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Abgestürzt – Bayerns Flughäfen erwarten einen trüben Winter | BR24

© BR / Stephan Lina

Die Corona-Pandemie hat vor allem dem Tourismus und der Reisebranche stark zugesetzt. Vieles ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Das spüren natürlich auch die drei großen Flughäfen in Bayern: München, Nürnberg und Memmingen.

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Abgestürzt – Bayerns Flughäfen erwarten einen trüben Winter

Die Corona-Pandemie hat vor allem dem Tourismus und der Reisebranche stark zugesetzt. Vieles ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Das spüren natürlich auch die drei großen Flughäfen in Bayern: München, Nürnberg und Memmingen.

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  • Stephan Lina

Kaum eine Branche wurde so hart von der Corona-Krise getroffen wie die Luftfahrt. Über Jahre hatten Airlines und Flughäfen einen Boom erlebt, nun stecken sie tief in der Krise. Nach wie vor sind die Passagierzahlen weit von früheren Rekorden entfernt. Eine schnelle Erholung erwartet offenbar niemand mehr.

Flughafen München: Gähnende Leere statt hektischer Betriebsamkeit

Normalerweise wäre am Münchener Flughafen gerade Hochbetrieb. Kreischende Triebwerke, das Hupen einer ganzen Flotte von Taxis, eine Kakophonie aus ratternden Rollkoffern, Durchsagen und klingelnden Handys. Doch seit Monaten ist davon so gut wie nichts mehr zu hören und zu sehen. Die Terminals wirken, als habe eine unsichtbare Macht das riesige Gelände von Menschen geräumt und dann vergessen abzuschließen. Zeitweise hatte der Münchener Flughafen weniger als ein Prozent der Passagierzahlen des Vorjahres. Und auch für die kommenden Monate sieht Flughafenchef Jost Lammers schwarz:

"Die Weltkarte ist derzeit ein Puzzle, wo man nur noch sieht, wo man nicht hinreisen kann. Das ist nüchtern betrachtet ein ganz dunkler Winterflugplan für uns alle." Jost Lammers, Chef des Münchner Flughafens

Flugpassagiere auch durch uneinheitliche Regelungen abgeschreckt

Das habe auch mit der europäischen Politik zu tun, so Flughafen-Chef Jost Lammers. Er kritisiert vor allem Europas Antwort auf die Pandemie. Statt eines gemeinsamen Vorgehens, statt einheitlicher und verlässlicher Regelungen gebe es Kleinstaaterei und einen Flickenteppich von widersprüchlichen Regelungen. Man sehe in der EU weder eine einheitliche Federführung noch gemeinsame Regelungen. Das schrecke die Passagiere ab.

"Wenn man mehrmals umgebucht wurde oder umbuchen musste, dann sagt man irgendwann: Okay, dann versuche ich es gar nicht mehr, wenn es nicht zwingend sein muss." Jost Lammers, Chef des Münchner Flughafens

Zu Beginn des Jahres hatte die Luftfahrt noch Rekorde erwartet

Wie drastisch und wie schnell der Wechsel von Boom zu Stillstand kam, das zeigt der Blick zurück. Noch Mitte Februar war die Branche optimistisch. Bei einem Festakt in der Münchener Residenz wurde damals der langjährige Flughafenchef Michael Kerkloh in den Ruhestand verabschiedet, sein Nachfolger Jost Lammers vorgestellt.

Anwesend waren neben dem halben bayerischen Kabinett auch zahlreiche Industrievertreter. Sie alle waren zuversichtlich, dass der Luftverkehr auch 2020 weiter wachsen würde. Fast zeitgleich gab sich auch MTU-Chef Reiner Winkler optimistisch. Bei einer Pressekonferenz sagte der Vorstandsvorsitzende des Münchener Triebwerksspezialisten, man werde die Rekorde aus dem Jahr 2019 in diesem Jahr nochmals übertreffen. Das Thema Corona schien damals ein regionales Problem Chinas zu sein.

Eine solche Krise gab es in der Luftfahrt noch nie

Bald war klar: Diese Krise ist anders als die schwierigen Phasen der Vorjahre. Zwar war es auch nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 oder dem isländischen Vulkanausbruch 2010 eine Zeitlang so, dass ganze Regionen ihren Luftraum sperrten und Tausende von Fliegern am Boden standen.

Doch diesmal trifft es eben nicht nur eine Region, und nicht nur für einige Tage, sagt Michael Kerkloh. Der langjährige Chef des Münchener Flughafens gilt als einer der besten Kenner der Branche. Er sagt, das Ausmaß und die Dauer der Pandemie habe alle Notfallpläne der Branche zur Makulatur gemacht.

Sorgen auch bei Münchner Startbahngegnern

Zu seinen Zeiten als Flughafenchef wurde Michael Kerkloh auch immer wieder angefeindet. Denn der Airport ist zwar ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Bayerns Tor zur Welt, aber er verursacht auch viel Krach. Deswegen kämpfen Bürgerinitiativen seit Jahrzehnten gegen den Fluglärm. Diese Debatte habe in den vergangenen Monaten jedoch sehr viel von ihrer früheren Giftigkeit verloren, beobachtet Kerkloh.

"Nach der ersten Freude der Flughafengegner kommt jetzt der zweite Gedanke: Was ist denn, wenn das jetzt so bleibt? Denn von einem Flughafen, der an die 40.000 Arbeitsplätze hat, hängt ja wahnsinnig viel ab." Michael Kerkloh, früherer Chef des Münchner Flughafens

Darüber macht sich auch Franz Spitzenberger aus Attaching so seine Gedanken. Kaum jemand hat in den vergangenen Jahren so zäh gegen den Ausbau des Airports gekämpft wie er. Deswegen freut es ihn auch, dass die bayerische Staatsregierung vor wenigen Wochen die lange umstrittenen Pläne zum Bau einer 3. Startbahn beerdigt hat.

Er betont allerdings auch, er sei kein Gegner des Flughafens an sich. Er wisse durchaus, was der Airport wirtschaftlich für die Region bedeute. Bisher sei die Lage nur dank der Kurzarbeiter-Regelung noch nicht dramatisch.

Lufthansa will in Folge der Krise eine Billig-Tochter gründen

Für die kommenden Jahre droht ein massiver Stellenabbau in der Luftfahrt. Allein die Lufthansa will Zehntausende Stellen streichen. Und selbst wer weiter für den Konzern arbeiten darf, der muss dies möglicherweise zu schlechteren Bedingungen tun. Denn obwohl die Lufthansa im Sommer mit neun Milliarden Euro aus der Staatskasse gerettet wurde, zeichnet sich ab, dass dieses Geld womöglich nicht reichen wird.

Deswegen will der deutsche Marktführer seine Kosten radikal senken. Unter dem Projektnamen "Ocean" tüftelt man an einer Tochter mit Niedriglöhnen - zum Entsetzen der Gewerkschaften. Sie wandten sich jetzt in einem offenen Brief an die Bundesregierung.

In dem Schreiben warnte zum Beispiel Verdi vor Sozialdumping: Bewerber werden demnach ausschließlich in Teilzeit angestellt, Flugbegleiter könnten bei Ocean lediglich mit einem Einkommen von etwas über tausend Euro netto rechnen. Damit untergrabe die Lufthansa das deutsche Lohnniveau in der gesamten Branche und schaffe ein prekäres Arbeitsumfeld.

Leere auch im Nürnberger Flughafen-Terminal

Auch am Nürnberger Flughafen ist in diesen Wochen wenig los. An einem Vormittag im Frühherbst wirkt das Terminalgebäude nahezu komplett verwaist. Auf der Anzeigetafel stehen zwei annullierte Flüge von Eurowings, außerdem eine Maschine der KLM nach Amsterdam.

Die Zahlen bestätigen das Gefühl der Flaute. Im vergangenen Jahr zählte Michael Hupe noch mehr als vier Millionen Passagiere. In diesem Jahr wäre der Chef des Nürnberger Flughafens froh, wenn es bis zum Jahresende noch zu einer Million reicht. Dabei hatte Hupe nach dem Ende des Lockdowns im Frühsommer noch auf eine zügige Erholung gesetzt. Doch die war nur ein Strohfeuer.

Wie in München fehlen auch am Albrecht-Dürer-Airport die Geschäftsreisenden. Rund um Nürnberg sitzen Weltkonzerne wie Siemens, Adidas oder Schaeffler, deren Mitarbeiter oft auch Vielflieger sind, beziehungsweise waren. Inzwischen sitzen viele der einstigen Vielreisenden im Homeoffice - an Stelle von Dienstreisen oder Messen finden virtuelle Meetings statt.

Flughafen Memmingen profitiert von "ethnischen Flügen" nach Osteuropa

Während die Flughäfen in München und Nürnberg nur zu einem Bruchteil ihrer Kapazitäten ausgelastet sind, hat sich das Geschäft am Memminger Allgäu Airport halbwegs erholt, sagt Geschäftsführer Ralf Schmid. Im vergangenen Jahr wurden dort 1,7 Millionen Passagiere abgefertigt, in diesem Jahr werden es laut Schmid etwa 850.000 sein.

Memmingen baut auf sogenannte "ethnische Verkehre". Mit diesem Ausdruck meinen die Fachleute das, was man früher "Gastarbeiter-Flüge" genannt hätte. Und speziell auf solche Angebote nach Osteuropa setzt vor allem die ungarische Wizz Air - neben Ryanair der wichtigste Anbieter am Memminger Allgäu-Airport. In der Corona-Krise stabilisiere das seit Monaten die Passagierzahlen, sagt Ralf Schmid:

"Mit einer Videokonferenz kann man eine Geschäftsreise ersetzen. Man kann auch mal einen Urlaubsflug nach Mallorca ausfallen lassen. Aber die Familie nicht zu sehen, nur zu telefonieren: Da ist irgendwann der Wunsch der persönlichen Nähe da. Und das können wir bieten." Ralf Schmid, Geschäftsführer Memminger Flughafen

Aber auch dieses Geschäft funktioniert nur, solange es keine geschlossenen Grenzen gibt. Deswegen hofft auch Ralf Schmid, dass es keine neuen Lockdowns wie im Frühjahr gibt.

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