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Analyse: Wirecard unter massivem Druck | BR24

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Für die Finanzaufsicht Bafin ist es ein "totales Desaster": das Drama um Wirecard. Es steht die Frage im Raum: wer hat hier eigentlich wen betrogen? 1,9 Milliarden Euro sind verschollen, Bilanzen nicht testierbar und Prognosen nicht mehr zu halten.

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Analyse: Wirecard unter massivem Druck

Für die Finanzaufsicht Bafin ist es ein "totales Desaster", das Drama um Wirecard. Es steht die Frage im Raum: wer hat hier eigentlich wen betrogen? 1,9 Milliarden Euro sind verschollen, Bilanzen nicht testierbar und Prognosen nicht mehr zu halten.

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Von
  • Margit Siller

Die Spur von 1,9 Mrd. Euro verliert sich auf den Philippinen. Es sieht so aus, als hätte dieses Geld nie existiert. Keinesfalls ist es aber auf mehreren Treuhandkonten vorhanden, die bei zwei Banken auf den Philippinen geführt worden sein sollen.

Wirecard-Milliarden nie auf den Philippinen gesichtet

Die Zentralbank der Philippinen versichert, diese große Summe habe sich nie im Zahlungsverkehr des Inselstaates befunden. Die beiden lokalen Banken betonen, Wirecard sei nie ihr Kunde gewesen - man sieht sich selbst getäuscht. Heute Nacht um 2.54 Uhr schockierte Wirecard mit einer weiteren börsenrelevanten Ad-hoc-Mitteilung, die es in sich hat, wonach der Betrag "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existiere.

Diese Mitteilung ist brisant, weil 1. sämtliche Prognosen, auch die vorläufigen Bilanz- und Quartalszahlen, kassiert wurden, also vom Vorstand zurückgenommen wurden. 2. lässt sich diese Mitteilung so lesen, dass frühere eigene Beschreibungen, Darstellungen und Erklärungen der Chefetage in Aschheim über Wesen und Funktion des sogenannten Drittpartnergeschäfts damit jetzt hinfällig sind.

Was ist das Drittpartnergeschäft von Wirecard?

In vielen Ländern hat Wirecard keine eigenen Lizenzen und musste mit Partnerfirmen, Mittelsmännern und eben Treuhändern zusammenarbeiten. Das waren vor allem lokale Anwaltskanzleien. Inzwischen ist bekannt, dass der Zahlungsabwickler vor allem in Asien über keine eigenen Lizenzen verfügt. Gerade dort ist das Geschäft aber sprunghaft gewachsen.

Erst Ende vergangenen Jahres übernahm offenbar ein Anwalt im philippinischen Finanzzentrum Manila die Aufgaben eines Treuhänders von einem anderen, der zuvor in Singapur für Wirecard tätig war. Diese Treuhandkonten sollten aufaddiert zu einem Aktivposten in der Bilanz werden. Das Geld auf diesen vermeintlich vorhandenen Bankkonten sei vorgesehen für Garantieleistungen und Absicherungen für Händler in aller Welt, also die Kunden von Wirecard.

Aufgetaucht in den vergangenen Tagen ist außerdem eine weitere Interpretation: Ein Teil dieses Geldes hätten Partnerfirmen als Gebühr an Wirecard abführen müssen.

Große Zweifel an Darstellungen von Wirecard

An diesen Darstellungen gibt es nun massive Zweifel. Immer wieder stellt sich die Frage, warum das niemandem in Aschheim aufgefallen war und auch den Wirtschaftsprüfern nicht, die frühere Bilanzen testiert hatten. Es bleibt als zentrale Frage die der internen Kontrollen.

Wirecard verfügt über drei Rechenzentren, über die die Zahlungsströme abgewickelt wurden: in Aschheim, in Dublin und in Dubai. Über Dubai lief ein Großteil des Geschäfts. Die dortige Partnerfirma gibt es nicht mehr, sie wurde inzwischen liquidiert. Auch mit Blick auf Dubai gab es schon monatelang Vorwürfe, dass es sich dort um Luftbuchungen gehandelt haben könnte. Die Staatsanwaltschaft München will jetzt alle in Betracht kommenden Straftaten prüfen. Bislang ging es nur um den Vorwurf der Kursmanipulation durch den Vorstand.

Bafin spricht von "Schande" und "totalem Desaster“"

Inzwischen hat sich auch die Spitze der Finanzaufsicht BaFin zu Wort gemeldet und betont, man sei immer nur für die Wirecard Bank zuständig gewesen, nicht aber für die Aufsicht über die gesamte Wirecard AG. Der Chef der Behörde Felix Hufeld spricht von einem "totalen Desaster" und von einer "Schande". Private und öffentliche Behörden, inklusive seiner eigenen, hätten versagt.

Erneut reagiert hat auch die Ratingagentur Moody's. Sie hatte den Zahlungsabwickler, vor dem Wochenende bereits, auf Ramschniveau zurückgestuft. Inzwischen hat sie alle Ratings zurückgezogen.

Verhandlungen mit den Kreditgebern von Wirecard

Unter Hochdruck verhandelt der Konzern unter seinem neuen Chef, dem US-Anwalt James Freis, jetzt mit den gut 15 kreditgebenden Banken aus dem In- und Ausland, die ihre Kredite nun fällig stellen könnten. Das könnte sich schon sehr schnell entscheiden, also noch in dieser Woche.

Beobachter gehen aber auch davon aus, dass es wohl nicht im Interesse der Kreditinstitute ist, wenn Wirecard nun von einem Tag auf den anderen zahlungsunfähig wird. Zentral dabei ist die Frage, wie hoch eigentlich das Eigenkapital von Wirecard ist. Da wurden über's Wochenende schon diverse Berechnungen in einigen Medien angestellt. Eingeschaltet wurde noch vor dem Wochenende eine US-Investmentbank, die auf solche Sanierungsfälle spezialisiert ist.

Wirecard kündigt Einsparungen und Umbau an

Wirecard selbst hat über Nacht auch angekündigt, dass ein umfangreicher Umbau ansteht, dass die Kosten weiter runtermüssen, evtl. werden auch Teile des Konzerns verkauft.

Zentral wird nun die Frag sein sein, ob die Kunden dem Zahlungsabwickler treu bleiben. Die Kunden sind nicht nur viele Einzelhändler, wie Souvenirverkäufer und Suppenküchen in Asien, sondern auch so prominente Konzerne wie Aldi, BASF und Ikea.

Wirecard selbst verspricht, dass die eigenen IT-Systeme derzeit weiterlaufen.

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