht.

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Wie barrierefrei können Menschen mit Handicap in Nördlingen Urlaub machen? Fritz Feurig hat sich als Rollstuhlfahrer bereiterklärt, das zu testen. Für ein selbstbestimmtes Leben musste der ehemalige Rollstuhl-Basketballer kämpfen. Der 56-jährige Beamte lebt in einer umgebauten Mühle vor den Toren Nördlingens.

Pflastersteine als erste Hürde

In den letzten Jahren hat sich Feurich in Projekten der Lebenshilfe engagiert, auch als Mitglied des Stiftungsrats in seiner Region Donau-Ries. Seit einem Motorradunfall im Alter von 19 Jahren ist er querschnittsgelähmt.

Die Teststrecke kann beginnen. Fritz Feurich lobt zunächst den "barrierefreien Stadtführer" mit seinen Tourvorschlägen und vielen Tipps. Doch kaum gelangt er in die mittelalterliche Altstadt, zeigen sich bereits die ersten Barrieren. Zunächst in Gestalt der Pflastersteinwege. "Natürlich sehr schlecht für einen Rollstuhlfahrer", sagt Feurich. "Ich denke mal auch, dass Frauen mit hohen Schuhen hier genauso Probleme haben."

Inklusives Stadtrelief, schwer zugängliche Stadtmauer

Zur ersten Orientierung hat sich die Stadt Nördlingen für alle Besucher etwas Besonderes einfallen lassen. Vor dem Rathaus steht ein Relief der mittelalterlichen Altstadt, das der Künstler Egbert Boerken detailgetreu aus Zinnbronze anfertigte. Für Menschen mit Sehbehinderung sind Erläuterungen zu einzelnen Bauten in Brailleschrift umgesetzt.

An der Stadtmauer scheitert Fritz Feurich. Eine Baustelle versperrt den einzigen treppenlosen Aufgang. Doch auch ohne Baustelle scheint dieser aufgrund seiner steilen Neigung für Rollstuhlfahrer ohne Hilfe schwer zu bezwingen. "Auch mit dem Kinderwagen-Hochschieben braucht man sehr viel Kraft", bemängelt Feurich.

Nördlinger Bahnhof: nicht vor 2021 barrierefrei

In Sachen Behindertenparkplätze ist Nördlingen gut aufgestellt, weiß Fritz Feurich, der selbst Autofahrer ist. Diesmal aber lässt er sich auf das Abenteuer Deutsche Bahn ein, um vom Nachbarort in die Stadt zu fahren. Um Hilfe beim Einsteigen sicherzustellen, hat er die kurze Strecke im Voraus angemeldet. Der Service bleibt trotzdem aus.

"Tja, ich bin hier, aber leider keine Hilfe. Der Zugbegleiter weiß scheinbar nicht Bescheid. Ich habe zwar vorgebucht, auch in Möttingen beim Zusteigen wusste niemand Bescheid, jetzt müsste man irgendjemanden ansprechen, der uns behilflich ist." Fritz Feurich, Beamter, Nördlingen

Dann zeigt Feurich, wie manche Rollstuhlfahrer in solchen Fällen zur Selbsthilfe übergehen: "Wie eine Schubkarre, einfach nach hinten kippen. Und alte Fliegerweisheit: Runter kommen Sie immer. Und schon sind wir da." Freulich ist generell ein fröhlicher Zeitgenosse. Bei seinem Fazit zum Bahnerlebnis hört der Spaß aber dann auf: "Zugfahren für Rollstuhlfahrer, muss ich jetzt für das kurze Stück schon sagen: nicht empfehlenswert".

2021 soll der Nördlinger Bahnhof barrierefrei sein. Zumindest bis dahin haben es Rollstuhlfahrer schwer, überhaupt in den Zug zu gelangen. Und das nicht nur in Nördlingen.

Stadtmuseum auch nach Sanierung ohne Aufzug

Nicht wirklich besser wird es beim Besuch des Stadtmuseums. Solange Gehbehinderte sich im Erdgeschoss aufhalten, können sie in die Geschichte der mittelalterlichen Stadt eintauchen. Dann fangen die Probleme an. Jahrelang wurde das vierstöckige, denkmalgeschützte Gebäude saniert. An einem Aufzug für Rollstuhlfahrer, um Vorgaben eines barrierefreien Museumskonzepts zu erfüllen, fehlt es bis heute.

Reagiert hat man auf das Manko bislang nur mit einer aus inklusiver Sicht eher fragwürdigen Maßnahme: Rollstuhlfahrer werden für Ausstellungsflächen, die für sie wegen des fehlenden Fahrstuhls nicht zugänglich sind, auf einen Monitor in einem Nebenraum des Erdgeschosses verwiesen.

Mithilfe von Freunden auf den Glockenturm "Daniel"

Wenn Fritz Feurich nicht alleine weiterkommt, bittet er immer wieder um Hilfe. Meistens mit Erfolg. Auch auf den mit dem Spitznamen "Daniel" versehenen fast 90 Meter hohen Glockenturm der St. Georgskirche hat er es mit Unterstützung von guten Freunden schon geschafft.

Von einem gläsernen Anbau mit Aufzug oder anderen architektonischen Hilfsmitteln, um auch hier einen Zugang für gehbehinderte Menschen zu ermöglichen, hält Feurich persönlich bei dem Wahrzeichen der Stadt allerdings wenig: "Das ist einfach der Altstadt geschuldet und dem Altstadtcharakter, da würde viel verloren gehen, wenn man das einfach alles behindertengerecht macht."

Nördlingen für Rollstuhlfahrer - "ein bisschen abenteuerlich"

Letzte Etappe der Teststrecke: das Nörderlinger Ries, die Kraterlandschaft um Nördlingen, genauer der Weg zum Lindle-Geotop: "Hier haben wir sehr viel Informationen, aber ich sehe keinen Hinweis, ob es barrierefrei ist. Kommt auf einen Versuch drauf an. Ich probier’s."

Der Weg ist am Anfang flach und eben, wird dann aber für Fritz Feurich zu steil. "Da muss ich umdrehen", stellt er fest. Und so lautet dann auch sein Fazit: Nördlingen und Umgebung seien für gehbehinderte Menschen zwar durchaus eine Reise wert, aber eben auch "ein bisschen abenteuerlich".