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Wirecard: Chronologie eines Finanzskandals | BR24

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Hinter den Kulissen des Konzerns waren wohl schon jahrelang illegale Aktivitäten im Gange

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    Wirecard: Chronologie eines Finanzskandals

    Seit Monaten versucht ein Untersuchungsausschuss herauszufinden, wie es zu dem Skandal um Wirecard kommen konnte. Der Absturz des einstigen Börsen-Stars hat gleich mehrere Probleme und Versäumnisse offengelegt. Chronologie eines Milliardenbetrugs.

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    Von
    • Margit Siller
    • Wolfram Schrag
    • Peter Althammer
    • Lukas Graw

    Wirecard – dieser Name ist verbunden mit einer Börsenstory, wie sie die Bundesrepublik Deutschland noch nicht gesehen hatte: Innerhalb von zwei Jahrzehnten mauserte sich das Unternehmen von einem kleinen Internet-Startup mit zwielichtigen Geschäftsbeziehungen zu dem wertvollsten Finanztitel im Deutschen Aktienindex DAX. An seinem Börsen-Höhepunkt war Wirecard sogar wertvoller als die Deutsche Bank.

    Doch die Erfolgsgeschichte war zu schön, um wahr zu sein. Schließlich kam heraus, dass angebliche Vermögenswerte in Milliardenhöhe gar nicht existierten. Jetzt ist Wirecard pleite, der Chef sitzt hinter Gittern, sein engster Mitarbeiter ist auf der Flucht. Banken, Geschäftspartner und Anleger haben gewaltige Verluste gemacht. Justiz und Politik versuchen mühsam aufzuarbeiten, wie dieser Milliarden-Schwindel möglich war. Die Chronologie eines gewaltigen Betrugs:

    Fin-Tech aus Deutschland

    2005: Ein Hauch von Silicon Valley weht über dem Münchener Osten, über die Firmenzentrale von Wirecard, einem schlichten Zweckbau im Vorort Aschheim. Ein deutsches Fin-Tech für das digitale Bezahlen. Im Jahr 2005 geht der Zahlungsabwickler an die Börse. Die Firma scheint nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Das vermeintliche Wachstum ist atemberaubend. Bereits der Börsengang ist ungewöhnlich: Wirecard tut sich mit einer anderen Firma zusammen, die schon am Neuen Markt gelistet war; womöglich spart das nicht nur viel Geld, sondern trübt auch den Blick auf die Bilanzen.

    Wirecard verdrängt Commerzbank im DAX

    September 2018: Der Betreiber der Deutschen Börse nimmt Wirecard in den DAX-30 auf. Die Commerzbank, ein Urgestein im Börsenindex fliegt hinaus. Es scheint der Sieg der Fin-Techs über die alten Bankhäuser zu sein. Allerdings hatte es schon vorher kritische Presseberichte vor allem der Financial Times gegeben, und diese häufen sich ab Anfang 2019. Im Visier steht das Geschäft von Wirecard in Singapur. Dort seien Verträge gefälscht worden. Außerdem sei es zu Geldwäsche gekommen. Es gebe zudem Dokumente, dass Führungskräfte in Deutschland von den Machenschaften Kenntnis hätten.

    Sonderprüfung der Finanzaufsicht und von KPMG

    Im Februar 2019 gibt die Finanzaufsicht BaFin eine Sonderprüfung in Auftrag. Dafür zuständig ist ein einziger Mann, der damit hoffnungslos überfordert ist. Und später im Jahr überprüfen die Wirtschaftsprüfer der KPMG den Zahlungsdienstleister. Diese gehen mit forensischen, also kriminalistischen Methoden vor und stoßen auf immer neue Ungereimtheiten. Die konkurrierende Gesellschaft EY hatte die Bilanzen zuvor viele Jahre lang geprüft und testiert.

    Keine Bilanz für 2019

    Anfang 2020: Die Geschichten über dubiose Scheinfirmen, Treuhänder und zwielichtige Mittelsmänner werden von Woche zu Woche haarsträubender. Wirecard muss die Veröffentlichung der Bilanz mehrfach verschieben. Die Bilanzprüfer weigern sich, die Unterlagen zu testieren, wie es in der Fachsprache heißt, also abzuzeichnen, dass die angegebenen Zahlen auch wirklich stimmen. Sie können keine plausiblen Belege dafür finden, dass es Konten in Asien gibt, auf denen fast zwei Milliarden Euro liegen sollten. Anfang Juni wird der Firmensitz in Aschheim von der Staatsanwaltschaft München durchsucht.

    Wirecard stellt Insolvenzantrag

    Am 25. Juni 2020 meldet Wirecard Insolvenz an. Angesichts eines 1,9 Milliarden Euro schweren Lochs in der Bilanz "hat der Vorstand der Wirecard AG entschieden, für die Wirecard AG beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen", teilt das Unternehmen mit. Als Insolvenzverwalter wird Michael Jaffé aus München eingesetzt.

    Festnahmen und Flucht

    Am 22. Juli meldet die Staatsanwaltschaft München mehrere Festnahmen, darunter auch die eines Kronzeugens aus Dubai. Seitdem sitzt der ehemalige Vorstandschef Markus Braun in U-Haft. Zunächst geht es nur um den Vorwurf der Marktmanipulation. Nun spricht Oberstaatsanwältin Anne Leiding auch von möglicher Bilanzfälschung, Untreue und Betrug. Wichtige Geschäftszahlen wurden jahrelang geschönt, Umsätze und Gewinne aufgebläht, um an neue Kredite zu kommen. Der verschachtelte Konzern bestand aus mehr als 50 Tochtergesellschaften. Der ehemalige Vorstand für das operative Geschäft (COO), Jan Marsalek, taucht derweil unter. Bereits zum 22. Juni erlässt die Staatsanwaltschaft München I Haftbefehl gegen Marsalek, der jedoch nicht vollzogen werden kann. Ab 12. August wird er weltweit zur Fahndung ausgeschrieben, bleibt aber verschwunden. Zunächst wird vermutet, dass er nach Russland geflohen ist. Später heißt es, seine Spur habe sich in Belarus verloren.

    Bundestag befragt Fachminister

    Am 29. Juli erreicht die Wirecard-Pleite den Bundestag. Die Mitglieder des Finanzausschusses werden aus dem Sommerurlaub zurückgerufen. Sie befragen insgesamt siebeneinhalb Stunden Finanzminister Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und den Präsidenten der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR). Es wird klar, dass es sich bei Wirecard um einen der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte handelt. Der Finanzdienstleister sei ein Scheinriese gewesen, der niemals in den Kreis des DAX hätte aufgenommen werden dürfen, sagt CSU-Politiker Hans Michelbach nach einer weiteren zweitägigen Sitzung des Ausschusses am 4. September. Die Opposition setzt einen Untersuchungsausschuss durch.

    Wirecard fliegt aus dem DAX

    21. August: Wirecard verlässt den DAX. Angesichts der Insolvenz muss die Deutsche Börse hektisch ihr Regelwerk ändern. Mit der Pleite eines DAX-Unternehmens hatte niemand gerechnet. Nun sollen insolvente Unternehmen mit einer Frist von zwei Handelstagen aus den Indizes verschwinden. Derweil lässt Insolvenzverwalter Michael Jaffé keinen Zweifel: Wirecard ist mit Milliarden überschuldet, die zahlungsunfähige Holding ist nicht überlebensfähig. Lediglich für einzelne Unternehmensteile in verschiedenen Ländern gibt es Interessenten. Zu verwerten gibt es kaum etwas. Von der Büroausstattung bis zur IT war bei Wirecard so ziemlich alles geleast. Die Banken müssen ihre Kredite abschreiben.

    Untersuchungsausschuss nimmt Arbeit auf

    08. Oktober: Im Deutschen Bundestag beginnt ein Untersuchungsausschuss mit der politischen Aufarbeitung des Wirecard-Skandals. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob das Bundesfinanzministerium mit seinen untergeordneten Behörden bei Wirecard versagt hat. Die Europäische Aufsichtsbehörde für Wertpapiere und Finanzmärkte legt am 03. November einen Bericht vor, in dem das deutsche System der Finanzaufsicht hart kritisiert wird. Es seien eine Reihe von Mängeln, Ineffizienzen sowie rechtliche und verfahrenstechnische Hindernisse festgestellt worden, heißt es darin.

    Am 19. November hört der Untersuchungsausschuss mehrere ehemalige Führungskräfte von Wirecard. Der frühere Chef Markus Braun verweigert wie seine einstigen Mitarbeiter zu fast allen Fragen die Aussage. Eine ehemalige Aufsichtsrätin erhebt allerdings schwere Vorwürfe gegen das frühere Management. Am 26. November werden dann die damaligen Wirecard-Bilanzprüfer von EY und die Sonderprüfer von KPMG befragt. Nach Darstellung von Ausschussmitgliedern machen die EY-Vertreter dabei keinen guten Eindruck.

    Gläubiger melden Forderungen an

    18. November: Im Münchner Löwenbräukeller kommen die Gläubiger der Wirecard AG zusammen, um ihre Forderungen anzumelden. Neben geschädigten Banken, Investoren und Geschäftspartnern melden auch viele Aktionäre Ansprüche an. Die Forderungen der gut 11.500 Gläubigern summieren sich bisher auf mehr als 12,4 Milliarden Euro. Es gilt als ausgeschlossen, dass der Insolvenzverwalter die verlorenen Milliarden insgesamt oder zu großen Teilen zurückholen kann. Auch werden weitere Forderungen gegen mehrere Tochtergesellschaften geltend gemacht.

    Gegen die früheren Bilanzprüfer von Wirecard, die Beratungs- und Prüfungsgesellschaft EY, gehen mittlerweile ebenfalls zahlreiche Klagen ein. Wirecard-Geschädigte werfen den Prüfern vor, dass sie nicht gegen die Bilanzfälschungen bei Wirecard eingeschritten seien, obwohl sie diese hätten erkennen müssen. Diese Verfahren können sich erfahrungsgemäß sehr viele Jahre hinziehen.

    Rücktritte bei Aufsehern und Wirtschaftsprüfern

    29. Januar 2021: Nach Gesprächen zwischen dem Bundesfinanzministerium und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, wie die Bafin in vollem Namen heißt, verkünden die beiden Institutionen, dass Felix Hufeld, der bisherige Chef der Bafin seinen Hut nehmen muss. Man sei übereingekommen, dass für einen Neuanfang nicht nur organisatorische, sondern auch personelle Veränderungen nötig seien. Auch Vizepräsidentin Elisabeth Roegele gibt ihren Posten ab. Alle Beteiligten betonen, dass es sich dabei um einvernehmliche Entscheidungen gehandelt habe.

    Doch nicht nur bei der Bafin werden Posten geräumt. Auch der Deutschland-Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY muss gehen, entscheidet die Konzernspitze Ende Februar.

    Wer ist Jan Marsalek?

    16. März: Unterdessen kommen immer mehr dubiose Informationen über den untergetauchten Marsalek ans Tageslicht. Gerüchte über Geheimdienstverstrickungen werden konkreter. Recherchen scheinen zu belegen, dass er mit Mitarbeitern russischer Sicherheitskreise, sowie österreichischen Geheimdienstmitarbeitern regelmäßig Kontakt hatte. Außerdem soll er an Firmen beteiligt gewesen sein, die Geschäfte etwa in Libyen gemacht haben. Deutsche Nachrichtendienste verweigern zu diesem Thema jegliche Aussage.

    Bafin bekommt mehr Personal

    18. April: Eine weitere Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal: Die Bafin bekommt 155 neue Stellen. Damit reagiert die Bafin auf die Vorwürfe, die Behörde sei zu klein, um ihren Job fehlerfrei machen zu können. Die Aufstockung beschließt der Haushaltsausschuss nach Informationen des Handelsblatts einstimmig, am 30. April soll der Verwaltungsrat die Entscheidung endgültig treffen.

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