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In Corona-Zeiten meiden viele Menschen Orte mit einem hohen Ansteckungsrisiko. Dazu zählt ein volles Wartezimmer beim Arzt. Die Telemedizin boomt - Arztkontakte per Videoanruf. Doch wie hilfreich sind diese Online-Angebote?

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Arzt im Netz: Was taugt Telemedizin?

Patientendaten auf der Gesundheitskarte, Rezepte per E-Mail und Arztgespräche per Video-Schalte – was bringen diese Angebote? Die Redaktion mehr/wert nimmt Tele-Monitoring, Videosprechstunde, E-Rezept, E-Patientenakte und Datenschutz unter die Lupe.

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Von
  • Reinhard Weber
  • Johannes Thürmer

Diabetespatient Sezer Durgun trägt auf dem Oberarm eine Art Pflaster. Von diesem aus führt ein Sensor fünf Millimeter tief in die Haut und misst kontinuierlich die Glukosewerte. Das Besondere: Durgun kann seine Werte einfach mit seinem Arzt teilen, indem er mit dem Handy über den Sensor fährt und die Daten in eine App überträgt. Das sei wesentlich besser als früher, als man sich pieksen musste und zum Arzt, der ganze Weg und der Aufwand, sagt Durgun.

Engmaschigere Verlaufskontrolle möglich

Sein Hausarzt Siegfried Jedamzik kann die Glukosewerte seines Patienten direkt auf dem Computer abrufen. Das macht er zweimal in der Woche und hat so einen guten Einblick in den Diabetes-Verlauf. Noch sind solche Telemedizin-Anwendungen Pilotprojekte, die die Ärzte direkt mit den beteiligten Krankenkassen verrechnen. Nur bei Herzpatienten trägt die Kasse bereits regulär die Kosten.

"Einer der größten Vorteile ist, dass ich im Tagesverlauf mehrere Werte habe. Normalerweise kommt der Patient alle 14 Tage oder alle drei Wochen. Da haben wir dann den Akutwert. Aber so sehe ich zum Beispiel bei Patienten, die schwer einstellbar sind, wo sie liegen und kann sofort reagieren. Das ist ein großer Vorteil." Mediziner Siegfried Jedamzik

Videosprechstunde statt Arztbesuch

Online-Sprechstunden sind bereits etabliert und für alle Indikationen zugelassen – als freiwilliges Angebot. Prinzipiell kann jeder Arzt eine Online-Sprechstunde anbieten, er muss sich dafür allerdings bei der Kassenärztlichen Vereinigung anmelden. Mittels Bildsoftware verbindet sich der Arzt über das Internet mit seinem Patienten und bespricht zum Beispiel dessen Blutwerte. Die Patienten können hierbei überall sein: Zuhause, im Job, im Freien. Und in Zeiten von Corona setzen sie sich keinem unnötigen Ansteckungsrisiko aus. Über das Handy gehe es optimal, weil er sehr viel unterwegs sei, meint Durgun.

Voraussetzungen für die Videosprechstunde

Die Verbindung muss von Ende-zu-Ende verschlüsselt sein, Inhalte dürfen nicht gespeichert werden. Die Videodienstanbieter dürfen außerdem nur Server in der EU nutzen und müssen Datenschutz-Zertifikate von unabhängigen Prüfzentren vorlegen. Dann wird das Verfahren von der Kassenärztlichen Vereinigung freigegeben. Er sehe momentan bei der Video-Sprechstunde kaum Grenzen, sagt Hausarzt Jedamzik. Und er habe zu jeder Tageszeit, oder sogar in der Nacht, beim Notdienst, die Möglichkeit, direkt mit dem Patienten zu kommunizieren.

Videosprechstunden nehmen deutlich zu

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) hat im vergangenen Jahr eine enorme Steigerung der Videosprechstunden registriert - gerade wegen Corona. Die Videosprechstunde sei von den Zahlen deutlich nach oben gegangen. Da habe man jetzt über 6.000 genehmigt. Das seien Anfang letzten Jahres keine Hundert gewesen, berichtet Wolfgang Krombholz von der KVB.

E-Rezept statt rosa Zettel

Statt des herkömmlichen rosa Zettels kann der Mediziner Jedamzik nun ein elektronisches Rezept erstellen und als sogenannten QR-Code versenden. Darin ist auch die Medikation festgehalten. Der Patient geht mit dem Code im Handy zur Apotheke, der Apotheker erhält die Erlaubnis zum Zugriff, und auf seinem Bildschirm erscheint das bekannte rosa Rezept – nur eben elektronisch.

Noch ist das E-Rezept ein Pilotprojekt

Beteiligt sind Techniker Krankenkasse, DAK, Barmer und seit kurzem auch die AOK Bayern. Ab 1. Januar 2022 gilt das elektronische Rezept dann gesetzlich verpflichtend. Zusätzlich zur App soll es übergangsweise auch auf der Gesundheitskarte gespeichert werden können – für Menschen ohne Smartphone. In Bayern sind bislang rund 230 Apotheken an das E-Rezept-System angeschlossen, zudem auch einige Versandapotheken.

Elektronische Patientenakte gestartet

Seit 1. Januar müssen Krankenkassen verpflichtend die sogenannte elektronische Patientenakte – kurz: ePA – anbieten. Die ePA wird auf der Gesundheitskarte gespeichert. Sie kann zum Beispiel Arztberichte, Röntgenbilder oder Medikationspläne enthalten. Das Ganze ist für Patienten freiwillig. Bei der KVB sieht man die ePA allerdings kritisch und weist auf massive technische Probleme hin. Wenn die Daten sicher wären, wäre das gut. Aber das sei nicht der Fall. Da habe man genügend Beweise dafür, sagt Krombholz. Deswegen sei man kritisch im Hinblick auf die ePA. Gute Ideen, gute Gedanken, aber im Augenblick nicht so verlässlich, dass man das empfehlen könne.

Handlungsbedarf beim Datenschutz

Der bayerische Patientenbeauftragte Peter Bauer sieht in etlichen Bereichen der Telemedizin den Schutz der Patientendaten nicht gewährleistet. Der Chaos Computer Club habe ihnen das im letzten Jahr ganz deutlich gezeigt. Innerhalb von ein paar Minuten hätten diese Spezialisten die sicheren Verbindungen geknackt. "Da müsse man noch einiges tun, einiges verbessern."

Fazit der Redaktion mehr/wert

In Sachen Telemedizin gibt es vielversprechende Ansätze – und Corona hat die Digitalisierung weiter beschleunigt. Allerdings liegt bei der Datensicherheit einiges im Argen. Und immer noch ist es vielen Patienten lieber, wenn sie ihren Arzt besuchen können – oder er sogar zu ihnen nach Hause kommt.

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