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Auf dem Weg zur Ryanair 2.0 | BR24

© pa/dpa/Frank Kleefeldt

Auf dem Weg zur Ryanair 2.0

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    Auf dem Weg zur Ryanair 2.0

    Heute vor 20 Jahren landete erstmals ein Flugzeug der irischen Fluggesellschaft Ryanair auf dem ehemaligen Militärflugplatz Frankfurt-Hahn. Es war der Beginn einer neuen Ära im Luftverkehr. Jetzt will Ryanair ein "Amazon der Reisebranche" werden.

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    Deutschland sei reif für eine Niedrigpreis-Fluggesellschaft, hatte der damalige Ryanair-Finanzchef Michael Cawley im Jahr 1998 erzählt. In Deutschland gebe es Bedarf an preisgünstigen Flügen: "Die Auffassung, Deutschland sei reich, ist fehl am Platz", wusste Cawley. Es gebe viele Gebiete mit hoher Arbeitslosigkeit, es gebe Ostdeutschland. "Es gibt 90 Millionen Menschen, die sehr kritische Verbraucher sind."

    Am 22. April 1999 startete die irische Fluggesellschaft vom Flughafen Hahn im Hunsrück die Verbindung nach London-Stansted. Dreimal täglich konnte man von dort nach England fliegen. Allein 300.000 Passagiere transportierte das Unternehmen vom Hunsrück in die Gegend von London in den ersten anderthalb Jahren.

    💡 Der europäische Luftverkehrsbinnenmarkt

    Seit der Liberalisierung des europäischen Luftverkehrs in den 90er Jahren ist es möglich, dass Fluggesellschaften mit Sitz in der EU beliebige Routen innerhalb der gesamten EU fliegen dürfen: Es entstand der europäische Luftverkehrsbinnenmarkt. Zuvor war die kommerzielle Fliegerei quasi eine nationale Angelegenheit. Mit dem dritten Liberalisierungspaket, das 1992 von der EU verabschiedet wurde, schaffte man alle noch bestehenden Geschäftseinschränkungen für europäische Luftfahrtunternehmen ab, die innerhalb der EU tätig waren. Wichtige Voraussetzung: Mitgliedstaaten beziehungsweise Staatsangehörige von Mitgliedstaaten müssen Eigentümer des Unternehmens sein und es tatsächlich kontrollieren. Der Hauptgeschäftssitz des Unternehmens muss sich in einem der Mitgliedstaaten befinden.

    Denn eine pfiffige Erfindung namens Internet wurde damals immer bekannter und begann sich durchzusetzen. Im Herbst 2000 wickelte Ryanair bereits zwei Drittel aller Buchungen über die firmeneigene Website ab. Das war für Ryanair ein wichtiger Faktor bei der Preisgestaltung, denn so konnten die Provisionen für Reisebüros und die Gebühren für Buchungssysteme umgangen werden. Auf den damals durchaus noch üblichen relativen Komfort von Flugreisen mussten die Gäste ohnehin verzichten. Es kümmerte sie nicht, weil der Preis stimmte.

    Der ruinöse Preiskampf hinterlässt Spuren

    Die folgenden 20 Jahre sind eine einzigartige Erfolgsgeschichte für das Konzept Billigflug und für Ryanair: Heute wissen wir, dass alle Welt so billig wie möglich fliegen möchte - und sie tut es ausgiebig. Die Billigflieger haben die Preise insgesamt abstürzen lassen. Ryanair begann im Jahr 1985 mit einer Turboprop-Maschine mit 15 Sitzen und wuchs zu einem Milliardenunternehmen. Im Jahr 2000 verfügte Ryanair über 31 Flugzeuge und flog 43 Routen in Europa.

    Heute verfügt die Flotte über mehr als 400 Flugzeuge, fliegt mehr als 2.000 Mal am Tag, operiert von 215 Flughäfen aus und fliegt über 1.800 Routen. Pro Tag werden rund 350.000 Menschen herumtransportiert. Allerdings scheint sich der ruinöse Preiskampf der Fluggesellschaften, der bereits zu einer ganzen Reihe von Pleiten geführt hat, auch auf Ryanair auszuwirken.

    Im abgelaufenen dritten Quartal reichte es nur noch für einen Verlust von 20 Millionen bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Trotz oder wegen der derzeit "rekordniedrigen Preise", über die Ryanair-Boss Michael O’Leary jubelt? Ryanair musste wiederholt die Gewinnprognose senken, aktuell geht der Billigflieger von einem bereinigten Gewinn zwischen 1,0 und 1,1 Milliarden Euro im Gesamtjahr aus.

    Das neue Ziel: "Das Amazon der Reisen" werden

    Tatsächlich sind die Preise absurd niedrig. Über die Ostertage wirbt Ryanair beispielsweise mit einem Grundpreis von 4,99 Euro für einen Flug von Hahn nach Marrakesch. Dafür gibt es einen Sitzplatz, mit allen möglichen Zusatzkosten und Gebühren. Die ökologischen Belastungen der Flugreisen, die von der Allgemeinheit zu tragen sind, werden nicht einbezogen. Kritische Verbraucher, von denen Cawley seinerzeit sprach, sind vor allem preiskritische Konsumenten.

    Weitere Kursinformationen zu Ryanair

    Das Management reagiert auf den ökonomischen Druck in der Branche, indem es vermehrt sogenannte ergänzende Leistungen für die Kunden anbietet. Und dieses Segment bereitet O'Leary und seiner Mannschaft Freude: Der Umsatz im Bereich "Ancillary" wuchs im ersten Halbjahr um 27 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Das ist bereits rund ein Drittel des Gesamtumsatzes.

    Die Ryanair-Erfahrung verbessern

    Unter "Ancillary" versteht Ryanair Dinge wie das Priority Boarding, aber vor allem auch Produkte wie das Vermieten von Autos, von Hotelzimmern, den Verkauf von Gesamtreisen zu Fußballspielen oder von Reiseversicherungen. Man möchte das "Amazon of Travel" werden, kündigte der Chief Marketing Officer Kenny Jacobs an.

    Und was braucht man, um so erfolgreich zu werden wie Amazon? Auf jeden Fall eine konsequente Auswertung der Kundendaten, um die Verbraucher personalisiert, gezielt und effektiv anzusprechen. Deshalb schloss Ryanair mit dem irischen Datenanalyse-Spezialisten Boxever in diesen Tagen einen Fünfjahresvertrag.

    In Sachen Fliegerei gibt es ebenfalls Neuigkeiten: Die 2017 gegründete polnische Tochtergesellschaft Ryanair Sun wird im Herbst in Buzz umbenannt. Buzz bekommt einen eigenen Webauftritt und eine eigene App. Michał Kaczmarzyk, der Chef von Ryanair Sun, kündigte "ein neues und einzigartiges Branding" an.

    Die Ryanair-Holding wird dann aus vier Airlines bestehen: Ryanair DAC in Irland, Ryanair UK in Großbritannien, Laudamotion in Österreich und Buzz in Polen. Ist das erst der Anfang? Ryanair habe eine neue Strategie, wie Marketingchef Jacobs der "Wirtschaftswoche" verriet.

    Weitere Fluglinien in Europa sollen übernommen werden, so sei das Markenwachstum "schneller und billiger" zu erreichen. Lokale Eigenheiten der Airlines und die Marke werden erhalten bleiben, lautet der Plan. Pleite- und Übernahmekandidaten gibt es unter den Fluggesellschaften genug - nicht zuletzt dank Ryanair.