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Arbeitsmarkt: Bessere Berufschancen für Autisten | BR24

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In Deutschland leben 800.000 Menschen mit Autismus. Betroffene tun sich schwer, Gefühle und Stimmungen anderer einzuschätzen. Das Sozialverhalten leidet darunter. Trotz großer Stärken sind viele arbeitslos. Doch es geht auch anders.

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Arbeitsmarkt: Bessere Berufschancen für Autisten

In Deutschland leben 800.000 Menschen mit Autismus. Betroffene tun sich schwer, Gefühle und Stimmungen anderer einzuschätzen. Das Sozialverhalten leidet darunter. Trotz großer Stärken sind viele arbeitslos. Doch es geht auch anders.

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Die Gabelstaplerprüfung: eine Herausforderung für Fabian Achatz. Er macht gerade in München eine Ausbildung zur Logistkfachkraft. Der 20-Jährige hat lange keine Lehrstelle gefunden und, als es dann endlich geklappt hat, sein Handicap erst einmal verheimlicht. Doch das ging nicht lange gut.

"Wo die es herausgefunden haben, dass ich halt Autismus hab', haben die mich zwei Tage später gleich gekündigt. Am Wochenende hab' ich es mitbekommen. Dass ich gekündigt wurde, war erstmal ein kleiner Schock für mich. Ist doch kein Grund, mich nicht einzustellen deswegen." Fabian Achatz, Auszubildender

Fast 90 Prozent aller Autisten finden keinen Zugang in den regulären Arbeitsmarkt. Fabian Achatz wäre es fast genauso ergangen. Doch mittlerweile sieht es besser für ihn aus.

Integrationsprojekt fördert individuelle Stärken

Fabian Achatz unterstützt heute sein Berufsförderzentrum mit einem Integrationsprojekt, das jugendliche Menschen mit Autismus fit für den Beruf machen soll. Nach drei Jahren Ausbildung können die Teilnehmenden die IHK-Prüfung zum Logistiker absolvieren. Das Projekt setzt dabei gezielt auf ihre individuellen Stärken.

"Beim Fabian ist es so, dass er sehr gut mit Zahlen umgehen kann. Autismus ist ja auch ein Spektrum, das sehr groß ist, man muss viel Geduld mitbringen. Aber sobald das Vertrauen da ist - ganz normale Kollegen." Christian Moll, Ausbilder für Lagerlogistik

Auch zum Fachinformatiker werden Autisten ausgebildet - finanziell gefördert von der Bundesarbeitsagentur und der EU. Die Projektleiterin Ingrid Berger hat in den letzten zwanzig Jahren schon viele Autisten auf dem ersten Arbeitsmarkt untergebracht.

"Die Übernahmequote ist relativ gut. Gemessen an dem, was junge Leute mit Schwerbehinderung am Arbeitsmarkt für Chancen haben, sind die Chancen unserer Leute recht gut. Circa 70 Prozent, 75, 80, je nach dem." Ingrid Berger, Integrationszentrum "MAut"

Durchstarten in der IT-Branche

Auch bei Auticon hat man keine Berührungsängste. Der IT-Dienstleister setzt ausschließlich Autisten als IT-Berater ein, laut Firmenangaben handelt es sich um weltweit 170 Beschäftigte mit dem Handicap. Michael Opitz aus München ist einer von ihnen. Sein Informatikstudium brach der 28-Jährige im sechsten Semester ab. Sein Aufgabengebiet als IT-Berater bei Auticon: Fehler in der Software börsennotierter Unternehmen aufspüren.

"Die Leute hier, ich habe den Eindruck, sie wollen, dass ich hier arbeite. Es ist nicht so, dass ich angestellt wurde, wie ein Autist, um irgendwelche Quoten zu erfüllen. Sondern ich als Person wurde wertgeschätzt. Meine Fähigkeiten, was Programmieren betrifft, Softwareentwicklung, generell Umgang mit Computern, wurden angesehen und gelobt von den Mitarbeitern hier bei Auticon." Michael Opitz, IT-Berater bei Auticon

In der Firma ist immer ein Jobcoach mit im Team. Ramona Öller unterstützt Michael Opitz firmenintern wie auch nach außen. So sorgt sie auch für Verständnis bei Kunden, falls einmal Probleme auftauchen.

"Wir sprechen das ganz explizit an, was schwierig ist, welche Situationen wir in den Griff bekommen müssen. Und durch diese Offenheit und durch diese Erklärung funktioniert das sehr gut." Ramona Öller, Jobcoach bei Auticon

Mehr Selbstbewusstsein durch sinnvolle Arbeit

Auticon bekommt Fördermittel vom Arbeitsamt. Zu 90 Prozent muss sich das Unternehmen aber auf dem freien Markt durchsetzen. Michael Opitz hat große Fortschritte gemacht.

"Ich hatte in der Vergangenheit Probleme mit Depressionen und Minderwertigkeitskomplexen, das hat sich stark gebessert auch durch die Arbeit hier. Ich hab' das Gefühl, ich verwende meine Zeit sinnvoll. Und arbeite an etwas, das den Leuten weiterhilft. Ich gebe zu: Mein Selbstwertgefühl ist gestiegen dadurch." Michael Opitz, IT-Berater bei Auticon

Michael Opitz ist bei Auticon voll engagiert und will sogar nebenher sein Informatikstudium abschließen. Auch Fabian Achatz lebt auf, seit er eine Arbeit hat. "Ich bin schon stolz drauf, dass ich es geschafft habe", sagt er heute.

Den Gabelstapler beherrscht Fabian schon. Sein Ausbilder ist zuversichtlich, dass auch er beruflich durchstarten wird.