© dpa-Bildfunk

Archiv: Lehman Brothers Bank in New York am 15. September 2008

Wer sich in Manhattan umsieht, findet kaum noch Spuren der großen Finanzkrise: In das ehemalige Lehman-Brothers-Gebäude in New York, unweit des berühmten Times Square, sind längst andere Unternehmen eingezogen. An der New Yorker Börse, einige Straßenblocks im Süden Manhattans weiter, herrscht gute Stimmung. Der wichtigste Aktienindex in den USA, der Dow Jones, hat sich seit damals vervierfacht. Händler auf dem Börsenparkett, wie Matthew Cheslock von der Virtu Americas LLC, erinnern sich an die dramatischen Wochen vor zehn Jahren, sind aber zuversichtlich.

"Ich glaube, es gibt Leute hier, die werden sich immer an die Krise erinnern. Die Älteren werden sie nie vergessen. Es hat auch eine ganze Weile gedauert, bis ihre Wertpapiere wieder so viel wert waren wie vor der Lehman-Pleite. Aber heute haben Investoren mehr Möglichkeiten. Sie können leichter breitgestreut investieren und ihr Depot etwa an einem Aktienindex ausrichten. Damit sind sie besser geschützt gegen so ein Ereignis.“ Matthew Cheslock, Virtu Americas LLC

So lief die Krise ab

Rückblick: Im Sommer 2008 packen Mitarbeiter der Lehman Brothers Bank in New York ihre Sachen, weil das Finanzinstitut über Nacht pleiteging. Grund: Der Häusermarkt war zusammengebrochen. Das Problem: Viele Banken hatten zuvor Immobilienkredite an Kunden vergeben, auch wenn die gar nicht kreditwürdig waren. Diese Darlehen hatten die Banken dann in Form von Wertpapieren an andere Geldhäuser verkauft – auch nach Deutschland. Als viele Kunden wegen steigender Zinsen ihre monatlichen Raten für das Immobiliendarlehen nicht mehr zahlen konnten, saßen Banken weltweit auf fast wertlosen Immobilienkrediten. Nach der Pleite der bedeutenden Lehman Bank brach an den globalen Finanzmärkten die Panik aus. Zunächst stürzten Bankaktien ab, dann quasi alle Kurse.

Heute ist das Vertrauen in die Märkte zurück, auch weil sehr riskante Geschäfte nach der Krise verboten wurden. Die gute Stimmung liegt aber vor allem an der amerikanischen Notenbank Fed. Sie hat, wie in Europa die EZB, den Banken viele Milliarden geliehen – zinslos – auch um Unternehmen mit Geld zu versorgen. Die Maßnahmen haben funktioniert: Die Wirtschaft in den USA hat sich erholt. Es bleibt dabei aber eine Angst: Hat die enorme Geldmenge der Notenbanken an den Märkten zu Blasen geführt? Sind Aktien also schon viel zu teuer, weil sie nur deswegen mit dem vielen Geld gekauft wurden, weil es für Anleger keine Alternativen gibt?

Stehen wir wieder vor einem Finanz-Crash?

In New York treffen wir Michael Keppler. Er ging in den 1980er Jahren von Deutschland in die USA. Hier managt er für institutionelle Anleger Vermögen in Milliarden-Höhe. Bei der Wahl seiner Anlagen schaut er dabei nicht so sehr in die Zukunft. Stattdessen analysieren seine Mitarbeiter und er den Ist-Zustand einer Aktie: Ist der Kurs eines Unternehmens zu hoch, wenn man seinen Gewinn, den Schuldenstand und andere Daten berücksichtigt? Von diesem Blickwinkel aus sieht er derzeit noch keine Blasenbildung, die jederzeit platzen könnte.

"Ich sehe eigentlich keine Gefahr von der Bewertungsseite im Aktienmarkt. Die Gewinne sind in den letzten Jahren im Großen und Ganzen sehr gut mit den Kursen nach oben gegangen." Michael Keppler, Keppler Asset Management Inc.

Welche Gefahren drohen heute?

Auch wenn nach Einschätzung von Experten ein Finanz-Crash durch Spekulationen nicht bevorsteht, sind die Gefahr einer neuen Finanz-Krise und die Möglichkeit eines Absturzes der Märkte nicht gebannt. Sandra Navidi, früher Investmentbankerin, beobachtet die US-Finanz-Branche seit Jahren. Sie fürchtet, ein großes Risiko für die Märkte könnte wieder von den USA ausgehen. Wenn Präsident Trump Schutzzölle einführt, könnten die zu einem Handelskrieg und dadurch einem Börsenbeben führen. "So langsam wächst die Angst. Man ist noch nicht im Panikstadium, aber man hat große Sorgen, auch wegen des Handelskrieges. Man muss kein Ökonom sein, um zu durchschauen, dass das alles keinen wirklichen Sinn macht", so die Finanzexpertin über die Zoll-Politik des US-Präsidenten. Eine weitere Gefahr sieht sie darin, dass sich wegen der niedrigen Zinsen nicht nur in den USA Unternehmen und Regierungen enorm verschuldet haben.

"Wenn die Zentralbanken die Zinsen hochsetzen, dann ist das sehr gefährlich insbesondere für die Schwellenländer. Die haben sich in den vergangenen Jahren stark verschuldet, insbesondere in Dollar. Wenn die US-Notenbank Fed anfängt, die Zinsen hochzusetzen, wird es dort wahrscheinlich viele Unternehmensausfälle, sprich Pleiten geben", Sandra Navidi Finanzexpertin, New York

Ein Beispiel ist Argentinien: Im Juni dieses Jahres gingen Menschen gegen öffentliche Sparmaßnahmen auf die Straße. Die werden notwendig, weil der Staat, wie viele Unternehmen auch, Milliarden Schulden in Dollar und anderen Währungen aufgenommen hat. Die derzeit steigenden US-Zinsen erhöhen nun aber die Zahlungen für diese Dollarkredite. Die Schulden in fremden Währungen betragen dabei rund 30 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung eines Jahres in Argentinien. Ein anderes Beispiel ist die Türkei: Hier machen die Fremdwährungskredite sogar über 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Hinzu kommt: Die Währungen beider Länder haben gegenüber dem Dollar massiv an Wert verloren. Dadurch müssen die Schuldner unterm Strich noch mehr zahlen. Pleiten in einem betroffenen Land träfen auch Banken in Deutschland und Europa, wenn sie hohe Eurokredite dorthin vergeben haben. Ob Handelskrieg oder Überschuldung – Es gibt insgesamt also verschiedene Krisengefahren.

Wie gut sind wir auf eine neue Finanz-Krise vorbereitet?

Die Euroländer haben auf die vergangene Krise mit Reformen reagiert: Die Banken werden strenger beaufsichtigt und sie müssen bei Geschäften mehr eigenes Kapital einsetzen. Deshalb sind sie heute tatsächlich weniger anfällig als früher. Prof. Isabel Schnabel, Expertin für Finanzmärkte, gehen die Reformen allerdings nicht weit genug. "Aus meiner Sicht müsste das Eigenkapital der Banken noch deutlich höher sein, um unser Bankensystem widerstandfähig zu machen gegen zukünftige Krisen", so die Wissenschaftlerin. Doch Banken in Deutschland und weltweit wehren sich gegen strengere Vorschriften. Ihr Argument: Mehr Bürokratie würde die Finanzinstitute zu sehr belasten. Auch Isabel Schnabel glaubt daher kaum, dass strengere Regeln kommen.

"Es gibt in einigen Ländern ja sogar Deregulierungsbestrebungen, insbesondere in den USA, und deshalb dürfte es politisch sehr schwierig sein, eine noch schärfere Regulierung im Moment durchzusetzen." Prof. Isabel Schnabel Universität Bonn

Bislang haben die Banken-Regeln und das Verbot sehr riskanter Geschäfte funktioniert. Trotzdem: Wenn es doch wieder, aus welchem Grund auch immer, zu einer Krise kommen sollte, könnte die Ansteckung noch schneller als damals ablaufen, warnt Sandra Navidi.

"Wir sind anfälliger für eine neue Krise, weil einfach mehr Risiken im System sind, weil wir vernetzter sind, vor allen Dingen auch technisch und wirtschaftlich." Sandra Navidi Finanzexpertin, New York

Das bedeutet: Erst wenn es irgendwann zu einer neuen Krise kommt, werden wir wissen, wie gut wir wirklich gewappnet sind.