BR24 Logo
BR24 Logo
Wirtschaft

30 Jahre deutsch-deutsche Währungsunion | BR24

© picture-alliance/dpa

Währungsunion BRD und DDR

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

30 Jahre deutsch-deutsche Währungsunion

Am 1. Juli 1990 war es soweit: Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion von Bundesrepublik und DDR trat in Kraft. Und damit war Deutschland nach gut 40 Jahren der Teilung faktisch wiedervereinigt.

1
Per Mail sharen

Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 wurde die Ostmark Geschichte. Die Monate davor waren geprägt von einem zähen Ringen um die Bedingungen.

6. Februar 1990: Die Bombe platzt

Es ist der 6. Februar 1990. Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl und sein Vize Helmut Schlesinger sind an diesem Tag in Ost-Berlin. Sie treffen hier den Präsidenten der Staatsbank der DDR, Horst Kaminsky. Von einer Währungsunion, über die damals immer wieder spekuliert wird, sei man noch weit entfernt, heißt es auf beiden Seiten. Dementsprechend sagt Karl-Otto Pöhl in die laufenden Kameras, dass man diese Frage diskutiert habe, aber dass es verfrüht sei, über eine Währungsunion heute schon zu sprechen.

Während der ahnungslose Bundesbankpräsident dieses Presse-Interview gibt, lässt Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn eine Bombe platzen. Vor versammelter Presse verkündet der Kanzler die sofortige Aufnahme von Gesprächen über eine Währungsunion. Der Kanzler damals:

"Wir, die Bundesrepublik, sind bereit, auf die DDR zuzugehen und unseren Beitrag zu leisten, um Lebensverhältnisse zu schaffen, damit die Menschen dort bleiben." Ehemaliger Bundeskanzler Helmut Kohl

Ein historischer Moment. Und der oberste Währungshüter weiß nichts davon. Auch sein Stellvertreter Helmut Schlesinger wird aus Bonn nicht vorgewarnt. Ein Affront, der ihn heute noch ärgert.

"Sie haben uns das nicht gesagt. Sie haben dafür gesorgt. dass wir, Herr Pöhl und ich, diese Reise nach Ost-Berlin machen und uns dort unterhalten. Wir sind von der Vorstellung ausgegangen, es handele sich um einen länger anzulegenden Prozess. Nun ja, es ist etwas schiefgelaufen, aber wir mussten damit zurande kommen." Früherer Bundesbankvize Helmut Schlesinger

Denn die Zeit drängt. Täglich verlassen mehr als 2.000 Bürger die DDR in Richtung Bundesrepublik. Und auf den Montagsdemonstrationen wird offen die Einführung der D-Mark gefordert. Auf Transparenten ist zu lesen: "Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr."

Bundeskanzler Helmut Kohl und Finanzminister Theo Waigel sehen akuten Handlungsbedarf. Theo Waigel heute: "Wir wollten und mussten eine irreversible Entscheidung treffen im Hinblick auf die deutsche Einheit. In dem Moment, wo wir die Währungshoheit über die DDR haben, hatten wir auch die Möglichkeit, auf die Sowjetunion unmittelbar einzuwirken und den Weg zur Wiedervereinigung auch auf diesem Weg zu befördern. Und das musste schnell geschehen, weil sonst noch viel mehr Menschen von Ost nach West gegangen wären. Und der Strom war nur dann zu bewältigen, wenn wir den Menschen eine Perspektive in Ihrer Heimat bieten. Und das war die Währungsunion."

April 1990: Diskussionen über den Umtauschkurs

In den Wochen nach der Ankündigung Helmut Kohls, Gespräche über eine Währungsunion zu führen, wird nahezu täglich verhandelt. Besonders umstritten: der Umtauschkurs der DDR-Mark. Bundesbank und Finanzministerium haben allerdings völlig unterschiedliche Vorstellungen. Der damalige Bundesbank-Vizepräsident Helmut Schlesinger: "Wir haben uns hier den Standpunkt erarbeitet, dass wir 2:1 vorschlagen für die Einlagen und 2:1 für die Umstellung der laufenden Transaktionen, das heißt Löhne, Übertragungen wie Renten etc. Mit dem ersten sind wir mehr oder weniger durchgekommen. Mit dem zweiten sind wir völlig abgerutscht."

In der DDR ist man enttäuscht von den Vorschlägen der Bundesbank. 2:1 empfinden viele DDR-Bürger als ungerecht. In der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, der Aktuellen Kamera, kommen am 1. April 1990 Bürger zu Wort:

"Ein bisschen happig, 2:1. Die Leute haben ja lange genug gespart," sagt ein Mann in die Kamera, eine Frau ergänzt: "Jetzt sind wir nicht nur 40 Jahre bestraft worden mit dem Gehalt und der Lebensweise. Und jetzt bestraft uns die liebe BRD, die es ja so gut mit den Schwestern und Brüdern meint, auch noch mit so einem Kurs. Das heißt: Sie halbieren mein Gehalt und das von den Rentnern. Und das finde ich nicht in Ordnung." Auch die Gewerkschafter in der DDR protestieren. In Ost-Berlin kommt es zu Demonstrationen.

Bundesfinanzminister Theo Waigel hält einen Wechselkurs von 2:1 bei Löhnen und Renten ebenfalls für unrealistisch. "Man muss sich vorstellen, der Durchschnittsverdiener in der DDR verdiente damals 1.250 Ostmark. Wenn wir das mit 1:2 umgestellt hätten, dann hätte der noch 625 D-Mark bekommen und sein Kollege in Westdeutschland hätte dann das Dreifache davon. Was hätte der getan? Der wäre am nächsten Tag aufgebrochen und von Frankfurt an der Oder nach Frankfurt am Main gegangen. Dann hätten wir die Grenze wieder schließen müssen. Unvorstellbar in der damaligen Situation."

2. Mai 1990: Der Durchbruch

Anfang Mai kommt nach zähen Verhandlungen der Durchbruch. Der Kompromiss: Für Kinder bis 14 Jahre werden 2.000 Mark im Verhältnis 1.1 umgetauscht. Für Personen von 15. bis 59 4.000 Mark und für Personen ab 60 Jahren 6.000 Mark. Darüber hinaus gehende Beträge werden 1:2 umgetauscht. Löhne, Gehälter, Stipendien, Mieten, Pachten und Renten werden im Verhältnis 1:1 umgestellt.

Während die DDR-Bürger noch auf die Währungsunion warten, wird bei der Bundesdruckerei in Berlin längst auf Hochtouren gearbeitet. Das Gebäude liegt direkt an der vor wenigen Monaten gefallenen Mauer. Heute erinnert daran nur noch ein Pflaster-Streifen im Straßenbelag.

Stefanie Geiler-Czerwonka arbeitet seit 1985 bei der Bundesdruckerei im Personalwesen. Für die West-Berlinerin ist die Mauer damals Alltag. Bei jedem Blick aus dem Bürofenster hat sie die Teilung Deutschlands vor Augen. Sie berichtet: "Dass wirklich am 9. November hier die Mauer fällt, hätten wir uns hier nicht vorstellen können. Und dass das so viel Arbeit bedeutet, hatten wir uns erstmal auch nicht vorgestellt. Die Freude überwog. Das stellte sich erst später ein, dass wir realisiert hatten: Oh, wir sind ja betroffen. Und das hieß für uns: Betriebskapazitäten ausweiten, damit wir überhaupt diese Menge an Produkten herstellen konnten, um dann in drei Schichten auch arbeiten zu können. Und das bedeutete mehr Personal. Wir haben rund 700 Mitarbeiter eingestellt, die dann die Produkte alle gefertigt haben: Geldscheine, Personalausweise, Briefmarken, Führerschein. Wir hatten eine Menge zu tun."

Ähnlich hektisch geht es auch beim zweiten deutschen Geldschein-Drucker zu: Giesecke+Devrient in München. Innerhalb weniger Wochen wird die D-Mark-Produktion um 50 Prozent hochgefahren. Das Unternehmen gelangt an seine Kapazitätsgrenzen, wie Unternehmens-Historikerin Astrid Wolff erzählt: "Unsere anderen Kunden weltweit sind nicht plötzlich zurückgetreten. Viele hatten Verständnis, weil das weltweit ein ganz großes Ereignis war. Viele hatten Verständnis, den Druck ihrer Banknoten etwas zurückzuschieben. Aber tatsächlich liefen auch noch andere Aufträge in diesen Monaten 1990 weiter."

18. Mai 1990: Der Vertrag steht

Am 18. Mai 1990 ist die Währungsunion unter Dach und Fach.

"Das ist eine historische Stunde im Leben der deutschen Nation. Wir sind zusammengekommen, um nach 45 Jahren der schmerzlichen Teilung unseres Vaterlandes ein Vertragswerk zu unterzeichnen, mit dem wir den ersten bedeutsamen Schritt zur Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschland vollenden." Früherer Bundeskanzler Helmut Kohl

Unterschrieben wird das 40 Seiten umfassende Vertragswerk von Walter Romberg für die DDR und Theo Waigel für die Bundesrepublik. Dieser berichtet, wie er den Moment erlebt: "Es war ein unglaubliches Gefühl. Ich habe zu dem Kollegen Romberg gesagt: Gott segne unser Vaterland und er hat gesagt: Gott segne es. Er war ja ein überzeugter Lutheraner. Und wir wussten beide, dass es wie ein Wunder der Geschichte ist, was damals und danach stattgefunden hat."

Juni 1990: Milliarden auf der Straße

Wenige Tage später rollen bereits die ersten Geldtransporter. Insgesamt werden über 25 Milliarden D-Mark in den Osten gebracht. Zuerst werden die 15 neu gegründete Filialen der Deutschen Bundesbank mit den begehrten D-Mark-Scheinen aus dem Westen beliefert. Besonders aufregend ist für die Begleiter der Geldtransporte der Grenzübertritt. Noch ist die DDR ein souveräner Staat. Die Polizei im Westen muss die Bewachung der Spezialtransporter nun den Kollegen aus dem Osten überlassen.

30. Juni 1990: das große Umräumen

Die bevorstehende Währungsunion wird in den letzten Junitagen immer deutlicher sichtbar. In den Läden wird umgeräumt. Die Ost-Ware wird aussortiert, um Platz für Westprodukte zu haben. Doch nicht überall kommt die heiß ersehnte Westware rechtzeitig an, wie Sabine Scholz-Jablonka und Petra Herrmann berichten.

Die beiden arbeiten in der Konsum-Filiale in der Leipziger Ratzelstraße. Am 1. Juli, einem Sonntag, kommen sie extra in den Laden, um die neue Ware auszupacken. Doch das "Konsumglück aus dem Westen" beschränkt sich hier auf Schwartau Marmelade, Almighurt und Rheinhessen-Weißwein. Sabine Scholz-Jablonka: "Wo wir dann aufgemacht haben, standen Schlangen vor der Tür. Die Kunden hatten auch große Erwartungen. Und sie fragten: Was ist denn hier los? Kommt da noch was? Da mussten wir uns erst mal rechtfertigen." Und Petra Herrmann ergänzt: "Wir haben ja auch unseren Sonntag geopfert. Wir hatten ja auch gedacht, dass mehr zu tun ist beim Auspacken. Dass die Regale sich biegen. War aber nicht so. Und am Montag waren wir in Erklärungsnot. Da mussten wir uns dann wieder was anhören."

Das komplette Warenangebot gibt es erst Wochen später. Und auch die Preisgestaltung muss sich erst einspielen, wie Sabine Scholz-Jablonka berichtet: "Wir hatten Listen, denen hatten wir die Preise entnommen, aber die Preise waren viel zu überteuert gewesen. Suppenterrine von Maggi: Fünf D-Mark. (Das Kaubonbon, Anm.) Maoam, das war auch richtig teuer, vier oder fünf D-Mark. Das war Wahnsinn. Heute wären wir gar nicht bereit, dafür so viel auszugeben."

1. Juli 1990: Der Tag der D-Mark

Während im Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz noch eifrig eingeräumt wird, sind die Vorbereitungen bei der Deutschen Bank nebenan fast abgeschlossen. Ab 0 Uhr werden hier D-Mark ausbezahlt. Die DDR-Mark ist Geschichte. Großes Gedränge, Jubel, Partystimmung. Die Tagesschau berichtet: "Mit der Einführung einer gemeinsamen Währung und der Aufhebung der Grenzkontrollen ist die Einheit Deutschlands seit heute Null Uhr praktisch vollzogen. Die Bürger der DDR begrüßten die Einführung von Marktwirtschaft und D-Mark mit Jubel, Böllerschüssen und Hupkonzerten."

Heute - 30 Jahre später

Der 1. Juli 1990 ist lediglich der Beginn eines langen und für viele auch beschwerlichen Prozesses der Wiedervereinigung. So unkompliziert, wie von Seiten der Politik anfangs gedacht, sollte das Zusammenwachsen von Ost und West nicht werden. Die Einführung der D-Mark führt zu Massenentlassungen im Osten, Abwicklung tausender DDR-Betriebe, Abwanderung. Die Kosten der Einheit, so Experten: Bis heute mehr als zwei Billionen Euro. Doch wie zentral die Währungsunion für die Wiedervereinigung ist, macht der damalige Vizepräsident und spätere Präsident der Deutschen Bundesbank, Helmut Schlesinger deutlich. 30 Jahre später fasst er zusammen:

"Eines war wichtig, dass es so schnell ging. Denn jetzt politisch betrachtet. Von heute aus sehen wir das noch deutlicher als damals. Es war das Fenster, dass hier geöffnet war für diese Entwicklung, das war nicht weit offen. Und die Gefahr, dass es zuklappt, dass zum Beispiel Gorbatschow abgesetzt wird, diese Gefahr war groß." Früherer Bundesbank-Vize Helmut Schlesinger
© Bayern 2

30 Jahre nach der Einführung der Deutsche Mark in der DDR verteidigte der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel die damaligen Entscheidungen. Die DDR habe damals vor dem ökonomischen Kollaps gestanden.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!