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Trotz Inklusionsbemühungen: Behindertenwerkstätten bleiben wichtig

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    Arbeiten mit Handicap: Wie klappt die Inklusion im Beruf?

    Menschen mit einer Behinderung sind doppelt so häufig arbeitslos wie jene ohne Handicap. Oder sie arbeiten für ein Taschengeld in Werkstätten. Und das, obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention klar die Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt fordert.

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    Von
    • Tom Fleckenstein

    Stefanie Hanke arbeitet als sogenannte Werkstattmitarbeiterin im Café "Beans and Books", einem Betrieb der Stiftung Pfennigparade in München. Die Maske verdeckt das halbe Gesicht. Doch ihre blauen Augen blitzen auf, wenn sie von ihrem Job erzählt: "Ich arbeite im Service und in der Küche. Und halt alles, was so anfällt. Kaffee kochen, Snacks vorbereiten, Kuchenbacken, Bewirtungen von Veranstaltungen, wenn es wieder geht, oder ich putze", sagt die 34-Jährige.

    Stefanie Hanke hat eine halbseitige leichte Lähmung. Als Kind leidet sie unter epileptischen Anfällen und geht daher auf die Förderschule. In einem speziellen Förderzentrum macht sie eine dreijährige Ausbildung und schafft den Abschluss zur Hauswirtschafterin. Trotzdem fand sie keinen Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Als Werkstattbeschäftigte verdient sie 220 Euro im Monat, umgerechnet 1,50 Euro pro Stunde. Die Beschäftigung gilt als Reha-Maßnahme, mit der Möglichkeit sich zu qualifizieren. Und sie steht hier nicht unter Druck wie in der freien Wirtschaft. Außerdem bezieht Stefanie Hanke Grundsicherung über die Sozialhilfe und einen Zuschuss zur Altersrente.

    Schwieriger Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt

    Der Sprung auf den ersten allgemeinen Arbeitsmarkt klappt für Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten sehr selten. Es gelingt nur in einem Prozent der Fälle. Die Pfennigparade ist eines der größten Sozialunternehmen für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen in Deutschland. Die Stiftung bietet Arbeit in 80 Dienstleistungsunternehmen. Insgesamt machen 2.500 Beschäftigte mit und ohne Behinderung einen Umsatz von über 100 Millionen Euro pro Jahr.

    Erster Arbeitsmarkt soll Normalität werden

    Der Staat zahlt bei jedem Arbeitsplatz in einer Behindertenwerkstätte 16.500 Euro pro Jahr dazu. Denn solange die freie Wirtschaft zu wenig inklusive Arbeitsplätze bietet, sind die Werkstätten eine Möglichkeit für Menschen mit Behinderung, überhaupt Arbeit zu finden. Doch das reicht nicht aus. "Wir haben, glaube ich, lange gedacht, Werkstätten sind die Hauptlösung für Menschen mit Behinderungen, und allgemeiner Arbeitsmarkt ist die Ausnahme. Aber wir müssen einfach das Ganze umdrehen, um in die andere Richtung zu kommen", sagt Holger Kiesel, Behindertenbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung. "Das normale muss die Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt werden."

    UN-Behindertenrechtskonvention gegen Werkstätten

    Bundesweit arbeiten rund 300.000 Menschen mit Behinderung in Werkstätten. Zum Beispiel für die Automobilindustrie. Sie erzielen acht Milliarden Umsatz pro Jahr. Tendenz steigend. Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 fordert für alle Menschen mit Handicap einen inklusiven Arbeitsmarkt. Also die Zusammenarbeit mit nicht-behinderten Menschen.

    2015 empfiehlt eine Kommission der Vereinten Nationen sogar die Abschaffung der Werkstätten. Doch das würde sie heute nicht mehr machen, meint Jochen Walter, Vorstand der Pfennigparade und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen: "In Großbritannien sind die Werkstätten abgeschafft worden und die Menschen sind massenweise in die Arbeitslosigkeit gedrängt worden. Und deswegen glaube ich, dass der erste Arbeitsmarkt derzeit nicht mal eben 300.000 Werkstattbeschäftigte aufnehmen kann."

    Manche Arbeitgeber skeptisch

    Einige Arbeitgeber haben Vorurteile, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Sie seien öfter krank, nicht so motiviert und man werde sie nicht los, wenn man sie kündigen möchte. Hartnäckige Vorurteile, die alle nicht zutreffen. Holger Kiesel, der Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, sieht einen weiteren Grund in dem mangelnden Selbstwertgefühl von Menschen mit Behinderung: "Da fehlt auch oft das Selbstbewusstsein zu sagen, ich möchte aber diesen Job gern kriegen und sagt mir doch bitte was muss ich dafür tun? Oder was kann ich dafür tun?"

    Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Handicap ist in Bayern während der Corona-Krise teilweise um bis zu 20 Prozent nach oben geschnellt. Deutlich mehr als bei Nichtbehinderten. Diesen Trend gelte es zu durchbrechen, sagt Holger Kiesel: "Wir müssen von dem Gedanken weg: Menschen mit Behinderungen einzustellen ist ein sozialer Akt. Darum geht's nicht: Menschen mit Behinderung haben Fähigkeiten."

    So sieht es auch der Geschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Bertram Brossardt vertritt die Interessen der meisten Firmen in Bayern, für die 90 Prozent aller Beschäftigten im Freistaat arbeiten. Er fordert auf einem Online-Kongress Mitte April:

    "Um den Bedarf an Fachkräften zu decken, müssen wir alle vorhandenen Potenziale ausschöpfen. Das schließt Menschen mit Behinderung ein, es kommt auf jeden und jede an." Bertram Brossardt, Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

    Behindertenquote oder Ausgleichsabgabe?

    Es gibt eine Quote für die 7,9 Millionen schwerbehinderten Menschen in Deutschland. Sie liegt bei fünf Prozent für Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern. Doch ein Viertel der betroffenen Unternehmen hat überhaupt keinen behinderten Menschen eingestellt. In Deutschland sind das 40.000 Firmen, in Bayern 7.000 Betriebe.

    Statt Menschen mit einer Behinderung anzustellen, zahlen diese Unternehmen lieber eine Ausgleichsabgabe. Je nach Größe des Unternehmens liegt sie zwischen 115 Euro und 290 Euro für jeden Arbeitsplatz, der nicht mit einem Menschen mit einer schweren Behinderung besetzt wird.

    Solange sich daran nichts ändert, werden auch in Zukunft viele Menschen mit einer schweren Behinderung, also einem Behindertenausweis und einem Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent, in Werkstätten arbeiten.

    Inklusionsbetriebe als Alternative

    Die Alternative sind Inklusionsbetriebe, die Mindestlohn oder nach Tarif bezahlen. Davon gibt es derzeit rund 13.500 in Deutschland. Die rechtliche Stellung der Werkstattbeschäftigten sollte der Gesetzgeber verbessern. Das gibt auch der Chef der Pfennigparade Jochen Walter zu. "Das würde für mich bedeuten, dass sie den Arbeitnehmern möglichst gleichgestellt werden. Sie sollten auch ein existenzsicherndes Einkommen haben und dürfen nicht auf Sozialhilfe verwiesen werden. Da würde ich den Kritikern Recht geben."

    Trotz UN-Behindertenrechtskonvention: Ganz abschaffen wird man die Werkstätten nicht können, sagt auch Holger Kiesel: "Die Werkstätten wird es immer brauchen. Für diejenigen, die nicht das Potenzial für den allgemeinen Arbeitsmarkt haben, auch unter besten Bedingungen nicht."

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