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Bakteriophagen: Warum es die Antibiotika-Alternative schwer hat | BR24

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Universitätslabor Stuttgart-Hohenheim.

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Bakteriophagen: Warum es die Antibiotika-Alternative schwer hat

Bakteriophagen sind Viren mit einem Ziel: die Kontrolle über Krankmacher zu gewinnen. Sie können helfen, wo Antibiotika versagen. Doch noch immer haben sie in der EU einen schweren rechtlichen Stand. Die Folge ist Medizintourismus. Eine Spurensuche.

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Maximilian Schmitt aus Würzburg ist einer von jährlich 55.000 Menschen in Deutschland, denen Antibiotika nicht mehr helfen. Stäbchenbakterien sind von den Nasennebenhöhlen in seinen Darm gewandert. Der 19-jährige Schüler musste bereits operiert werden. In seiner Not hat sich Maximilian im Internet schlau gemacht und ist auf eine Alternative gestoßen, die seine Heilung ermöglichen könnte: Bakteriophagen.

Bakteriophagen vernichten Krankheitserreger

Angeblich sind sie regelrechte Keimkiller. Bakteriophagen docken am Krankheitserreger an und spritzen ihre Erbinformation hinein. Das Bakterium produziert nun in seinem Inneren seine eigenen Feinde. Schließlich platzt es und gibt die Bakterienfresser frei. Diese attackieren dann andere Bakterien, bis alle Krankheitserreger vernichtet sind. Sind alle Wirte verschwunden, sind auch die Bakteriophagen weg.

Als Medikament in Deutschland nicht zugelassen

Aber die Sache hat einen entscheidenden Haken: Bakteriophagen sind als Medikament in Deutschland und EU-weit nicht zugelassen. Kaum ein Arzt kenne sie, keine Apotheke habe sie vorrätig, berichtet Maximilian. Er müsse nach Osteuropa, um die Phagen dort in den Apotheken zu besorgen.

In Osteuropa sind Bakteriophagen seit langem im Einsatz

Wenn es um Bakterienbekämpfung geht, ist Europa noch geteilt. Während der Westen voll auf Antibiotika setzt, wird in einigen Ländern Osteuropas bis heute auch mit Bakteriophagen therapiert. Wie in Georgien. Eine Apotheke in der Hauptstadt Tiflis verkauft Bakteriophagen-Cocktails für umgerechnet 5 Euro die Packung.

Weil Bakteriophagen weder Mensch noch Tier schaden sollen, wurden sie zum Beispiel in der ehemaligen Sowjetunion für verwundete Soldaten eingesetzt, vom Durchfall bis zur Brandwunde. Bakteriophagen als günstige Alternative zu Antibiotika: im Westen vergessen. Maximilian Schmitt hat sie für sich entdeckt. Er reist in den Osten, um sich auf gut Glück Bakteriophagen zu beschaffen.

"Tatsächlich hat es geholfen. Zwei der drei Keime in meinem Körper sind verschwunden. Ich muss mich aktuell auf meine Ausbildung konzentrieren. Es ist halt dadurch sehr schwierig, weil es sehr, sehr viel Zeit in Anspruch nimmt." Maximilian Schmitt, 19 Jahre, Schüler aus Würzburg

Ein Keim ist noch da. Maximilians Odyssee geht weiter. Ein finnischer Forscher hat im Internet von Maximilians Fall erfahren, bietet Hilfe an. Wird er den richtigen Keimkiller finden? Banges Warten.

EU-Zulassungsverfahren nur auf Antibiotika eingestellt

Warum wird Patienten wie Maximilian Schmitt in Deutschland nicht geholfen? Phagenforscher kennen die ernüchternde Antwort: Die Zulassungsverfahren in der EU sind nur auf Antibiotika ausgerichtet. Die werden millionenfach produziert, müssen bei allen Menschen immer gleich wirken.

Bakteriophagen dagegen wirken anders. Sie entwickeln sich im Patienten und sind daher ganz individuell einsetzbar. Massentests sind daher bei Bakteriophagen sinnlos. Experten wie der Stuttgarter Mikrobiologe Wolfgang Beyer fordern, dass sich hier das EU-Recht anpassen soll.

"Wir können nicht auf Forschungsergebnisse in vier, fünf Jahren warten, weil Menschen sterben heute und morgen und jeden Tag. Für diese Patienten brauchen wir unmittelbar ein Verfahren für die Zulassung, für die Anwendung von Bakteriophagen, individuell personalisiert bei diesen Patienten. Und dieses personalisierte Anwendungsverfahren ist derzeit in der EU nicht vorhanden. Mit einer Ausnahme - und das ist Belgien." Wolfgang Beyer, Mikrobiologe, Uni Stuttgart-Hohenheim

In Belgien legale Lösung: individuelle Phagencocktails erhältlich

Im Königin-Astrid-Militärhospital in Brüssel hat Patrick Soentjens einen Schlüsseljob. Als Arzt und Offizier überwacht er den gesamten Einsatz von Bakteriophagen: Therapie, Diagnose, Herstellung und Behandlung, alles unter einem Dach.

Belgien hat eine legale Lösung gefunden, durch die Kombination von erlaubten Verfahren mit Einzelfall-Medizin. Produziert werden aktive pharmazeutische Inhaltsstoffe, streng nach EU-Normen. Die bekommt ein Pharmazeut, um ganz individuelle Phagencocktails zu mixen. Je nach Patient unterschiedlich, aber mit streng zertifizierten Zutaten. Ein legaler Trick des Staates, der Patrick Soentjens und seinen belgischen Kollegen Rechtssicherheit bei der Phagentherapie verschafft.

Belgisches Modell als EU-weites Vorbild?

Könnte das belgische Modell auch ein Weckruf für die EU-Kommission sein, die in Brüssel das Thema sogar vor der eigenen Haustür studieren könnte? Europaabgeordnete Karin Kadenbach, Sozialdemokratin und Fachfrau in der Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen, bleibt skeptisch. Ihr geht der belgische Weg noch nicht weit genug. "Wir brauchen hier wirklich eine sehr engagierte Kommission, die in diesen Fragen weiterarbeitet und das schnellstmöglich", lautet daher ihre Erwartung an die neue Kommission.

Eine europaweite Umsetzung wäre eine wichtige Aufgabe für die europäische Gesundheitsbehörde EMA. Und was ist mit Deutschland? Das Bundesgesundheitsministerium äußert sich gegenüber dem BR eher nichtssagend. Die in Belgien praktizierte Therapie sei "dem Bundesministerium bekannt", heißt es. Zehntausenden Patienten hilft das nicht weiter.

Zur Behandlung mit Bakteriophagen ins Ausland

Bei Maximilian Schmitt waren die finnischen Forscher mittlerweile erfolgreich. Doch der Bakteriophagen-Cocktail, der ihn heilen kann, müsste jetzt gekühlt nach Würzburg. Die Bezirksregierung winkt ab. Die Rechtslage gibt einen legalen Import nicht her.

Der 19-jährige muss nun für seine Behandlung wohl nach Helsinki. Medizintourismus statt Rechtssicherheit.