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Armes Deutschland: Jugendliche im sozialen Abseits | BR24

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Chancenlos in Deutschland - mehr als ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen ist von Armut betroffen. Corona hat das Problem verschärft.

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Armes Deutschland: Jugendliche im sozialen Abseits

Ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen ist von Armut betroffen. Fehlende Perspektiven verschärfen das Problem. Chancen für junge Leute bietet etwa die "Junge Arbeit", eine Sozialeinrichtung der Diakonie. Doch die muss auch finanziert werden.

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Von
  • Antonia Böhm

Im Jahr 2018 waren in Deutschland rund 16 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet – mehr als 13 Millionen Menschen. Als arm gilt, wer monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2018 lag diese Schwelle bei Alleinlebenden bei etwa 1.100 Euro im Monat. Bei einer Familie mit zwei Kindern bei weniger als 2.300 Euro. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Mindestens jedes fünfte Kind in Deutschland ist arm oder von Armut bedroht. Das sind 2,8 Millionen Kinder.

Auf der Straße statt in der Schule

Karol Czuba lebt in Milbertshofen, einem Stadtteil von München. Mit acht Jahren war der heute 19-Jährige von Polen nach München gezogen. Die meiste Zeit verbrachte er auf der Straße – mit seinen Freunden. Immer wieder musste Karol Czuba die Schule wechseln, schaffte schließlich den Hauptschulabschluss. Er begann eine Ausbildung als Dachdecker, doch in der Probezeit wurde ihm gekündigt. Dann kam erst einmal lange nichts.

"Ohne Beschäftigung kommt man auf dumme Gedanken"

"Ich hatte keine Beschäftigung, hatte keine Struktur im Alltag", erzählt Karol Czuba. "Ich bin nach Hause gekommen, wann ich wollte, war die ganze Zeit auf der Straße unterwegs. Wenn man keine Beschäftigung hat, kommt man halt auf dumme Gedanken, baut Scheiße." Zu Hause gab es deswegen immer wieder Konflikte. Karol Czuba wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Familie hatte kaum Geld.

"Armut und schwierige soziale Verhältnisse bewirken, dass junge Leute immer mehr ins Abseits geraten und keinen guten Anschluss bekommen. Sie fühlen sich dadurch auch selbst immer mehr ausgegrenzt. Manche Leute sprechen von einer verlorenen Generation. Ich würde nicht so weit gehen, weil wir es in der Hand haben, dass genau das nicht eintritt." Klaus Umbach, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Bayern

Dabei können unkomplizierte Hilfsangebote schon in der Schule beginnen. So wie die Berufseinstiegsbegleitung im Jugendsozialwerk Landshut. Dort werden diejenigen unterstützt, die sonst durch das Raster fallen. So wie der 18-Jährige Endrit Selimi. Mit Hilfe seiner Begleiterin hat er im zweiten Anlauf den Mittelschulabschluss geschafft und inzwischen auch einen Job gefunden.

Jugendsozialwerk Landshut

"Bei vielen zum Beispiel geben Eltern Unterstützung. Aber bei manchen können die Eltern nicht Unterstützung geben", sagt Endrit Selimi. "Viele kennen sich nicht aus mit Bewerbung schreiben oder wie man sich im Bewerbungsgespräch verhält. Und deswegen finde ich es wirklich ganz wichtig." Durch das Jugendsozialwerk in Landshut hat der 18-Jährige den Sprung ins Arbeitsleben geschafft.

Sozialeinrichtung "Junge Arbeit" der Diakonie

Auch Karol Czuba hat einen Weg aus dem sozialen Abseits gefunden. Er macht eine Ausbildung als Maler und Lackierer in der "Jungen Arbeit", einer Sozialeinrichtung der Diakonie Hasenbergl in München. Die Arbeit macht ihm Spaß. "Ich lerne jeden Tag dazu und ich bin dankbar, dass ich hier sein kann", sagt Karol Czuba.

Ausbildung als letzte Chance

Die Ausbildung hat wieder Struktur in seinen Alltag gebracht. Regelmäßig früh aufstehen, in die Arbeit gehen, Verantwortung übernehmen, verlässlich sein – immer unterstützt und begleitet von den Mitarbeitern der Jugendhilfe. Karol Czuba möchte diese Chance unbedingt wahrnehmen: "Ich werde mein Bestes geben, dass ich hier die Ausbildung abschließen kann, erfolgreich abschließen werde. Ich sehe es wirklich als letzte Chance an."

Struktur und Ziele im Leben helfen

Karol Czuba hat den Absprung geschafft. Seine Freunde sind stolz auf ihn, ermuntern ihn, dranzubleiben. Sich für ein geregeltes Arbeitsleben zu entscheiden fiel ihm nicht schwer. Auf Dauer mache alles andere nicht glücklich. "Man braucht Struktur im Leben, muss sich Ziele setzen", erklärt er und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Er will die Chance nutzen, bald auf eigenen Beinen zu stehen.

Durch Ausbildung Selbstbewusstsein und Kraft tanken

Ähnlich geht es Thimo Iwanov. Er hat in der Jugendwerksatt "Junge Arbeit" Selbstbewusstsein getankt. Die Ausbildung zum Medientechnologen für Siebdruck schließt er im September ab. Vor der Ausbildung wusste er nichts mit sich anzufangen. In der Schule war er gemobbt worden, hatte Depressionen, wurde zu Hause mehrmals rausgeworfen. "Das ist das, was einem auch Kraft gibt, dass man hier herkommen kann und man wird verstanden. Man wird genommen, wie man ist, und damit wird gearbeitet und man guckt, dass man den für sich persönlich besten Weg wählt", beschreibt es Thimo Iwanov.

Hilfsangebote brauchen Finanzierung

Thimo Iwanov, Karol Czuba und Endrit Selimi haben Unterstützung bekommen. Viele andere brauchen sie noch. Was aber, wenn dringend benötigte Hilfsangebote wegen der Corona-Pandemie oder aus finanziellen Gründen wegbrechen?

Zukunft der Förderung ist ungewiss

Die Berufseinstiegsbegleitung etwa steht kurz vor dem Aus, weil notwendige EU-Gelder aus dem europäischen Sozialfonds fehlen – und damit auch die Co-Finanzierung durch den Freistaat. Die Zukunft von jährlich rund 3.500 förderungsbedürftigen Jugendlichen in Bayern ist damit ungewiss. Für Klaus Umbach ein unhaltbarer Zustand.

"Wenn diese Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten wegfallen, ist die Gefahr, dass junge Menschen auf der Strecke bleiben. Dass sie die Hilfestellung, die sie benötigen, nicht bekommen, Ausbildungen abbrechen oder gar keine adäquate Ausbildungsstelle finden." Klaus Umbach, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Bayern

Durch die Corona-Pandemie hat sich die wirtschaftliche Situation für Kinder und Jugendliche in prekären Verhältnissen weiter verschärft. Deutlich sichtbar wird das an der dramatischen Zunahme von langfristig arbeitslosen jungen Menschen. Deren Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.

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