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Eine „Familie“ zerbricht: Aschheim und die Wirecard-Pleite

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    Eine "Familie" zerbricht: Aschheim und die Wirecard-Pleite

    Der atemberaubende Aufstieg des Online-Zahlungsdienstleisters Wirecard hat Aschheim weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Die Insolvenz des Dax-Konzerns hinterlässt Spuren in der Gemeinde östlich von München.

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    Von
    • Philipp Grüll
    • Arne Meyer-Fünffinger

    „Mein Aschheim, mein Heimatort. Wie bist du so schön. Im Herzen Europas als Partner wir stehen“, so lautet eine Textzeile der Hymne, die eigens für die Gemeinde östlich von München komponiert wurde.

    Wirecard-Kollaps: „wie ein Fall in ein großes schwarzes Loch“

    Hier schlug das Herz des international Zahlungsdienstleisters Wirecard. Von hier aus steuerte der Konzern ein weltweites Netz von Dutzenden Firmen und machte einen Milliardenumsatz. Die Gemeinde Aschheim mit rund 10.000 Einwohnern hat jahrelang davon profitiert. Dann, am 25. Juni, für viele Aschheimer völlig unerwartet: Die Insolvenz von Wirecard.

    • "Die Story im Ersten: Der Fall Wirecard", heute Abend um 22.50 Uhr im Ersten

    Eugen Stubenvoll, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Gemeinderat von Aschheim, ist einer der wenigen Lokalpolitiker aus dem Rathaus, der zu einem Gespräch über den Wirecard-Kollaps bereit ist. „Schockwellen“ seien durch die Ortschaft gegangen, sagt er: „Wirecard war für uns ein großer Aufstieg und dann mit der Affäre wie ein Fall in ein großes schwarzes Loch.“

    Wirecard-Mitarbeiter sprechen von „zweiter Familie“

    Ein Schock ist die Pleite auch für die Mitarbeiter des Unternehmens. Mehr als 6.000 sind es weltweit in der Spitze, in Deutschland rund 1900. Inzwischen zählt der Insolvenzverwalter in der Aschheimer Zentrale nur noch 350 Beschäftigte. Melanie H., die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, hat seit 2003 für das Unternehmen gearbeitet, das für sie „wie meine zweite Familie“ gewesen ist. Viele Mitarbeiter, mit denen BR-Reporter im Zuge der Recherche sprechen, erwähnen das gute Betriebsklima, darunter Ulrike Mears.

    Sie berichtet von Geschenken, die es stets zum Geburtstag gegeben habe, von „sehr schönen“ Sommer- und Winterfesten. Gemeinsam geht die Belegschaft zum Beispiel auf Orientierungsspaziergänge oder in Klettergärten. Und: Weil Wirecard wächst, werden die Partys im Laufe der Jahre immer größer. Meist mittendrin: Vorstandschef Markus Braun, der immer wieder höhere Ziele formuliert. „Also von Anfang kam es einem schon ein bisschen größenwahnsinnig vor“, erinnert sich Ulrike Mears rückblickend.

    „Ich würde Braun und Marsalek fragen: Warum?“

    Die Belegschaft hat die Insolvenz „wirklich kalt erwischt“, berichtet Melanie H. In der Folge hat sie nach 17 Jahren im Unternehmen im August die Kündigung bekommen. Noch immer fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen. Angesprochen auf die, die mutmaßlich die Hauptverantwortung für den Kollaps des Konzerns tragen, auf Firmenchef Markus Braun und Vorstandsmitglied Jan Marsalek, bricht ihr die Stimme.

    „Also, wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich tatsächlich die Frage stellen: Warum? Ich würde gern die Wahrheit wissen wollen, einfach nur, weil sie mir zusteht. Nach der Zeit und nach dem Herzblut für die Wirecard.“

    Markus Braun weist nach Angaben seines Anwalts jede Schuld von sich, Marsaleks Rechtsvertreter will sich momentan nicht äußern. Sie verweisen auf die Unschuldsvermutung.

    „Kein Kommentar“ zu Folgen für die Steuereinnahmen der Gemeinde

    Die Firmenzentrale des früheren DAX-Konzerns, auf den die lokale Politik lange mit Erstaunen und Stolz geblickt hat, liegt im Ortsteil Dornach, am Einsteinring. Dem Physiker-Genie wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“ Bei Wirecard haben offensichtlich Fantasie-Zahlen dazu geführt, dass die Gemeinde jetzt vor mehreren Problemen und Fragezeichen steht.

    Was bedeutet der Kollaps des Unternehmens zum Beispiel für die Steuereinnahmen? Im Jahresrückblick 2019/2020, den die Gemeinde auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, steht dazu wenig: „Wegen des Steuergeheimnisses in Deutschland darf die Gemeinde auch keine Kommentare zu finanziellen Folgen abgeben.“

    Fragezeichen gibt es auch an anderer Stelle: Wirecard wollte sich in Aschheim vergrößern, eine neue, sehr viel größere Firmenzentale ist gerade in Bau. „Es ist derzeit völlig offen, wie es mit den Gebäuden und dem Parkhaus weitergeht. Die Gemeinde Aschheim kann derzeit nicht wirklich viel mehr tun als abzuwarten“, so die knappe Auskunft im Jahresrückblick. Gemeinderat Stubenvoll lässt durchblicken, dass die Lokalpolitik in den vergangenen Jahren auf Wirecard zugegangen ist und Zugeständnisse gemacht hat, um den Konzern in Aschheim zu halten: „Ob das jetzt die Baulichkeiten sind oder Zufahrten. Dass Teile davon umsonst finanziert wurden, ist die missliche Folge“, sagt Stubenvoll.

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