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Abgasskandal: Weitere Abschalteinrichtungen bei VW? | BR24

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Abgasskandal: Neuere VW-Motoren unter Verdacht

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Abgasskandal: Weitere Abschalteinrichtungen bei VW?

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte weitet sich aus: Laut SWR setzte VW offenbar auch bei neuen Dieselmotoren Vorrichtungen ein, um Abgastests automatisch zu erkennen. Der Konzern dementiert.

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Nach Recherchen des SWR wurde auch in neuere VW-Diesel-Motoren mit Euro-6-Abgasnorm eine Software eingebaut, die erkennt, ob sich das Fahrzeug auf einem Prüfstand befindet. Das geht aus vertraulichen VW-Dokumenten hervor, die dem SWR vorliegen. Der VW-Konzern wollte sich zu den Dokumenten nicht direkt äußern, da es sich um vertrauliche Dokumente handle, so ein VW-Sprecher. Er dementierte aber allgemein, dass bei diesen Motoren eine illegale Abschalteinrichtung eingebaut sei.

Nachfolger des Skandalmotors betroffen

Konkret geht es dabei um die VW-Motorreihe EA 288, den Nachfolger des Motors EA 189, der im Zentrum des ersten Diesel-Skandals stand. Der Nachfolge-Motor wurde seit 2012 in hunderttausenden Diesel-Fahrzeugen des Konzerns eingebaut - unter anderem im Golf, Tiguan oder Passat. Auch bei verschiedenen Modellen von Audi, Skoda und Seat kommt dieser Motor zum Einsatz.

In internen VW-Unterlagen der Abteilung technische Entwicklung von Ende 2015 wird detailliert beschrieben, wie die sogenannte "Zykluserkennung" bei diesem Motor funktioniert. Unter Zykluserkennung verstehen Experten eine Software im Auto, die erkennt, ob gerade ein Abgastest durchgeführt wird. Solch eine Software war auch bei den Fahrzeugen des ersten "Diesel-Skandals" eingebaut.

VW weist Vorwürfe zurück

Auf Nachfrage des SWR bestritt der VW-Konzern, dass bei den neuen Modellen eine Zykluserkennung vorhanden ist: "Fahrzeuge mit dem Dieselmotor EA288, nach dem heute gültigen Abgasstandard EU6 in EU 28, enthalten keine Zykluserkennung." Demnach gebe es auch keine unzulässige Abschalteinrichtung. "Wir untersuchen diesen Themenkomplex seit 2015 und die Ergebnisse aller Untersuchungen und Messungen bestätigen nach unserem aktuellen Wissenstand die Erkenntnis, dass die Nutzung von Fahrkurven beim EA288 Motor keinen Einfluss auf die Einhaltung von Emissionsgrenzwerten haben oder hatten."

Doch in der VW-internen technischen Beschreibung des VW-Motors EA 288, die dem SWR vorliegt, heißt es wörtlich: "Nutzung und Erkennung des […] NEFZ, um die Umschaltung der Rohemissionsbedatung streckengesteuert auszulösen." Die Abkürzung NEFZ steht für "neuer europäischer Fahrzyklus" und ist ein Abgas-Testverfahren in der EU, das auf einem Rollenprüfstand durchgeführt wird.

Abgasexperte spricht von Abschalteinrichtung

Der Abgasexperte Axel Friedrich, der den ersten Diesel-Skandal mit aufgedeckt hatte und Experte im Diesel-Untersuchungsausschuss des Bundestages war, kommt nach Durchsicht der VW-Unterlagen zum Ergebnis, dass auch beim Motor EA 288 eine Abschalteinrichtung vorliegt. "Das Fahrzeug erkennt, ob es auf einem Prüfstand steht - nur dann wird ausreichend AdBlue eingespritzt. Dagegen wird im normalen Fahrbetrieb auf der Straße viel weniger AdBlue verwendet."

Tatsächlich findet sich in den VW-Dokumenten auch eine "Beschreibung der SCR-Dosierstrategie im Zyklus und außerhalb des Zyklus." SCR steht für Katalysatoren, bei denen Harnstoff (AdBlue) zur Abgasreinigung eingespritzt wird.

Wegen möglicher Verstöße bei der AdBlue-Einspritzung laufen derzeit Ermittlungen der EU-Kommission - gegen VW, Daimler und BMW. Nach einer vorläufigen Einschätzung der Kommission haben sich die Hersteller abgesprochen "mit dem gemeinsamen Verständnis, dass sie dadurch den AdBlue-Verbrauch und die Wirksamkeit der Abgasreinigung begrenzten."

Gerichtsverfahren gegen VW

Aktuell klagen zudem vor mehreren Gerichten VW-Besitzer wegen des Motors EA 288 gegen den VW-Konzern - unter anderem am Landgericht Wuppertal. Die Kanzlei Baier und Depner aus Karlsruhe hat bereits zahlreiche Verfahren wegen Abgasmanipulationen geführt.

Aus Sicht des Juristen Andreas Baier bestätigen die neuen Dokumente, dass VW auch bei den Euro-6-Diesel-Motoren EA 288 manipuliert habe: "Diese Dokumente sind ein Paukenschlag und sie heben den Skandal auf ein ganz neues Level. Es bedeutet für uns, dass Volkswagen auch beim Nachfolgemodell die Kunden getäuscht hat." Er geht davon aus, dass betroffene Kunden gute Chancen haben, vor Gericht Recht zu bekommen.

Gutachten steht noch aus

Im Verfahren vor dem Landgericht Wuppertal wurde ein Gutachter damit beauftragt, den Motor EA 288 zu bewerten. Dabei geht es laut Beweisbeschluss um die Frage, ob auch bei diesem Modell eine "Software verbaut ist, die erkennt, ob sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand zum Durchfahren des neuen europäischen Fahrzyklus (NEFZ) befindet."

Eine Software mit dieser Funktion wird in den technischen VW-Dokumenten, die dem SWR vorliegen, beschrieben. Nach Angaben des Landgerichts Wuppertal könne es allerdings noch Monate dauern, bis das Gutachten vorliegt.

Kraftfahrtbundesamt und Verkehrsministerium schweigen

Auf mehrere Anfragen des SWR reagierte das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Berlin nicht - alle Fragen an die Bundesbehörde zum VW-Motor EA 288 blieben unbeantwortet. Auch das übergeordnete Bundesverkehrsministerium antwortete auf eine schriftliche Anfrage nicht.

Der Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer wirft den Behörden Untätigkeit vor: "Das Verkehrsministerium und das untergeordnete Kraftfahrt-Bundesamt handeln nicht. Sie könnten ganz anders gegen die Automobilhersteller vorgehen, denn die Belege liegen ja auf dem Tisch." Das Kraftfahrt-Bundesamt verstehe sich seit Jahren als Dienstleister der Automobilindustrie und nicht als Überwachungs- und Kontrollbehörde, meint Krischer. "Und deshalb wird der Diesel-Skandal weiter gehen, so lange es Diesel bei uns gibt, das ist meine große Befürchtung."

Von Nick Schader, SWR